19.06.2012

Über die deutsche Gelassenheit

Mit Ruhepuls 60 ins Viertelfinale

Die deutsche Nationalelf spielt nicht mehr so begeisternd wie noch bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, dafür überzeugt sie durch Reife und innere Gelassenheit.

Text:
Stefan Hermanns
Bild:
Imago

Im Moment allgemeiner Ausgelassenheit bewegte sich Bastian Schweinsteiger dorthin, wo der größte Jubel herrschte. Unmittelbar nach dem Tor zum 2:1, das den Einzug der Deutschen ins Viertelfinale der EM endgültig sichergestellt hatte, begab sich der heimliche Chef der Nationalmannschaft zur deutschen Bank. An der Seitenlinie hüpften Spieler und Betreuer umher, Hans-Dieter Flick, der Assistent des Bundestrainers, hätte mit seinem Jubelsprint beinahe den gegnerischen Strafraum erreicht. Schweinsteiger blähte die Backen auf, ließ die Luft entweichen, griff sich eine Trinkflasche und ging kurz in die Knie. Jubel? »Ich bin sehr müde«, sagte der Münchner nach dem Schlusspfiff. Er hörte sich an, als hätte man seine Worte mit halber Geschwindigkeit abgespielt: Iiiiiich biiiiin seeeehr müüü-deeee.

Schockzustand, trotz Sieg

Das Duell mit den Dänen hatte die deutschen Spieler stärker gezeichnet, als es allgemein erwartet worden war. Schweinsteiger wirkte nicht nur körperlich ausgelaugt. Er war auch seelisch erschöpft, nachdem es Mitte der zweiten Hälfte den Anschein gehabt hatte, dass alles auf eine unerfreuliche Dramaturgie hinauslaufen könnte. Die Deutschen waren recht früh in Führung gegangen, die Holländer im Parallelspiel auch. Dann glich Dänemark aus, kurz darauf Portugal – und als die Portugiesen in Charkiw das 2:1 erzielten, war das Team von Joachim Löw nur noch ein dänisches Tor vom Aus entfernt. Trotz zwei Siegen in den ersten beiden Spielen. Schweinsteiger steckte der Schock noch nach dem Abpfiff in den Gliedern: »Stellen Sie sich mal vor, wir kassieren das 1:2, dann wären wir jetzt draußen.«

Bundestrainer Löw wurde später in der Nacht gefragt, wie hoch denn sein Puls in diesen Minuten des Zweifelns und Bangens geschlagen habe. »Wenn ich mich nicht täusche, lag er bei 60, 65. So wie immer«, antwortete er. »Der Puls ist nicht hochgegangen.« Es ist eine Mischung aus Veranlagung und Selbstkontrolle, die in solchen Momenten bei Löw wirkt. Er weiß, dass große Hektik auf der Bank der Mannschaft eher schadet, dass man einen klaren Kopf benötigt. »Als Trainer überlege ich mir natürlich, welche Maßnahmen wir hätten ergreifen müssen, falls Dänemark noch ein Tor erzielt«, berichtete Löw. Andererseits: »Es war für mich irgendwie auch ein Gefühl: Wir kommen einmal durch und machen ein Tor.«

Den Gegner leerlaufen lassen

 
 
 
 
 
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