Über eine schwachsinnige DFB-Regel

Jubel lieber ungewöhnlich

Erst erzielte Hannovers Szabolcs Huszti den 3:2-Siegtreffer gegen Werder Bremen, dann wurde er vom Platz gestellt. Er hatte nicht vorschriftsgemäß gejubelt. Über den schwachsinnigsten Punkt im DFB-Regel-Katalog.

Der moderne Torjubel trug in den vergangenen Jahren oft seltsame Blüten. Wir sahen Spieler, die ihre Arme bewegten wie Sägen, die mit unsichtbaren Golfschlägern putteten, die mit der Eckfahne Gitarre spielten, mit einem imaginären Bogen einen imaginären Pfeil in die Luft schossen und wir sahen ganze Mannschaften, die in Raupenform über den Rasen zogen. Die Fußballer schienen dabei außerordentlich viel Spaß zu haben. Die Fans schienen dabei außerordentlich viel Fremdscham zu empfinden.

Früher, ja, früher, da war nicht nur alles besser, sondern auch einfacher. Da ballten die Spieler einfach ihre Faust, hüpften in die Luft und schrien »Jaaaa!« oder »Toooor!«. Irgendwann entdeckten die Spieler, dass hinter den Zäunen Menschen standen, die sie, die Spieler, ziemlich großartig fanden. Also liefen sie über die Tartanbahnen und sprangen auf den Zaun und schrien dort »Jaaaa!« oder »Toooor!«. Und als das Fernsehen schließlich immer mehr Kameras aufstellte, präsentierten besonders mitteilungsbedürftige Spieler besonders abgedrehte Slogans auf T-Shirts, die sie klammheimlich und kurz vor dem Anpfiff unter ihre Trikots zogen.

Dann kam die Zeit der Verbote. Zunächst waren die Werbeaufschriften auf den Shirts dran, danach die politischen, religiösen und persönlichen Schriftzüge. Die »Bild« empörte sich damals: »Die Fifa verbietet Gott!« Da war das Jubeln auf dem Zaun längst Geschichte, auch weil ein Spieler mal mit seinem Ehering an einer Eisenspitze hängengeblieben war und danach seinen Finger abriss. In Erinnerung blieben nur die Bilder. Vom Leverkusener Marek Lesniak zum Beispiel, der einst sogar auf einen Zaun sprang, obwohl sich dahinter nichts weiter befand als eine Baustelle. Das Ulrich-Haberland-Stadion wurde gerade umgebaut.

Gefährliche Kombination: Trikot-Auszieh- und Zaun-Jubel

Das Jubeln auf dem Zaun ist seitdem zu einer Art Mutprobe geworden. Die Spieler loten die Grenzen aus, allein, die Grenzen sind im DFB-Katalog ziemlich genau umrissen. Daher bekommen sie dafür jedes Mal die Gelbe Karte. So war es auch am Wochenende beim Hannoveraner Szabolcs Huszti, der gegen Werder Bremen den Siegtreffer zum 3:2 erzielte. Besonders toll: Er schoss das Tor in der 94. Minute per Fallrückzieher. Besonders fatal: Er war danach so aus dem Häuschen, dass er den Trikot-Auszieh-Jubel mit dem An-den-Zaun-spring-Jubel kombinierte. Schiedsrichter Deniz Aytekin zog also zwei Gelbe Karten, was in Summe eine Gelb-Rote Karte macht, und man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn das T-Shirt unter seinem Trikot dazu eine politische oder religiöse Botschaft gehabt hätte. Drei Gelbe Karte hatte es im Fußball bislang nur einmal gegeben. Josip Simunic erhielt sie 2006 im WM-Spiel Australien gegen Kroaten, weil Schiedsrichter Graham Poll ein bisschen die Übersicht verloren hatte.

Deniz Aytekin hat dieses Mal sehr stark die Übersicht behalten und alles ganz besonders richtig gemacht. Richtig im Sinne des DFB-Katalogs. So sah es auch Trainer Mirko Slomka, der allerdings ergänzte, dass man die Regel »vielleicht noch einmal überdenken sollte«. Szabolcs Huszti nahm es mit Humor: »Immerhin habe ich ein neues Wort gelernt: Zaun.« Und er hat gelernt, dass er in Zukunft nicht mehr dorthin rennt. Er wird vielleicht einfach in die Luft springen und Tor rufen. Oder er wird sich auch ein total individuelles Pantomimenstück ausdenken, sollte da aber wissen, dass es auf zahlreiche ach so ungewöhnliche Ausführungen – vom Skorpion über die Babywiege bis zum Birneneindreher – schon Copyrights gibt. Was bleibt da noch?

»Ich liebe dich, Mutti! Das ist für dich, Mutti!«

Vielleicht sollte er es machen wie Paulo Sergio, der einst sein Trikot auszog und darunter weder Haut noch einen Slogan zeigte – sondern ein zweites T-Shirt. Oder wie Fallou Diagne vom SC Freiburg an diesem Wochenende gegen 1899 Hoffenheim. Der Spieler präsentierte nach seinem ersten Bundesligator einen Zettel, auf dem stand handgeschrieben: »Ich liebe dich, Mutti! Das ist für dich, Mutti!« Den Zettel trug er in seiner Hose und man will nicht wissen, seit wie vielen Wochen oder Monaten er dort schon steckte. Fallou Diagne ist Abwehrspieler.

Wie auch immer: Das Vorgehen, Jubelaccessoires aufs Spielfeld zu schleusen, könnte eines Tages, wenn wirklich alle Pantomimen einmal durchgespielt wurden und man sich nicht mal mehr selbst zitieren kann, Schule machen. Wenngleich ein Zaun in der Hose oder im Stutzen außerordentlich auffällig wäre.

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