Traumstarts und die Folgen
Hinten wird die Ente fett!
Ein Sieg zum Start, Neueinkäufe in Bestform, Träume vom Europapokal – am Anfang einer Saison gibt es Überraschungen bei den Teams und bei den Spielern. Eine Auswahl der Traumstarts aus den letzten 20 Jahren.
1990/91: Knorrige Eiche
Der Traumstart: Als letzter Meister der DDR-Oberliga startete Hansa Rostock in das Abenteuer Bundesliga – und wie! Am ersten Spieltag gelang ein glattes 4:0 über den 1. FC Nürnberg, bevor es zum großen FC Bayern ging. Spätestens da wurde Rostocks Start nicht nur ein Paukenschlag, sondern ein Schlagzeugsolo. Roman Sedlacek und Jens Wahl drehten das Spiel zum 2:1 für Rostock, Trainer Uwe Reinders flog förmlich über die Tartanbahn. Noch am siebten Spieltag stand Rostock auf Platz eins.
Das Zitat: » Ich hab den gar nicht mehr einfangen können. Sieh an, dachte ich, wie sich diese knorrige alte Eiche doch freuen kann!« (Co-Trainer Jürgen Decker über den Jubel von Uwe Reinders im Münchener Olympiastadion)
Das Ende vom Lied: Die Graphik des Saisonverlaufs sieht aus wie das Aktiendiagramm von Lehman Brothers 2008, es ging bergab. Uwe Reinders flog im März wieder – aber aus dem Amt. Rostock stieg als Drittletzter ab.
1992/93: 25-Minuten-Sternstunde
Der Traumstart: Karlsruhes Rainer Krieg – ein Name, den auch Heiner Geißler problemlos in den Raum werfen kann – wurde zum Mann des Tages. Der 24 Jahre alte Vertragsamateur, so hieß es damals noch, wurde im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach in der 65. Minute eingewechselt, traf dann zum 3:2 und zum 4:2-Endstand. Nicht nur, dass er dem KSC den Auftaktsieg sicherte; er schoss auch noch mit einem herrlichen Fallrückzieher das »Tor des Monats«.
Das Zitat: »Ich wollte mir die Möglichkeit erhalten, weiter für die KSC-Amateure zu spielen.« (Rainer Krieg auf die Frage, warum er im Sommer einen Profivertrag abgelehnt hatte)
Das Ende vom Lied: In den verbliebenen 26 Saisonspielen traf Krieg noch acht Mal. Jüngstes trauriges Kapitel seiner Trainerkarriere 2011: Rücktritt beim Oberligisten ASV Dürlach nach einer 1:9-Niederlage. 1993/94: Der Marschall-Plan
Der Traumstart: 1,2 Millionen Mark hatte Dynamo Dresden – woher auch immer – aufgetrieben, um Olaf Marschall von Admira/Wacker Wien zu holen. Am ersten Spieltag gegen den VfB Leipzig stellte Marschall sein Können unter Beweis: Ein Kopfball, ein Weitschuss und ein Abstauber – Marschall hatte beim 3:3 alle Dynamo-Treffer erzielt.
Das Zitat: »Ich habe viele Fehler gemacht, aber mein größter war, meinen Freund Olaf nicht nach Leipzig zu holen. Dann hätten wir heute 6:0 gewonnen.« (Marschalls Gegenspieler Frank Edmond)
Das Ende vom Lied: Dresden wurde Dreizehnter, Marschall traf noch weitere sieben Mal. Später wurde er Nationalspieler und Meister – man gönnt dem Lockenkopf mit dem Nasenpflaster den Erfolg schon fast mehr als seinem Namensvetter Tony.
1998/99: Thons Prognose
Der Traumstart: Borussia Mönchengladbach um Trainer Friedel Rausch spielte Schalke 04 in Grund und Boden. Toni Polster, Jörgen Petterson und Matthias Hager trafen zum 3:0. Die Gladbacher waren damit alleiniger Tabellenführer.
Das Zitat: »Wenn die so weiterspielen, werden die am Ende noch Meister.« (Olaf Thons anerkennendes Urteil über den Gegner)
Das Ende vom Lied: Gladbach stieg als Tabellenletzter mit 16 Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz sang- und klanglos ab. 2001/2002: UI-Cup statt Meisterschaft
Der Traumstart: Der 1. FC Kaiserslautern siegte in München mit 4:0, zwar nur bei 1860, aber der Erfolg nach Treffern von Jeff Strasser, Olaf Marschall, Jörgen Pettersson und Harry Koch gab Auftrieb. Schon das nächste Spiel war typisch für den Betzenberg: Gegen Gladbach drehten die Lauterer das Spiel mit Toren in der 89. und 93. Minute zum zweiten Sieg. Der FCK begann die Saison mit sieben Siegen in sieben Spielen und stellte den Startrekord der Bayern ein.
