Trendsportart Gesangsmarathon

Staubsauger auf den Rängen

Fans singen heutzutage gerne mal eine Halbzeit durch das gleiche Lied – in dem irrigen Glauben, damit ihre Mannschaft zu unterstützen. Imago
Heft #66 05 / 2007
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Auch im Fußball gibt es Support. Der ist dann besonders bedeutsam, wenn das Spiel der eigenen Lieblingsmannschaft klemmt, nervt oder keinen Mucks mehr macht. Anders als im Internet muss sich die Mannschaft um diesen Support nicht bemühen. Er kommt von alleine. Im Idealfall. In den letzten zehn Jahren hat das Supportwesen jedoch vielfach eine neue Richtung eingeschlagen. In vielen Fanblocks beobachtet man das Phänomen, dass der Support dort zum Selbstzweck geworden ist. Soll heißen: Es wird Laut gegeben mit der unterschwelligen Ansage »Uns egal, was die Millionäre auf dem Spielfeld leisten – wir feiern uns selbst!« Das ist legitim, solange es Spaß macht. Heikel wird es, wenn aus Lautstärke oder Dauer des Supports das Grundrecht abgeleitet wird, eine Gegenleistung zu erhalten. In diesem Fall ist der Support kein Geschenk mehr an die eigene Elf, sondern als Investition gemeint: »Wir supporten euch, und ihr habt die verdammte Pflicht, uns einen schönen Nachmittag zu machen!«. Das kommt leider oft ein bisschen rüber wie: »Wenn du mir Geld gibst, habe ich dich lieb!«

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Es hindert Fans auch nicht daran, zunächst auf den Rängen mit heiserer Stimme an die Adresse der eigenen Mannschaft zu singen, dass man »zu dir steht, für jetzt und alle Zeit – Was auch immer geschieht, wir lieben dich sowieso bis in die Ewigkeit« (jeder Schnulzen-Freddy der 70er Jahre hätte das auch nicht besser formulieren können), um anschließend mit einer Sitzblockade vor dem Mannschaftsbus eindrucksvoll zu demonstrieren, dass es vermutlich doch eine gewisse Rolle spielt, was »auch immer geschehen« ist. Aufrichtiger wäre also im Grunde, den Song so zu singen: »Wir stehen zu dir – für jetzt und alle Zeit, bis auf manchmaaal .Was auch immer geschieht, bis auf eine Reihe von Ausnahmen, wir lieben dich sowiesoooo. Bis in die Ewigkeit, und wenn nicht, dann machen wir eine Mannschaftsbusblockaaaade.«

»Hey, wir haben 60 Minuten am Stück supportet!!«

Ein weiteres kurioses Phänomen, das massiv erst in den letzten Jahren in den Fanblocks aufgetaucht ist, ist der sogenannte »Dauersupport«. Soll heißen: Die Fans reagieren nicht mehr auf bestimmte Ereignisse oder Spielphasen, sondern liefern eine Art monotonen Geräuschteppich zum Spiel, der aus Trommeln und einem ewig gleichen Text besteht. »Dauersupport« gilt intern als große Fleiß-Leistung: »Hey, wir haben 60 Minuten am Stück supportet!!« Der an den Tag gelegte Fleiß ist in der Tat bemerkenswert. Allerdings ist das auch schon alles. Ein ehemaliger Bundesliga-Profi hat mir solch eine Geräuschkulisse wie folgt beschrieben: »Wenn die immer dasselbe singen, nimmst du es nach fünf Minuten nicht mehr wahr, und wenn du dann doch mal hinhörst, nervt es. Etwa so, als wenn du am Schreibtisch sitzt und neben dir macht einer den Staubsauger an.«

Jeder Fan soll in seinem Block natürlich singen oder brüllen dürfen, was ihm gefällt. Um Missverständnissen vorzubeugen, wäre es jedoch nicht von Nachteil, die eigene Intention von Zeit zu Zeit zu überprüfen: Singe ich, weil ich meinem eigenen Fan-Image gerecht werden will? Oder singe ich, um meiner Mannschaft zu helfen? Erwarte ich für meinen Gesang einen Ertrag, etwa so wie ein ungefragt auftauchender Geiger im Restaurant? Oder verstehe ich mich als Idealisten, der das tut, was meiner Mannschaft nützt? Stimmungsvolle Stadien sind etwas Großartiges. Überkochende Atmosphäre ist etwas Sensationelles und verschafft jedem Fan eine wohlige Gänsehaut. Eine nach vorne gepeitschte Mannschaft, die noch einmal über sich hinauswächst, ist das größte Glück eines mitfiebernden Fans. Monotoner Dauersupport ist das Gegenteil. Er schmeckt schal, lenkt vom Spiel ab und vermittelt den Gesamteindruck: »Ist uns doch egal, ob wir gut sind – aber wenigstens können wir lange!«

Vergleiche aus der Erotik belegen nachdrücklich, dass diese Philosophie ernste Schwächen hat. Und damit meine ich noch nicht einmal, dass es nicht zwingend auf die Länge ankommt.

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