Udo Lattek blickt zurück

»Andere mussten. Ich durfte!«

Udo Lattek, Chef-Inquisitor und einer der erfolgreichsten Trainer des deutschen Fußballs, blickt zurück. Auf Krisen und Erfolge, auf Weisweiler und Beckenbauer. Und auf seine Zeit als bestbezahltester Trainer Deutschlands. Udo Lattek blickt zurück

Udo Lattek, am Samstag werden Sie 75 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?

Ich komm gerade vom Arzt, Schnupfen, Heiserkeit und der ganze Mist.

Sind das die Gebrechen des Alters?


Quatsch. Ich war ein paar Tage Skifahren, da muss ich mir was eingefangen haben.

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Spüren Sie eigentlich schon etwas von der angeblichen »Weisheit des Alters«?


Das tue ich tatsächlich, vor allem meine Kinder und Enkel merken das. Ich bin viel ausgeglichener als früher. Da bin ich ja wie ein HB-Männchen durch die Gegend gesprungen. Du musstest mich nur schief angucken, und ich bin explodiert. Heute lache ich darüber. Insofern lassen sich da gewisse Parallelen zu Jupp Heynckes erkennen. Den hat das Alter ja scheinbar auch beruhigen können.

Sie sind also ein richtiger Märchenonkel geworden?


Genau. Ich kann nur noch im »Doppelpass« noch giftig werden.

Müssen Sie als kritischer TV-Experte in eine Rolle schlüpfen?

Ich spiele keine Rolle. Der »Doppelpass« ist ja quasi mein Ziehkind, ich bin als einziger seit Anfang an dabei, und was ich da sage, wie ich mich verhalte, das geschieht nicht einfach aus einer Laune heraus. Vor der Kamera kann ich auch mal ausrasten, zu Hause bin ich ganz entspannt. Ich bin wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wenn man so will.

Lassen Sie sich vom Fußball noch den Tag verderben?


Nein, die Zeiten sind vorbei. Inzwischen gibt es andere Werte in meinem Leben, und so abgedroschen es aus meinem Mund klingen mag: Fußball ist zur wichtigsten Nebensache geworden. Ich habe für den Fußball, vom Fußball gelebt und diesem Sport viel zu verdanken, aber irgendwann muss auch mal gut sein.

Als Sie 2000 überraschend bei Borussia Dortmund anheuerten, sah das allerdings nicht danach aus.


In diesen fünf Wochen habe ich ganz deutlich gemerkt: Das ist nicht mehr meine Welt. Ich wollte immer den richtigen Absprung schaffen und zwar dann, wenn ich es will, und nicht, weil andere es entscheiden. Das ist Gott sei Dank geglückt.

Hätten Sie zu Ihrer Blütezeit als Trainer in den siebziger, achtziger Jahren gedacht, dass Sie das jemals sagen würden? Damals sah es ja danach aus, dass Sie irgendwann auf der Trainerbank sterben würden.


Dafür war ich doch viel zu gesund! Mein Vorteil war damals auch, dass ich den Druck, der sich zwangsläufig in mir gebildet hatte, während des Spiels rauslassen konnte. Ich habe einfach wild Anweisungen auf das Spielfeld gebrüllt, die aber sowieso keiner verstanden hat. Die Jungs haben nur genickt und gedacht: »Lass den Alten mal reden«. Aber ich war den Druck los.

Dabei wären Sie eigentlich fast gar nicht Fußball-Trainer geworden...

Ich hatte an der Sporthochschule in Köln studiert und mein Examen als Diplomsportlehrer gemacht. Zum gleichen Zeitpunkt hätte ich eigentlich auch Fußballlehrer werden können, wenn ich mich nicht mit Hennes Weisweiler überworfen hätte.

Wie haben Sie das angestellt?

An diesem einen Tag stand bei uns Theorie und Taktik auf dem Stundenplan, aber es war so schönes Wetter, da bin ich stattdessen mit einem Kumpel ins Schwimmbad gegangen. Als wir zurückkamen, stand Weisweiler vor seinem wunderschönen Borgward Isabella und schrie mich an: (ahmt Weisweilers rheinischen Akzent nach) »Lattek! Wo kommen Sie denn her? Mitten im Unterricht!« Ich hab geantwortet: »Leck mich doch am Arsch.« Und er hat mich rausgeschmissen.

Wie ging es weiter?

Hennes hat mich noch ein paar Mal angerufen, aber ich war zu stur und habe ihn ignoriert. Erst mit 30 habe ich noch mal Lust bekommen, Fußball-Lehrer zu werden, und als ich vor Weisweiler stand, rief der: »Ah, Lattek! Sie schon wieder. Jetzt werden wir mal sehen.« Er hat mich ein paar Wochen lang richtig getriezt, aber das war kein Problem für mich.

Und später hat er Sie Bundestrainer Helmut Schön vermittelt?

