20.06.2012

Über die mediale Panikmache vor der EM: Eine Bilanz

Nach dem Aufschrei

Vor der EM wurde über ukrainische Hooligans, ukrainische Hotelmafiosi und ukrainische Terror-Tröten berichtet. Gibt es jetzt, zwei Wochen nach Turnierbeginn, einen Anlass zur Beschwerde?

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Neulich spielte die Band Sojuz ein Konzert. Die Leute saßen auf Barhockern und schnippten mit den Fingern, sie klatschten und jubelten. Manchmal schaute der Keyboarder, Typ Allen Ginsberg, zu seinem Posaunisten, einem Schwarzen, um einen Akkord- oder Tonartwechsel einzuleiten. Die Dreadlocks fielen diesem ins Gesicht, dem Sänger hing die Zigarette im Mundwinkel. Eine Jamsession, Free-Jazz. Eine Szenerie wie aus einem Beatroman der fünfziger Jahre, die Kulisse: San Francisco, New York oder Paris. Pulsierende westliche Großstadt, urbane Boheme. Doch das Konzert fand in Kiew statt, in einem kleinen verrauchten Club, auf einem Hinterhof. Nach der EM-Vorberichterstattung hätte man nicht annehmen können, dass es solche Lokalitäten und solch bunte Zusammenkünfte im ach so wilden Osten überhaupt gibt.

Die Meldungen waren so negativ wie vor keinem anderen Fußball-Event. Erst ging es um Stadien, die angeblich nicht fertig wurden, dann um Hundetötungen, Hotelwucher, schlechte Infrastruktur, schließlich um Julia Timoschenko, einen möglichen EM-Boykott und auch um eine Tröte namens Zozulica. Wer trotzdem den Überlebenstrip Ukraine auf sich nehmen wollte, der überlegte es sich spätestens nach der BBC-Dokumentation »Stadiums Of Hate« noch ein zweites Mal. Dort warnte der ehemalige englische Nationalspieler Sol Campbell inständig vor einer Reise in die Ukraine.

Ukrainische No-Go-Areas?

Die Jagd nach der besten Schreckensnachricht ist ein typisches Prä-WM oder Prä-EM-Phänomen. Man weiß jetzt schon, dass im Vorfeld zur WM in Brasilien über Favelas und Mara-Gangs berichtet wird. Wie 2010, als von brennenden Townships und marodierenden Jugendbanden berichtet wurde. Selbst bei der WM in Deutschland gab es unzählige Berichte über die sogenannten No-Go-Areas des Landes. Flankiert wurde die Hysterie von Sätzen wie diesem: »Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen.« Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sprach ihn einen Monat vor Beginn des Turniers.

Auch wenn man manche Kritikbekundung – etwa die der deutschen Politiker im Fall Timoschenko wenige Wochen vor Turnierbeginn – scheinheilig finden kann, ist es richtig, vor einem solch großen Turnier die Probleme des Ausrichterlandes anzusprechen und eine öffentlichen Diskurs herzustellen. Die Zeiten einer Duckmäuser-Haltung wie 1978 in Argentinien sind vorbei. Gefährlich indes ist es, bei bestimmten Themen Kontexte auszublenden, einzig, um ein vorgefertigtes oder intendiertes Bild zu zeichnen. So wie bei etlichen Meldungen, die vor allem die Ukraine betrafen.

Hooligans und Fans treffen sich nicht

Das Land hat ein großes Problem mit Hooligans und Neonazis. In den Städten sieht man rassistische Slogans oder Symbole in Form von Graffiti an den Wänden prangen und nahezu jede Ultra-Szene ist durchsetzt von rechtsextremem Gedankengut. Das wurde ausführlich beschrieben. Doch wusste man vorher, dass dieses Problem die EM nicht mal streifen würde? Dass von diesen Leuten weder für die geschminkten Touristen auf der Fanmeile noch auf die Anhänger in den genormten Stadien eine Gefahr ausgeht. Ähnlich war es schon 2006 und 2010: Die Turniere fanden in den großen Städten statt und nicht in der ostdeutschen Provinz oder in brennenden Townships.

Warnungen, Angst, Leumund

 
 
 
 
 
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