10.04.2012

Ukraines Megastar Andryi Shevchenko will zur EM 2012

Der Armani-Soldat

Andriy Shevchenko ist wohl der beste ukrainische Fußballer aller Zeiten. Derzeit quält sich der Megastar mit allen Mitteln zur Erfüllung seines großen Traums – die Teilnahme an der Heim-EM 2012. Ein Porträt eines treuen Dieners.

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Imago

Am 8. November 2011, nach 17 Jahren im Konzert der ganz Großen geht es nun auf das Ende zu. Ganze 17 Jahre regierte Italiens Scarface Silvio Berlusconi sein Land nahezu totalitär – nun gab er seinen schrittweisen Rückzug bekannt. Italien, ach was, ganz Europa jubelt – ein Verrückter weniger. Man mag es Ironie des Schicksals nennen, dass im Schlagschatten von Berlusconis Rücktritt auch Andriy Shevchenko verkündete, der Fortgang seiner einzigartigen Karriere stehe auf der Kippe. Ukraines Fußballgott, mittlerweile 35 Jahre alt, lebt mit dem Traum, bei der Heim-EM 2012 für die Ukraine aufzulaufen. Shevchenko und Berlusconi sind gute Freunde, der Staatsmann ist der Patenonkel von Shevchenkos jüngstem Sohm Jordan, der Kicker und der Bunga-Bunga-Boy haben am gleichen Tag Geburtstag. Nun stehen beide am Scheideweg ihrer Karriere. Den Einen zwingen Lügen, Schulden und schöne Mädchen in die Leitplanke – ihn wird keiner vermissen. Den Anderen hält der eigene Körper auf. Der Unterschied: Mit Shevchenko hat ganz Fußball-Europa Mitleid.



Der Aufstieg des Andriy Mykolayovych Shevchenko ist die Geschichte eines ewig treuen Dieners, eines Jungen, für den Fußball nie große Kunst aber immer harte Arbeit war, eines Wanderers zwischen den Welten. Geboren als Sohn eines ehemaligen Rotarmisten muss er bereits im Alter von neun Jahren mit seiner Familie vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus seinem Heimatdorf fliehen. Er wird Zeit seines Lebens eine neue Heimat suchen. Halt gibt dem kleinen Andriy in dieser Zeit der Sport: Boxen, Leichtathletik, Eishockey – sein vielseitiges Talent kulminiert schlussendlich in einem überragenden Nachwuchsfußballer. Ein späterer Megastar, der um ein Haar durch das Raster gefallen wäre, als er im Alter von zehn Jahren durch eine Aufnahmeprüfung in der angesehen staatlichen Sportschule von Kiew fällt. Shevchenko war bei einem schlichten Dribblingtest zu langsam, der Weg in die Sportelite der damaligen UDSSR scheint ihm verwehrt. Erst als er wenig später bei einem Sichtungsturnier seine Gegenspieler in Grund und Boden rennt, schießt und köpft, öffnet ihm Dynamo Kiew die Tore zum vereinseigenen Jugendinternat. 

Vaterfigur Valerie Lobanovski

Er durchläuft alle Jugendmannschaften und damit die militärähnliche Kaderausbildung des ukrainischen Vorzeigeklubs. 330 Tage im Jahr verbringen Dynamo-Spieler im Trainingslager. »Wenn du deine Frau siehst, muss Neujahr sein«, sagt man sich in den kargen Zimmern der Kiewer Spielerkaserne. Das strenge Regiment seiner Trainer und die Philosphie des Klubs, der keine Stars, sondern nur gleichförmige Maschinen duldet, formt und prägt Shevchenko für sein weiteres Leben. Nach der Systemfußball-Idee von Trainer-Standbild Valerie Lobanosvki bildet der Klub alle Spieler zu Allroundern aus. Das Motto: Kreativität ist lediglich die höchste Form von Organisation. Dynamo Kiew spielt fortan eine kaukasische Version des holländischen Voetbal total. Lobanovski wird zum Lehrmeister des lernwilligen Shevchenko, der wie ein Besessener trainiert und sich schrittweise vom schüchternen Angreifer mit dem Bärchenblick zum menschgewordenes Knallgas entwickelt. Der Ball ist sein Feuer.