Hennes war sehr fair. Bei unseren Abschlussprüfungen war Schön Prüfungsleiter und auf der Suche nach einem Assistenztrainer. Weisweiler hat zu ihm gesagt (ahmt ihn wieder nach): »Helmut, den kannst du dir merken. Der ist zwar nur Student und kein Fußballer, aber ganz brauchbar.« Das stimmt zwar nicht ganz, ich war ganz erfolgreich in der Oberliga für Osnabrück aktiv, aber quasi ohne Erfahrung bin ich fünf Jahre lang Assistent von Helmut Schön gewesen.

Bis Sie bei den Bayern landeten. Wie kam das zu Stande?


1970 stand Franz Beckenbauer vor meiner Tür, bei den Bayern hatten Sie Probleme mit Branco Zebec, und er hatte vom Präsidium den Auftrag bekommen mich zu fragen, ob Trainer in München werden wolle. Ich habe ihn gefragt: »Warum ich?« Darauf Franz: »Alle Bayern, die mit dir in der Nationalmannschaft arbeiten, wollen gerne dauerhaft unter dir trainieren.« Also bin ich nach München geflogen, habe einen Vertrag unterschrieben, und damit begann die ganze Scheiße (lacht).

Müssen Sie diese ganzen Geschichten auch immer in der Familie zum Besten geben?


Die interessiert sich nur für den FC (1. FC Köln, d. Red.). Alles andere ist egal. Ich bin auch kein Ewiggestriger, der sich mit alten Wimpeln zudecken kann und seine Gäste die Trophäensammlung zeigt. Das einzige, was in meinem Büro auf Fußball hindeutet, ist eine nachgemachte Meisterschale, die ich als Abschiedsgeschenk vom FC Bayern bekommen habe. Alles andere ist säuberlich verpackt.

Am 75. Geburtstag werden Sie sich also nicht die alten Orden an die Brust heften?

Auf keinen Fall. Der 75. Geburtstag ist ja auch eher eine traurige Angelegenheit. In so einem Alter hast du keine Perspektive mehr, keine Ziele vor Augen. Jedenfalls nicht in deinem Beruf. Bislang habe ich die Kurve immer noch bekommen und mir gesagt: Du hast nicht alles richtig gemacht, aber auch nicht viel falsch. Mehr geht in deinem Leben nicht, also genieße das, was da ist. Man muss zufrieden sein, mit sich und seiner Umwelt. Es wäre leicht, wenn ich mich beispielsweise darüber aufregen würde, wie viel Geld Bundesligatrainer in der Bundesliga verdienen. Was ich dann für eine Kohle heute bekommen würde!

Dabei haben Sie in Ihrer Karriere doch sicherlich nicht wenig verdient.

Stimmt. Ich habe auch immer Spielern, die wegen den höheren Gehältern der Kollegen rumgejammert haben, gesagt: »Du Arsch hast einfach schlecht verhandelt!«

Was man Ihnen nicht vorwerfen kann. Ihre Gage für den Kurzauftritt in Dortmund soll legendär hoch gewesen sein...


Dr. Niebaum (Dr. Gerd Niebaum, von 1986 bis 2004 BVB-Präsident, d. Red.) hat mir damals gesagt: »Udo, wenn man dein Gehalt hochrechnet, bist du der bestbezahlteste Manager Deutschlands!«

Waren Sie so ein hartnäckiger Verhandlungspartner?


Eigentlich nicht, ich habe nie hoch gepokert. Bevor ich Dortmund übernahm, hat mich Dr. Niebaum nach einer halben Stunde plötzlich gefragt, was ich mir denn an Gehalt vorstelle. Ich habe ihm geantwortet, wer mich haben will, soll mir ein Angebot machen. Das hat er gemacht.

Und Sie haben gleich eingeschlagen?

Nein, das war mir zu wenig. Er hat es schließlich erhöht und damit war die Sache für mich erledigt.

Und die Sache mit dem Mercedes?


Das war noch ein kleines Zusatzbonbon. Auf dem Parkplatz ist Dr. Niebaum in sein Auto gestiegen, einen nagelneuen Mercedes. Ich habe ihn angehauen: »Wir sind uns ja quasi einig über die Finanzen. Aber so einen Wagen hätte ich auch gerne.« Niebaum: »Du blöder Hund. Aber gut, du bekommst einen.« Den bin ich aber nie gefahren – zu lange Lieferzeit. Also habe ich ihn mir auszahlen lassen.

Solche Werte wie Geld, Macht, Ruhm – relativieren die sich im Alter?


Nicht erst im Alter. Seit dem Tod meines Sohnes 1981 haben sich für mich die Werte im Leben ohnehin radikal verändert. Damals war ich auch Trainer in Dortmund, aber ich wollte weg, obwohl ich mich wohl fühlte. Ich bin dann zum schwierigsten Verein der Welt gegangen: FC Barcelona. Ich brauchte diese Herausforderung, um mein Leben in den Griff zu bekommen.

Gibt es etwas Schlimmeres als den Tod des eigenen Kindes?

