Über die deutsche Gelassenheit

Mit Ruhepuls 60 ins Viertelfinale

Die deutsche Nationalelf spielt nicht mehr so begeisternd wie noch bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, dafür überzeugt sie durch Reife und innere Gelassenheit.

Im Moment allgemeiner Ausgelassenheit bewegte sich Bastian Schweinsteiger dorthin, wo der größte Jubel herrschte. Unmittelbar nach dem Tor zum 2:1, das den Einzug der Deutschen ins Viertelfinale der EM endgültig sichergestellt hatte, begab sich der heimliche Chef der Nationalmannschaft zur deutschen Bank. An der Seitenlinie hüpften Spieler und Betreuer umher, Hans-Dieter Flick, der Assistent des Bundestrainers, hätte mit seinem Jubelsprint beinahe den gegnerischen Strafraum erreicht. Schweinsteiger blähte die Backen auf, ließ die Luft entweichen, griff sich eine Trinkflasche und ging kurz in die Knie. Jubel? »Ich bin sehr müde«, sagte der Münchner nach dem Schlusspfiff. Er hörte sich an, als hätte man seine Worte mit halber Geschwindigkeit abgespielt: Iiiiiich biiiiin seeeehr müüü-deeee.

Schockzustand, trotz Sieg

Das Duell mit den Dänen hatte die deutschen Spieler stärker gezeichnet, als es allgemein erwartet worden war. Schweinsteiger wirkte nicht nur körperlich ausgelaugt. Er war auch seelisch erschöpft, nachdem es Mitte der zweiten Hälfte den Anschein gehabt hatte, dass alles auf eine unerfreuliche Dramaturgie hinauslaufen könnte. Die Deutschen waren recht früh in Führung gegangen, die Holländer im Parallelspiel auch. Dann glich Dänemark aus, kurz darauf Portugal – und als die Portugiesen in Charkiw das 2:1 erzielten, war das Team von Joachim Löw nur noch ein dänisches Tor vom Aus entfernt. Trotz zwei Siegen in den ersten beiden Spielen. Schweinsteiger steckte der Schock noch nach dem Abpfiff in den Gliedern: »Stellen Sie sich mal vor, wir kassieren das 1:2, dann wären wir jetzt draußen.«

Bundestrainer Löw wurde später in der Nacht gefragt, wie hoch denn sein Puls in diesen Minuten des Zweifelns und Bangens geschlagen habe. »Wenn ich mich nicht täusche, lag er bei 60, 65. So wie immer«, antwortete er. »Der Puls ist nicht hochgegangen.« Es ist eine Mischung aus Veranlagung und Selbstkontrolle, die in solchen Momenten bei Löw wirkt. Er weiß, dass große Hektik auf der Bank der Mannschaft eher schadet, dass man einen klaren Kopf benötigt. »Als Trainer überlege ich mir natürlich, welche Maßnahmen wir hätten ergreifen müssen, falls Dänemark noch ein Tor erzielt«, berichtete Löw. Andererseits: »Es war für mich irgendwie auch ein Gefühl: Wir kommen einmal durch und machen ein Tor.«

Den Gegner leerlaufen lassen

Im Grunde wünscht sich Löw eine Mannschaft wie sich selbst – mit Ruhepuls 60 auch in Stresssituationen. Und die Entwicklung weist eindeutig in diese Richtung. »Es hat eng gewirkt, für uns war es aber nicht so«, sagte Verteidiger Holger Badstuber über die Minuten vor dem Tor von Lars Bender. »Natürlich hätte alles vorbei sein können«, gestand Torhüter Manuel Neuer, »aber wir haben es mit Bravour bestanden.« Die Darbietung in der zweiten Hälfte mag nicht besonders attraktiv ausgesehen haben, doch sie erfüllte ihren Zweck. »Es war nicht herausragend, aber es war gut«, sagte Mats Hummels.

Die Nationalelf hat die WM 2010 endgültig hinter sich gelassen. In Südafrika spielte sie, als gäbe es kein Morgen. Aber es gab ein Morgen. Das Morgen hieß Spanien. Und als die Deutschen im Halbfinale auf den Turnierfavoriten stießen, hatten sie ihren Höhepunkt schon überschritten. Das soll diesmal nicht passieren.

Reduktion, Entschleunigung

Das neue Design der Nationalmannschaft ist halb gewollt und halb erzwungen. Einerseits tun die Gegner den Deutschen nicht mehr den Gefallen, sich von ihnen auskontern zu lassen. Das wird auch am Freitag im Viertelfinale gegen die ultradefensiven Griechen nicht anders sein. Andererseits sieht Löw in der modifizierten Spielweise seines Teams einen Ausdruck von Reife: »Ich glaube, dass die Mannschaft ein solches Spiel vor drei Jahren nicht gewonnen hätte. Vielleicht hätte sie das Unentschieden irgendwie über die Zeit gebracht, aber ganz sicher nicht mit dieser inneren Ruhe. Man merkt dann doch, dass wir technisch gute Spieler haben, die den Ball kontrollieren und den Gegner ein bisschen leerlaufen lassen.«

Mit ihrem reduzierten Stil sind die Deutschen zur konstantesten Mannschaft der Europameisterschaft aufgestiegen. Gemeinsam mit Holland. Beide sind als Favoriten ins Turnier gestartet, die Holländer haben dreimal mit einem Tor Unterschied verloren und sind mit null Punkten ausgeschieden; die Deutschen haben dreimal mit einem Tor Unterschied gewonnen und sind als einziges Team mit der Maximalpunktzahl ins Viertelfinale eingezogen. Auf höchstem Niveau entscheiden Nuancen über Erfolg oder Misserfolg. Insofern ist es nicht die schlechteste Voraussetzung, wenn Mats Hummels nach dem souveränen Ritt durch die Todesgruppe feststellt: »Wir haben das Potenzial, uns noch deutlich zu steigern.«

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