Mit seinem kongenialen Sturmpartner Sergij Rebrow bringt er in den Jahren 1994 bis 1999 die Hegemonialstellung des europäischen Spitzenfußballs ins Wanken. Barca, Real, Bayern, Milan – sie alle stolpern ein ums andere Mal über Lobanosvkis Dynamo. Der größte Stolperstein: Andriy Shevchenko. Spätestens als er in der Saison 1997/98 den FC Barcelona per Hattrick im Alleingang zurück nach Katalonien schießt, steht der blonde Pfeil auf dem Zettel aller europäischen Großklubs. 1999 schaltet er mit drei Toren Real Madrid im Viertefinale der Champions Leauge aus. Dynamo scheitert erst im Halbfinale am FC Bayern. Im Hinspiel trifft Shevchenko doppelt, das Spiel endet 3:3. Nach dem Saisonende wird ihm mitgeteilt, dass er zukünftig für den AC Mailand spielen wird. Der Berlusconi-Klub hatte die Rekordsummer von 24 Millionen Euro nach Kiew überwiesen. Ob Shevchenko überhaupt gehen wolle, hat ihn nie jemand gefragt. Er ging. Sein Klub war ihm Befehl.

In die Glitzerwelt von Milan passt der schüchterne Ukrainer anfangs so gut wie ein Neandertaler in ein Internetcafé. Die Presse witzelt über das Babyface, das zu seiner Vorstellung nicht im schicken Nadelstreifenanzug, sondern in Jeans und T-Shirt erscheint – im Schlepptau hat er zudem noch Mama, Papa und seine Schwester. »Wer in seinem Leben viel macht und wenig zeigt, gehört verehrt«, diktiert er den grinsenden Journalisten in die Blöcke und widerspricht damit allem, wofür das Milan dieser Jahre steht. Shevchenko wirkt in der durchkommerzialisierten Serie A der Nullerjahre wie ein Steinzeitrelikt aus einer anderen Fußballwelt. »Stellt euch vor, er hat noch nicht einmal einen persönlichen Sponsor«, jauchzt die »Gazzetta dello Sport« als der Neue im ersten Spiel mit schlicht schwarzen Schuhen ohne großes Herstellerlogo auftaucht. »Die sind Marke Shevchenko«, grinst der Ukrainer anschließend. 

Und während die Mannschaftskollegen Maldini, Bierhoff und Weah längst für Kreditkarten, Haarshampoo und Sportartikel werben, beschränken sich Shevchenkos Marketingaktivitäten auf die Kegelbahn eines Freundes in Kiew. An freien Tagen taucht der Ukrainer auf dem Trainingsgelände des AC auf, um Extraschichten zu schieben. Weil ihm keiner die Kabine aufschließt, trainiert er in Jeans und Sweatshirt. So viel Disziplin verstört die Tifosi, die den Neuankömmling erst einmal mit gehörigem Sicherheitsabstand beäugen. Doch die Distanz ist schnell verflogen, als ihr Stürmer mit der Nummer 7 Tore am Fließband schießt. Der Systemfußball alla Milan, jenes von Arrigo Sacchi in den Klub verpflanzte Gen von schockgefrorener Eleganz, scheint wie gemacht für den pfeilschnellen Blonden, der auf jeden unnötigen Haken verzichtet. 

