Über den Wandel der Zweikampfkultur

Sag mir, wo die Grätschen sind

Fehlende Vereinstreue und totale Berichterstattung haben das Zweikampfverhalten von Abwehrspielern radikal verändert. Früher wurde gehackt, heute zärtlich gezuppelt. Ein Verlust, den man beweinen kann. Wenn man Härte liebt.  Über den Wandel der Zweikampfkultur

Krach! Körbel gegen Hrubesch, Förster gegen Schatzschneider, Höttges gegen Fischer – das waren nicht nur Zweikämpfe. Es waren Duelle über Jahre und Jahrzehnte. Rainer Bonhof, in den Siebzigern Defensivmann in der legendären Gladbacher Elf, erinnert sich an die Spiele gegen den Dauerrivalen Bayern München. Und an seine regelmäßigen Showdowns mit dem pfeilschnellen Uli Hoeneß: »Wenn der Uli sich im Hinspiel etwas geleistet hatte, dachte ich: Nächsten Monat habe ich ihn wieder, packen wir das Paket doch noch mal an.«   

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So entstanden Rechnungen, die offen blieben und beglichen werden mussten. Und wieder von vorn. Quitt war man erst, wenn die Karriere vorbei war, oft also erst nach über 300 Spielen auf dem Buckel. 

»Es waren überschaubare Zeiten, Transfers selten«, schwelgt Bonhof. »Ich wusste oft ein Jahr vorher, wer beim Spiel gegen Bayern mein Gegenspieler sein würde.« Ein 365 Tage andauernder Traum von der perfekten Fluggrätsche. Beziehungsweise: ein Alptraum.   

»Rudi war einfach zu schnell«

Männer wie Bonhof waren keine schlechteren Menschen als die Profis der Gegenwart. Sie hatten nur einen anderen Ehrenkodex, indoktriniert von einer anderen Gesellschaft. Ihre Fouls wurden noch nicht von Dutzenden Kameras beäugt und vom »Doppelpass«-Tribunal gegeißelt. Heute muss Vedad Ibisevic die Verbannung fürchten, weil er zärtlich an Patrick Owomoyelas Wursthaar zuppelt. Klaus Augenthaler hingegen, der Rudi Völler 1985 für ein halbes Jahr ins Krankenhaus senste, wurde von seinem Trainer Udo Lattek freigesprochen: »Rudi war einfach zu schnell.«  

Nun gibt es die Super-Slowmotion, die jeden Nasenstüber aus acht Winkeln durchleuchtet. Und auch die von Transfers sind ungleich häufiger geworden als noch zu Bonhofs Zeiten. Nicht nur zwischen den Vereinen wechseln die Spieler hin und her, auch innerhalb rotieren sie. Selbst wenn ein Verteidiger sich über Jahre seines Stammplatz in einer Mannschaft sicher sein kann – woher soll er vorher wissen, gegen welchen Bayern-Stürmer er spielt? Klose? Toni? Gomez? Olic? Müller? Das weiß ja noch nicht mal Louis van Gaal.   

Gewachsene Hasslieben gehören der Vergangenheit an. Den Spielern eilt heute kein Kampfname mehr voraus wie »Eisenfuß« (Höttges) oder »der Killer mit dem Babyface« (Förster). Man kennt den Marktwert des anderen aus der »SportBild«. Pedro Geromel gegen Paulo Guerrero – das ist kein Showdown mehr wie zwischen Bonhof und Hoeneß. Das ist ein Meeting.

Man kann es finden wie man will, fest steht: Etwas ist für immer verloren gegangen. 

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