21.06.2012

Tschechiens Theodor Gebre Selassie im Portrait

»Ich bin froh, dass ich anders bin«

Mutter Tschechin, Vater Äthiopier: Theodor Gebre Selassie fällt bei der EM nicht nur wegen seiner Hautfarbe auf. Der Rechtsverteidiger ist einer der Besten im tschechischen Team.

Text:
Michal Petrak
Bild:
Imago

Im letzten Oktober begrüßte Sparta Prag Slovan Liberec in der tschechischen Liga und das Team aus der Hauptstadt hatte zuvor neun Spiele in Folge gewonnen. Es sah so aus, als ob die Meisterschaft schon im Winter entschieden ist. Doch Liberec fegte Sparta mit perfektem Konterfußball 3:0 vom Platz. Besonders der dritte Treffer war ein Hochgenuss: Jiri Stajner passte den Ball mit der Hacke in den Lauf von Selassie, der in vollem Tempo auf dem Weg nach vorne stürmte und den Ball ebenfalls mit der Hacke an seinem Gegenspieler vorbei spielte und anschließend den Ball zentimetergenau auf Michal Breznanik flankte, der nur noch einzunicken brauchte. »Ich habe es einfach probiert und es hat geklappt«, sagte Selassie nachdem Spiel. »Wenn wir 0:2 im Rückstand gewesen wäre«, hätte ich es nicht gemacht.

Nach dem Tor verhöhnten ein paar Sparta-Fans Selassie mit Affenlauten. Später wehrten sich die Anhänger gegen diesen Vorwurf und meinten, dass die Buhrufe Breznanik galten, weil der mal in einem Freundschaftsturnier einem Sparta-Spieler den Fuß gebrochen hatte. Der Klub wurde trotzdem wegen rassistischer Gesänge bestraft.

Ein Versprechen für die Zukunft

Theodor Gebre Selassie fällt auf im tschechischen Fußball. Er ist ein äußerst talentierter Rechtsverteidiger, seine Vorstöße und punktgenauen Diagonalbälle sind tödlich für jede Abwehr. Und er ist schwarz. Seine Nominierung für ein Freundschaftsturnier in Japan 2011 durch Nationaltrainer Michal Bilek war eine Offenbarung und ein Versprechen für die Zukunft. »Theodor war eine Riesenüberraschung. Er hat sich wirklich ins Rampenlicht gespielt«, sagte Nationaltrainer Bilek. Im vergangenen August zeigte Tschechien beim 0:3 in Norwegen dann eine der schlechtesten Leistungen seit langem. Die Offensive präsentierte sich mau, die Abwehr plump. Es sollte das letzte Spiel vom erfahrenen Zdenek Pospech (Mainz 05) auf der rechten Seite werden. Die heftige Niederlage öffnete Bilek die Augen. Pospechs Erfahrung konnte nicht mehr mit der jugendlichen Energie und Ausdauer von Selassie mithalten. Die Position des  Rechtsverteidigers war von nun an Eigentum von Selassie, der als Bestandteil einer Gruppe von jungen Spielern Tschechien im Endspurt der Qualifikation zur Europameisterschaft führte.

Allerdings gibt es immer noch Leute, die der Meinung sind, dass er wegen seiner Hautfarbe nicht ins Nationalteam gehört. »Ich finde das sehr merkwürdig und bin traurig darüber. Ich bin in Tschechien geboren, lebe seit meiner Geburt hier«, sagt Theo im perfekten Tschechisch. » Ich war nur einmal in Äthiopien und da war ich zwei Jahre alt. Das muss man sich mal vorstellen. Da ist ein Schwarzer der Anführer der mächtigsten Nation der Welt und dann diskutieren Leute darüber, warum ich in der tschechischen Nationalmannschaft spiele!«

Doch ganz langsam verschwindet der Rassismus in der tschechischen Gesellschaft. Die von Isolation geprägte kommunistische Vergangenheit stirbt aus, immer weniger Tschechen sehen Menschen mit anderer Hautfarbe als eine Bedrohung für die eigene Kultur an. Vorbei sind die Neunziger und die Zeit nach dem Jahrtausendwechsel, als Fans Bananen auf Zimbabwes Kennedy Chihuri schmissen, der bei Viktoria Zizkov spielte. Das hat auch Selassie bemerkt. Er muss »nur« noch mit vereinzelten Affengeräuschen umgehen, was ihm dank seines positiven Charakters, seiner Intelligenz und ausgeprägter mentaler Stärke leicht gelingt. »Ich bin froh, dass ich anders bin. So bin ich wenigstens besser zu sehen. Andererseits ist das auch ein Nachteil, wenn ich mal schlecht spiele«, scherzt Selassie lächelnd.

Zu Intelligent für einen Fußballer

 
 
 
 
 
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