Nein. Danach ändert sich das Leben in jeder Hinsicht. Kurz danach ist meine Tochter zur Welt gekommen, meine Frau und ich waren uns einig, dass wir – nachdem wir ein Kind verloren hatten – ein neues bekommen wollten. Wir hatten uns zuvor in jeglicher medizinischer Hinsicht abgesichert (Latteks Sohn Dirk starb an Leukämie, d. Red.). Ich wollte noch einmal sehen, wie ein Kind aufwächst. Bei meinen anderen Kindern blieb mir das verwehrt, ich war ja dauernd unterwegs.

Die Zeit als kostbares Gut...

Ich habe dieses Gut zu schätzen gelernt. Meine jüngste Tochter konnte mit ihrem Vater groß werden, ich hatte viel mehr Zeit für sie. Es ist ja nicht so, dass Bundesligatrainer nur von 13 bis 17 Uhr arbeiten und danach die Füße hochlegen. Wenn ich abends vor dem Fernseher saß, hat mich meine Frau oft gefragt: »Was läuft denn?« Ich konnte es ihr nicht sagen, weil ich mit den Gedanken schon wieder bei der Mannschaft war.

Sie sind in Bosemb, Ostpreußen, geboren. Was steckt noch in Ihnen von der alten Heimat?


Nichts. Ich war zehn Jahre alt, als ich mit meiner Mutter fliehen musste. Zweieinhalb Jahre lang waren wir in einem Internierungslager im dänischen Aalborg. Für mich war das eigentlich eine großartige Zeit, denn ich hatte keine Schule. Nur nachher musste ich das alles nachholen. Später sind wir nach Wipperfürth gegangen, dort habe ich auch mein Abitur gemacht. Mein Vater war aus russischer Gefangenschaft gekommen, und hatte sich einen Bauernhof im nahe gelegenen Königsheide gepachtet. Auf dem Hof musst ich als Knecht malochen, das hat am meisten Einfluss auf meine Entwicklung genommen.

Warum sind Sie dann nicht Landwirt geworden?


Mein größtes Erlebnis war, als ich nach einem Jahr als Knecht von meinem Vater die Order bekam, auf die Landwirtschaftsschule zu gehen, um Landwirtschaft zu studieren. Ich bestand darauf, mein Abitur zu machen. Mein Vater meinte: »Du gehst auf diese Schule!« Ich habe ihm geantwortet: »Das wollen wir doch mal sehen.« Ich bin anschließend zu meinem Lehrer gegangen, bei dem ich aufgrund meiner sportlichen Fähigkeiten ein Stein im Brett hatte, und habe ihm mein Problem berichtet. Er hat dann meinen Vater kommen lassen und ihm gesagt: »Sie dürfen die Karriere ihres Sohnes nicht zerstören.« Mein Vater kam zurück, und ich durfte Abitur machen. Ich durfte! Andere mussten.

Hat die Beziehung zu Ihrem Vater darunter gelitten?

Wir haben uns dadurch tatsächlich ein wenig voneinander entfernt. Eigentlich hat er mich erst verstanden, als ich die großen Erfolge als Trainer feiern konnte. Da war plötzlich wieder alles richtig.

Sie haben sich im Laufe der Jahre viele Feinde gemacht. Können Sie mit der Kritik inzwischen umgehen?


Wenn mir jemand ehrlich ins Gesicht sagt, ich sei ein Arschloch, habe ich damit kein Problem. Aber ich finde es ungerecht, wenn sich Menschen, die nie mit mir gesprochen haben, die ich nie kennen gelernt habe, ein Urteil über mich bilden, dass nur von Dritten beeinflusst wird. Ich habe mal einen sensationellen Satz gelesen: »Lattek hat eine rote Birne, als ob eine Peperoni Sonnenbrand hätte.« Ich kann mit Kritik umgehen, aber die muss dann auch fundiert sein.

Sie selbst sind ebenfalls als notorisch kritischer Zeitgeist bekannt...

Wie gesagt, privat bin ich anders, aber auf dem Trainingsplatz, beim »Doppelpass« spreche ich Dinge an, die mich stören. Das muss auch so sein. Wo Reibung ist, da entsteht Energie. Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker hat mir, als ich die junge Garde um Hoeneß und Breitner zu den Bayern geholt habe, immer vorgeworfen, nur Studenten zu holen. Ich wollte aber keine Studenten, ich wollte mündige Spieler. Wenn ich Breitner gesagt hätte: »Lauf mal durch die Wand«, hätte der gefragt: »Warum, wenn ich drum herum laufen kann?« Ich wollte keine Befehlsempfänger.

Wo werden Sie Ihren Geburtstag feiern?

Ganz entspannt mit der Familie, wo mich keiner findet. Für den Sonntag haben allerdings schon die Kollegen vom »Doppelpass« irgendwas auf der Pfanne. Mir hat noch keiner was verraten, aber ich weiß: Da ist was im Busch.

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