TV-Kritik: Ein Europapokalabend im ZDF

Die Borussia, der Olli vom ZDF, du und ich

Volksnähe soll ja was Tolles sein. Aber wenn man es sich mal genau überlegt: Wer will schon mit einem ZDF-Kommentator das Ausscheiden einer deutschen Mannschaft betrauern? Oliver Schmidt wollte seine Zuhörer genau dazu zwingen. Er und sie wurden zu »wir«. Müssen wir uns das bieten lassen?   

Volksnah zu sein gilt als positives Attribut. Bei Politikern, die dafür ihr halbes Leben in Fußgängerzonen verbringen, aber auch bei Sportkommentatoren. Wenn einer von ihnen die Sprache des Volkes spricht, überwindet er automatisch den Graben zwischen Sender und Empfänger. Er gerät gar nicht erst in Verdacht, nach dem Abpfiff auf Kosten der Gebührenzahler Hummerschwänze abzunagen. Kurzum: etwas Besseres zu sein als diejenigen, zu denen er spricht. Einem Mann wie Marcel Reif ist das nie gelungen. Sehr wahrscheinlich hatte er es auch nicht vor. Bei ihm wird Fußballberichterstattung zum Feuilleton, wie ein Theaterkritiker urteilt er von seiner Loge herab über das Dargebotene, Blut, Schweiß und Tränen einfach mit dem seidenen Einstecktuch wegwischend.

Ein Tag, an dem man Marcel Reif vermisst

Nicht wenige haben ihn für seinen Dünkel kritisiert, 11FREUNDE inbegriffen. An Tagen wie gestern aber, und damit das Aufwühlendste vorweg, vermisst man diesen Reif durchaus. Einen, der etwas Besseres ist als diejenigen, zu denen er spricht (weil er es womöglich einfach besser kann als sie). Einen, der eben nicht volksnah ist. Genauer gesagt: nicht so volksnah wie Oliver Schmidt vom ZDF.

Borussia Mönchengladbach hatte sich nach einem 1:3 zuhause im Rückspiel bei Dynamo Kiew wieder heran gekämpft. 2:0. Das Weiterkommen schien plötzlich wieder möglich. Nun hätte man gern erfahren, wie es die Gladbachern geschafft hatten, den Gegner auswärts derart unter Druck zu setzen. Was jetzt, da immer noch ein Tor fehlte, zu tun sei. Und wann das wem schon mal gelungen war.

Doch Oliver Schmidt fiel nur ein: »Richtig Dampf auf'm Kessel hier!« Und mit Blick auf die Ukrainer: »Die haben richtig schön Wackelpudding in den Kniekehlen!« Sätze, die so vollgesogen waren von Parteilichkeit und Präpotenz, dass man sie im Offenen Kanal Niederrhein gerade noch ertragen hätte, wenn sich ein Gladbacher Rentner ans Mikrofon setzt und seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Nicht jedoch im ZDF, von dessen Mitarbeitern man immer noch ein Mindestmaß an Expertise und Objektivität erwarten. Aber womöglich ist das auch nur noch ein Reflex aus längst vergangener Zeit, als Rolf Kramer sich, nachdem er das 1:2 durch Kalle Rummenigge im WM-Finale 1986 bejubelt und eine »Zugabe« gefordert hatte, betreten entschuldigte: »Verzeihung, das klingt vermessen.«

»Leute, egaaal!«, hechelte Schmidt

Ob Oliver Schmidt nun selbst Gladbach-Fan ist oder sich im Europapokal schlichtweg für alle deutschen Mannschaften zerreißt, weiß man nicht. Man weiß nur, dass die Grenze endgültig überschritten war, als er seine Zuhörer in der Schlussphase zwang, im Tiegel seiner tumben Begeisterung mit ihm zu verschmelzen. »Verdient, da sind wir uns doch einig, hätte es Borussia Mönchengladbach«, hechelte er. Und dann, als Dynamo das 1:2 erzielt hatte: »Leute, egaaal! Ein Tor – und wir sind in der Verlängerung!«

»Wir« also. Das sind offenbar die Borussia, der Olli vom ZDF, du und ich – Schulter an Schulter in einem überfüllten Bus, der in die falsche Richtung fährt. Ist das jetzt etwa diese viel gerühmte Volksnähe? Na, dann. Um mit Oliver Schmidt zu sprechen: »Man kann nur sagen, zähneknirschend: Herzlichen Glückwunsch!«

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