Bierhoff, Weah und Gilardino fliehen vor der ewigen Nummer 7

Er ist kein Kombinationsfußballer, sondern ein kalter Vollstrecker, dessen Tore selten Kunstwerke sind, dafür meist sehr wichtig. Sein Motto »Ein Tor, das zu keinem Titel führt, ist ein unwichtiges Tor!« In Mailand findet er seine Brüder im Geiste. Mit einer Mixtur aus Schnelligkeit, Gewandtheit und Kraft überrumpelt er die ansonsten bombensicheren Serie-A-Defensiven, seine eleganten, raumgreifenden Schritte lassen sie reihenweise wie erstarrte Salzsäulen aussehen. Am Ende seiner ersten Saison trifft der Ukrainer 24 Mal in 32 Spielen und wird Torschützenkönig. Aus dem fremden Kauz aus der Ukraine wird Sheva. Das ist hebräisch und bedeutet: Sieben. Er verdrängt Weltstars wie Bierhoff, Weah und Gilardino ins zweite Glied. Sie alle werden irgendwann gehen, weil sie ahnen, dass sie an Sheva nicht vorbeikommen können. Der zieht weiter schweigend seine Kreise in der seinerzeit noch besten Liga der Welt. »Auf dem Platz muss man spielen und trainieren, sprechen kann man später«, sagt er einmal. Es ist sein Credo. Stumm wartet er auf den Ball, um dann mit der immergleichen Abgeklärtheit eines Elitesoldaten seinen Auftrag auszuführen. Einen Gegenmittel hat kaum ein Gegner parat. 

Erst im Jahr 2002 erlebt seine Karriere einen ersten Knick. Nach der gescheiterten Qualifikation zur WM in Japan und Südkorea – die Ukraine unterliegt Deutschland erst in der Relegation – erleidet der Starangreifer eine schwere Knieverletzung. Er kann kein Fußball mehr spielen, fällt in ein tiefes Loch. Shevchenko erkennt, dass Mailand, die Stadt der Reichen und Schönen, auch andere Reize als das Traingszentrum Milanello zu bieten hat. Auf einer Party des Modedesigners Giorgio Armani spricht er ein amerikanischen Modell an, sie antwortet: »Sitzt du nicht bei Milan auf der Ersatzbank?« Sheva ist verliebt, das Objekt seiner Begierde heißt Kristen Pazik – und ist die Freundin von Silvio Berlusconis Sohn Piersilvio. 

Er schwört Milan ewige Treue,

Nach wenigen Wochen und hunderten Anrufen, verließ Pazik den Sohn des Allmächtigen und zog zum Stürmerstar. Doch wer erwartet hatte, dass Berlusconi seinen Sohn in der Folge rächen wird, rieb sich verwundert die Augen. Denn Berlusconi ist verliebt in sein kickendes Kronjuwel, umgarnte ihn mit Einladungen in seine Villa an der Costa Smeralda. Als Shevchenkos Vater in der Ukraine einen Herzinfarkt erleidet, veranlasst der italienische Staatspräsident, dass Sheva senior einen Platz in Italiens renommiertester Herzklinik bekommt. So etwas vergisst der Familienmensch Shevchenko nicht. Er schwört ewige Treue. Genau in in dieser Zeit wird er fester Bestandteil der Mailänder Schickeria, Berlusconi und Armani werden seine engsten Vertrauten, fortan modelt er gar für den Modedesigner und kauft sich drei Porsche Carrera. Shevchenko kommt wieder auf die Beine und schnell läuft es auch sportlich nach Plan. 2003 verwandelt er den entscheidenen Elfmeter im Champions-League-Finale gegen Milans Erzrivalen Juventus Turin. Den gewonnenen Henkeltopf bringt er höchstpersönlich zum Grab von Vaterfigur Lobanovski, der 2002 gestorben war. »Er hat sich diesen Pokal immer gewünscht, ich bringe ihn zu ihm. Er hat ihn sich verdient«, sagt Sheva beim Abflug vom Mailänder Flufghafen.

2004 wird er zu »Europas Fußballer des Jahres« gewählt und somit zum heißbegehrten Objekt des neureichen russischen Milliardärs Roman Abramowitsch, der Sheva nur allzu gern im Trikot des FC Chelsea sehen würde. 2005 bietet er wahnwitzige 75 Millionen Euro – plus Hernan Crespo. Berlusconi antwortet auf diese Offerte trocken: »Eher würde ich mir Arme und Beine abschneiden, als Shevchenko zu verkaufen.« Shevchenko bleibt noch ein Jahr, ehe er im Mai 2006 für 43,5 Millionen Euro zu den Blues wechselt.

