Trotz Toren: Zweifel an Mario Gomez

Der umstrittene Held

Mario Gomez erzielte den wichtigen Siegtreffer gegen Portugal. Doch außer dem Tor gelang dem Angreifer vom FC Bayern München nicht besonders viel - er nahm kaum am Spiel der deutschen Mannschaft teil

Am Abend des 16. November 2011, um kurz vor halb elf, hat der deutsche Fußball eine Anleihe auf die Zukunft genommen. In Hamburg spielte die Nationalmannschaft gegen Holland, und als in der 82. Minute Miroslav Klose das Feld verließ, hatten die Deutschen keinen einzigen gelernten Stürmer mehr auf dem Platz. Für Klose rückte Thomas Müller in die Spitze, ein Mittelfeldmann, dessen größte Qualität ein nicht zu bändigender Bewegungsdrang ist.

Müller schafft Räume, er ist immer anspielbar und hält das Spiel dadurch stets auf Touren. Als »die Fluidität der Neuzeit« hat der Taktikblog »Spielverlagerung.de« diese Entwicklung bezeichnet: Alles ist im Fluss, die Grenzen verwischen.

So sieht die Moderne aus.

Gomez Wert bemisst sich allein an Toren

Am Abend des 9. Juni 2012 hat der deutsche Fußball noch einmal die Vergangenheit bemüht. Gegen Portugal bot Bundestrainer Joachim Löw Mario Gomez, einen wuchtigen Strafraumstürmer, als einzige Spitze auf. Klose, der den Sprung aus der Vergangenheit in die Zukunft längst geschafft hat, saß auf der Bank. Nach dem klassischen Fußballmodell durfte sich Gomez später als Matchwinner feiern lassen. »Eine Chance, ein Tor – das spricht für seine Qualität«, sagte Löw. Der Münchner hatte den einzigen Treffer erzielt, seine Geschichte bekam dadurch eine fast kitschige Note. Für den 26-Jährigen war es das erste Tor überhaupt bei einem großen Turnier. »Es war ein weiter Weg bis hierhin«, sagte Gomez.

Eigentlich war der Weg am Samstag schon wieder zu Ende. Klose stand zur Einwechslung bereit, der Vierte Offizielle hielt die Tafel bereits in der Hand. Und wenn Gomez nicht in seiner mutmaßlich letzten Aktion getroffen hätte, wäre wohl jede Menge Kritik auf ihn eingeprasselt. Vor allem aber hätte ihn vermutlich das gleiche Schicksal ereilt wie bei der EM 2008 und bei der WM 2010: Gomez wäre fortan nur noch Ersatz gewesen.

Gomez hat seinen Wert für die Mannschaft nachgewiesen, doch der bemisst sich allein an Toren, und das ist ein Luxus, den sich auf höchstem Niveau niemand mehr leisten kann. Gerade in engen Spielen stößt Gomez an seine Grenzen. In der Bundesliga erzielte er in dieser Saison 26 Tore. Doch in sieben Einsätzen gegen die Mannschaften aus den Top Five traf er kein einziges Mal.

Mit ihm hat man einen Mann weniger

Es war frappierend, wie sich durch Gomez’ Mitwirken die Statik im deutschen Spiel veränderte. Er entzog sich den Kombinationen und bremste den Fluss. Wenn seine Kollegen den Ball durchs Mittelfeld führten, war es, als rannten sie auf eine Wand zu. Gomez wendet seinen Mitspielern den Rücken zu, weil er auf ein Anspiel in die Gasse wartet. Doch wenn der Gegner halbwegs geschickt verteidigt, ist der Mann in der Spitze nicht zu erreichen. Im Grunde hatten die Deutschen einen Mann weniger auf dem Platz. Ganze vierzehn Pässe spielte Gomez, sechs kamen an. Von allen Deutschen verzeichnete er damit sowohl quantitativ als auch qualitativ den mit Abstand schwächsten Wert.

Statt sich Richtung Tor zu kombinieren, musste die Mannschaft immer wieder den Umweg über die Außenpositionen wählen. So viele Flanken wie gegen Portugal haben die Deutschen seit Ewigkeiten nicht mehr geschlagen – weil Joachim Löw grundsätzlich einen anderen Plan verfolgt. Sein Ziel ist es, die Angriffe so vorzubereiten, dass das Tor am Ende gar nicht mehr zu verhindern ist. Hohe Flanken sind das genaue Gegenteil dieser Idee. Sie sind recht einfach zu verteidigen. So war es auch am Samstag: Meistens segelten die Bälle über Gomez hinweg ins Nichts.

Wie sich der Bundestrainer das Spiel vorstellt, war Ende vorigen Jahres gegen Holland, den nächsten EM-Gegner, zu sehen. Mit Klose. Er erzielte beim 3:0 ein Tor, zwei bereitete er vor. In beiden Fällen hätte er wahrscheinlich auch selbst getroffen; doch beide Male passte er noch einmal in die Mitte, so dass Müller und Mesut Özil den Ball nur noch über die Linie wuppen mussten. Aus der Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs hatte Klose eine Gewissheit gemacht. Am Samstag gegen Portugal regierte eher der Zufall.

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