Über die Entwicklung des Holger Badstuber

Im Schatten der eigenen Solidität

Fanmeile und Presse feiern Mats Hummels als neuen Beckenbauer. Dabei verteidigt neben ihm ein Mann, dessen Entwicklung viel erstaunlicher ist: Holger Badstuber wurde vom Links- zum Innenverteidiger, vom Bubi zum Chefchirurgen.

Es gab diese Szene aus dem Gruppenspiel gegen Serbien: Milos Krasic nahm einen langen Flugball mit der Brust runter, ließ ihn auf den Spann tropfen, täuschte eine Finte an. Dem blonden Derwisch gegenüber wartete Holger Badstuber. Zaudernd besah sich der deutsche Verteidiger die Annahme, bei der Finte ging er mit und Krasic auf Zehenspitzen an ihm vorbei. Das war am 18. Juni 2010 in Port Elizabeth, Südafrika.

Und dann gab es da diesen Moment vom deutschen EM-Auftakt vor zwei Wochen: Die Partie schleppte sich durch eine torlose zweite Halbzeit, Pepe schlug einen weiten Pass auf Nani, Philipp Lahm trudelte wegen eines vorangegangenen Offensivdribblings noch durch die Hälfte der Portugiesen. Nani drückte, in Gedanken schon die Finte planend, seine Brust raus. Aber plötzlich wuchtete sich Holger Badstuber in die Flugbahn, nahm den Ball aus der Luft und leitete mit einem harten Pass auf Mesut Özil den direkten Gegenstoß ein. Zwei Jahre bedeuten in unserer Welt eine lange Zeitspanne, im Fußball eine kleine Ewigkeit – und für die Entwicklung des Holger Badstuber nicht weniger als einen Quantensprung.

Zweifel: Gar keine

Wenn heute im Halbfinale die italienischen Tausendsassa Pirlo, Balotelli und Cassano auf die deutsche Defensive marschieren, wird es auch und vor allem an Holger Badstuber sein, die Null zu zementieren. Mit Mats Hummels formt er seit Turnierbeginn die Innenverteidigung. Derweil der Dortmunder Kollege für seine Auftritte zum neuen Beckenbauer hochgejazzt wird, greift Badstuber allenfalls Nischenlob ab. Natürlich taugt Hummels mit seinem Hollywoodgesicht besser zum Coverboy, aber die Erklärung ist eigentlich eine andere: Viele Beobachter hatten vorab bezweifelt, der smarte Defensivler könne seine Meisterform ins DFB-Team retten. An Badstuber zweifelte niemand, deshalb treten seine fehlerfreien Auftritten keine Euphorie los.

Die bisherige Europameisterschaft bestätigt dieses Denken. Beim 1:0 über Portugal spielte Badstuber solide, die Niederländer bissen sich an einem soliden Badstuber die Zähne aus, und die Leistungen gegen Dänemark und Griechenland waren, genau: solide. Badstuber hat jede Partie durchgespielt, seine Zweikampfwerte pendeln im oberen Drittel, er begeht nur wenige Fouls, sah nur eine gelbe Karte. Zum wichtigsten Instrument der deutschen Spieleröffnung aber sind seine präzisen Pässe geworden. Die eleganten Vorstöße in die Tiefe des Raumes von Mats Hummels sehen spektakulärer aus, sie sind publikumswirksamer. Badstuber pflegt eine stille Eleganz. Die Tiefe des Raumes überbrückt er mit chirurgischen Schnitten, die nie springen, nie hoppeln, den Adressaten nie verfehlen.

Ein Versprechen, das gehalten wurde

Hermann Gerland hat ihn diese Übersicht gelehrt, indem er Badstuber bei den Bayern-Amateuren ins defensive Mittelfeld beorderte. »Das war die Zeit, in der ich der Spieler wurde, der ich jetzt bin«, sagt der 23-Jährige. »Ich war der Mittelpunkt des Spiels, ich musste das Spiel lesen.« Schon in seinem ersten Jahr bei den Profis – Louis van Gaal hatte ihn mittlerweile befördert – streute Badstuber seine gepeitschten Pässe ein, nur wurde deren Genialität damals noch überschattet von den gleichzeitigen Unzulänglichkeiten des Rookies, den verlorenen Zweikämpfen, gelegentlicher Hektik, der altersbedingten Naivität.

Heute ist Badstuber gereifter, auch optisch. Vor dem Milchbubengesicht mit strähnigem Justin-Bieber-Bob, dessen 78 Kilogramm sich auf 1,90 Meter schlacksten, zitterte 2010 kein Angreifer. Hätte er nicht das deutsche Trikot getragen, wäre Badstuber bei der WM auch als schüchterner Volunteer durchgegangen, beflissen darauf wartend, den Fußballtouristenmob durch Südafrika zu lotsen. In Polen würde sich keiner erdreisten, Badstuber nach dem Weg zum nächsten Dixie zu fragen. Seine Züge sind kantiger geworden, die Haare kürzer und die Brust breiter, auch weil sich sechs Kilo Muskelmasse dazusummiert haben. Badstuber sieht jetzt so aus wie er heißt. Wegen einer Erscheinung wie der seinen schreiben unverbesserliche englische Blätter immer noch von german tanks, obgleich der Griff in die verbale Kriegskiste weder dem deutschen noch dem Badstuberschen Spiel gerecht wird. Badstuber sagt: »Ich bin jetzt im Zweikampf stabiler, kann Gegner auch einfach mal wegdrücken.« Nicklas Bendtner und Robin van Persie wissen davon ein Lied zu singen.

Auf dem Weg zu Piqué

2010 war Badstuber ein Versprechen. Sein Aufstieg schien kometenhaft, er startete unter Löw und erst das Serbien-Spiel rotierte ihn auf die WM-Bank. Weil Versprechen nur schön sind, wenn sie gehalten werden, hat er sich emanzipiert. Von der linken Seite ins Zentrum, vom bayerischen Buben zum deutschen Chef. Er bellt Anweisungen, ist vom Ehrgeiz getrieben, verzeiht manchmal nicht mal einen Trainingsjux. Als sich Thomas Müller und Toni Kroos in der EM-Vorbereitung einen Spaß damit machten, Badstubers Spieleröffnung durch mangelnde Bewegung zu sabotieren, tobte der Verteidiger durchs Quartier. Dass er es eigentlich kann, wissen die Trainer natürlich. »Holger kommt unserem Ideal eines Verteidigers sehr, sehr nahe«, sagt Co-Trainer Hansi Flick, und Joachim Löw glaubt: »Holger ist auf dem Weg zu Piqué.« Eine Finte wie 2010 würde dem Serben Milos Krasic heute jedenfalls nicht mehr gelingen. Badstuber ließe ihn den Ball gar nicht erst annehmen.

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