28.06.2012

Über die Entwicklung des Holger Badstuber

Im Schatten der eigenen Solidität

Fanmeile und Presse feiern Mats Hummels als neuen Beckenbauer. Dabei verteidigt neben ihm ein Mann, dessen Entwicklung viel erstaunlicher ist: Holger Badstuber wurde vom Links- zum Innenverteidiger, vom Bubi zum Chefchirurgen.

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Es gab diese Szene aus dem Gruppenspiel gegen Serbien: Milos Krasic nahm einen langen Flugball mit der Brust runter, ließ ihn auf den Spann tropfen, täuschte eine Finte an. Dem blonden Derwisch gegenüber wartete Holger Badstuber. Zaudernd besah sich der deutsche Verteidiger die Annahme, bei der Finte ging er mit und Krasic auf Zehenspitzen an ihm vorbei. Das war am 18. Juni 2010 in Port Elizabeth, Südafrika.

Und dann gab es da diesen Moment vom deutschen EM-Auftakt vor zwei Wochen: Die Partie schleppte sich durch eine torlose zweite Halbzeit, Pepe schlug einen weiten Pass auf Nani, Philipp Lahm trudelte wegen eines vorangegangenen Offensivdribblings noch durch die Hälfte der Portugiesen. Nani drückte, in Gedanken schon die Finte planend, seine Brust raus. Aber plötzlich wuchtete sich Holger Badstuber in die Flugbahn, nahm den Ball aus der Luft und leitete mit einem harten Pass auf Mesut Özil den direkten Gegenstoß ein. Zwei Jahre bedeuten in unserer Welt eine lange Zeitspanne, im Fußball eine kleine Ewigkeit – und für die Entwicklung des Holger Badstuber nicht weniger als einen Quantensprung.

Zweifel: Gar keine

Wenn heute im Halbfinale die italienischen Tausendsassa Pirlo, Balotelli und Cassano auf die deutsche Defensive marschieren, wird es auch und vor allem an Holger Badstuber sein, die Null zu zementieren. Mit Mats Hummels formt er seit Turnierbeginn die Innenverteidigung. Derweil der Dortmunder Kollege für seine Auftritte zum neuen Beckenbauer hochgejazzt wird, greift Badstuber allenfalls Nischenlob ab. Natürlich taugt Hummels mit seinem Hollywoodgesicht besser zum Coverboy, aber die Erklärung ist eigentlich eine andere: Viele Beobachter hatten vorab bezweifelt, der smarte Defensivler könne seine Meisterform ins DFB-Team retten. An Badstuber zweifelte niemand, deshalb treten seine fehlerfreien Auftritten keine Euphorie los.

Die bisherige Europameisterschaft bestätigt dieses Denken. Beim 1:0 über Portugal spielte Badstuber solide, die Niederländer bissen sich an einem soliden Badstuber die Zähne aus, und die Leistungen gegen Dänemark und Griechenland waren, genau: solide. Badstuber hat jede Partie durchgespielt, seine Zweikampfwerte pendeln im oberen Drittel, er begeht nur wenige Fouls, sah nur eine gelbe Karte. Zum wichtigsten Instrument der deutschen Spieleröffnung aber sind seine präzisen Pässe geworden. Die eleganten Vorstöße in die Tiefe des Raumes von Mats Hummels sehen spektakulärer aus, sie sind publikumswirksamer. Badstuber pflegt eine stille Eleganz. Die Tiefe des Raumes überbrückt er mit chirurgischen Schnitten, die nie springen, nie hoppeln, den Adressaten nie verfehlen.

Ein Versprechen, das gehalten wurde

 
 
 
 
 
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