Das Zitat: »Unser Vorteil ist, dass uns keiner ernst nimmt.« (Mario Basler)
Das Ende vom Lied: Die meisten hatten recht damit, Kaiserslautern (zumindest als Meisterschaftskandidat) nicht ernst zu nehmen. In der Endabrechnung landete Brehmes Mannschaft auf Platz sieben – das reichte gerade einmal zur Teilnahme am UI-Cup, in dem der FCK nach einem 0:4 gegen FK Teplice auch noch versagte.
2002/03: Ungekannte Bescheidenheit
Der Traumstart: Peter Neururer ist selten um einen Spruch verlegen. Ginge es nach Fachwissen, müsste er Real Madrid trainieren, hat er mal gesagt. Ungeahnte Bescheidenheit und Mahner-Qualitäten zeigte »Peter der Große« dann aber in der Saison 02/03 nach drei Auftaktsiegen. 3:1 siegte der VfL Bochum mit Neururer an der Linie in Nürnberg, es folgte ein furioses 5:0 gegen Cottbus und ein beeindruckender 4:2-Sieg in Leverkusen. Thomas Christiansen traf in diesen drei Spielen allein sechs Mal.
Das Zitat: »Mit neun Punkten ist bisher jeder abgestiegen.« (Peter Neururer nach dem dritten Sieg)
Das Ende vom Lied: Absteigen musste der VfL nicht, es reichte zum neunten Tabellenplatz. Immerhin: Christiansen wurde mit insgesamt 21 Treffern zusammen mit Giovane Elber Torschützenkönig. 2003/04: Hotel Mama
Der Traumstart: Erstes Bundesligaspiel, Revierderby, ausverkauftes Haus, zwei Traumtore. Normalerweise endet so etwas mit den Rufen der Mutter: »Aufstehen, du musst zur Schule.« Mama Altintop sagte aber: »Ich bin so stolz auf meinen Jungen.« Ihr 18 Jahre alter Sohn Hamit hatte am ersten Bundesligaspieltag der Saison 2003/04 ein Riesenspiel bei Schalkes 2:2 gegen Dortmund gemacht. Dann packte er seine Sachen und ging nach Hause, wohnte er doch noch mit seiner Mutter und seinen Schwestern zusammen in Gelsenkirchen.
Das Zitat: »Die Kollegen sagen mir gerade, dass der Junge noch einen Bruder hat, der bei Kaiserslautern spielt. Na, da kann die Bundesliga sich ja auf was gefasst machen.« (Premiere-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis während des Spiels)
Das Ende vom Lied: Schalke wurde Siebter. Im weiteren Verlauf der Saison schoss Altintop gerade mal drei weitere Tore. Diejenigen, die nach dem Spiel gegen Dortmund prophezeiten, er werde irgendwann bei Real Madrid landen, sollten Recht behalten. Wenn auch unter anderen Voraussetzungen.
2010/11: Bruchweg-Boys
Der Traumstart: Los ging es mit einem 2:0-Sieg der Mainzer daheim gegen den VfB Stuttgart. Was folgte, waren blaue Flecken in der Karnevalsstadt, weil viele sich ungläubig in den Arm kneifen ließen. 4:3 in Wolfsburg nach 0:3, 2:1 gegen Kaiserslautern, 2:0 in Bremen, 2:0 gegen Köln, 2:1 bei den Bayern, 4:2 gegen Hoffenheim. Die »Bruchweg-Boys« stellten den Startrekord von Kaiserslautern ein – was aus denen wurde, ist bekannt.
Das Zitat: »Meine Frau ist heiß, sie hat sich schon Fußballschuhe gekauft.« (Trainer Thomas Tuchel zur Aussage des Hoffenheimers Christian Eichner, Tuchel könne momentan seine schwangere Frau spielen lassen und selbst die würde zwei Tore schießen)
Das Ende vom Lied: Mainz schaffte noch Platz fünf und damit die Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League – und scheiterte dort an Gaz Metan Medias.