Vor seinem Umzug nach London erfüllt sich der ukrainische Superstar einen Lebenstraum: Erstmals nach drei gescheiterten Anläufen nimmt er mit seinem Heimatland an einem großen Turnier teil. Bei der WM in Deutschland erreicht die Ukraine immerhin das Viertelfinale und scheidet erst gegen den späteren Weltmeister Italien aus. Doch es scheint, als hätte Sheva die Jagd nach diesem Erfolg mit der Nationalmannschaft jene Energie geraubt, die für sein Spiel existenziell war. Der Shevchenko, den man beim FC Chelsea begrüßt, ist ein anderer, als der, der einst seine zweite Heimat Milan verlassen hat. Verletzungen, Streits mit Trainern und Mitspielern machen den Heilsbringer zum sündhaft teuren Missverständnis. Die 173 Tore, die er in insgesamt 296 Spielen für Milan geschossen hat, bleiben ein Versprechen, das er nicht mehr halten kann. Und er kann, will und braucht sich auch nicht mehr auf den rasant-robusten Fußball auf der Insel einstellen, da weder José Mourinho, noch Avram Grant und Felipe Scolari auf ihn bauen. Vor Beginn der Saison 2008/09 legt ihm Scolari einen Tapetenwechsel nahe. Bei Chelsea steht Didier Drogba wie ein Fels um Angriffszentrum, auf dem Flügel kommt Sheva nicht zurecht. Der AC Mailand leiht seinen müden Helden für ein Jahr aus.


Die Welt dreht sich auch auch Shevchenko weiter

Auch bei den Schwarz-Roten merkt Shevchenko, dass die Welt sich ohne ihn weitergedreht hat. Die 7 trägt mittlerweile die blutjunge Angriffshoffnung Alexandre Pato, Sheva gibt sich mit der Nummer 76 zufrieden und zieht fortan als eine Art Vereinsmaskottchen mit dem Wanderzirkus Milan durch die Fußballwelt. Ein Ligator soll Shevchenko im Trikot von Milan nicht mehr gelingen. Bevor er nach Ende der Ausleihe zum FC Chelsea zurück muss, bittet Sheva um die Rückkehr zu seinem Ursprung. Chelseas neuer Trainer Carlo Ancelotti, unter dem er bei Milan seine größte Zeit hatte, gesteht später: »Ich habe ihm geraten zu gehen, weil ich möchte, dass er weiter in einer Starelf stehen kann.« Die Blues willigen ein, Sheva kehrt heim zu Dynamo Kiew. Doch auch zuhause spielt Shevchenko nur noch sporadisch. Kein Problem, denn er hat längst einen letzten großen Traum für sich entdeckt. 

Er will bei der Heim-EM 2012 für sein Land auflaufen – im Alter von knapp 36 Jahren. Gestern nun wurde bekannt, dass Shevchenkos Körper eigentlich nicht mehr für eine Europameisterschaft gemacht ist. Sein Rücken bereitet zu große Probleme. Nationaltrainer Oleg Blochin hat ihn trotzdem für das anstehende Länderspiel gegen Deutschland nominiert. »Andrej ist nicht irgendein Fußballspieler. Er ist auch ein Mensch von ungeheuerer und unbestreitbarer Autorität, und unser Team braucht ihn«, sagt die andere ukraininsche Fußballgende über seinen alternden Nachfolger. »Er verdient als Spieler und als Mensch Respekt. Wir versuchen ihm zu helfen, damit er bei der Euro in Bestform auflaufen kann.« Die 17 Jahre andauernde Karriere von Andriy Mykolayovych Shevchenko, die Geschichte des ewig treuen Dieners, eines Jungen, für den Fußball nie große Kunst aber immer harte Arbeit war und der statistisch gesehen in jedem zweiten Profispiel ein Tor geschossen hat, soll sein schillerndes Finale finden. Ein ganzes Land will ihm dabei helfen. 

Aber das nationale Heiligtum Shevchenko selbst bleibt Realist: »Ich werde nur spielen, wenn ich bereit dazu bin. Ich will mich und meine Mannschaft nicht blamieren.« Trotz 17 Jahren im Konzert der ganz Großen ist Andriy Shevchenko der bescheidene Realist wie am ersten Tag. Ein weiterer, entscheidener Unterschied zu seinem guten Freund Silvio Berlusconi.

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