Traumduell unter staatlicher Beobachtung (1)

Dresdner spielten wie Ackergäule

Am 24. Oktober 1973 traf Dynamo Dresden in der 2. Runde des Europapokals der Landesmeister auf Bayern München. Gastautor Torsten Preuß erinnert sich sehr lebhaft an das erste deutsch-deutsche Fußballpflichtspiel. Dresden  Bayern 1973imago

Als ostdeutscher Fußballmeister träumte man bei Dynamo Dresden lange von einem Aufeinandertreffen mit dem westdeutschen Meister Bayern München. Fußball war in Dresden schon immer die wichtigste Nebensache der Welt gewesen, und in Zeiten des Europapokals einer der wenigen konkreten Schnittpunkte, die sich den Ostdeutschen mit dem Westen noch boten.

Am Ufer der Elbe riefen die Fans: „Ob es regnet oder schneit zu ‚DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!‘ ist es nie zu weit.“ Das galt natürlich nur, wenn die beste Elf des Ostens nicht gerade im Westen antreten musste. Denn die Spiele die dort stattfanden, konnten die Menschen in Dresden lediglich am Fernseher verfolgen. So auch die Auslosung des Europapokals, als am 5. Oktober 1973, in einem Saal des noblen „Grand Hotel“ von Zürich, vor laufenden Fernsehkameras eine Hand elegant in den gläsernen Pokal griff, um die Begegnungen der zweiten Runde zu losen. Dynamo Dresden konnte in der ersten Runde mit Juventus Turin bereits eines der stärksten Teams ausschalten, Bayern München setzte sich souverän gegen den schwedischen Meister Atvidaberg FF durch und war nun selbst größter Schrecken der Verbliebenen. Außer natürlich für Dresden. Hier träumte man weiter von einer Partie gegen die Mannschaft von Udo Lattek. Es wäre das größte, einmal gegen die Bayern zu spielen. Größer noch als gegen Turin, Glasgow oder Madrid. Denn wenn die Besten im Osten gegen die Besten aus dem Westen gewinnen sollten, wären sie schließlich der wahre deutsche Meister.

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Bisher hatte der Fußballgott immer etwas gegen diese Begegnung gehabt. Erst an diesem Mittag des 5. Oktober 1973, im noblen Saal des „Grand Hotel“ von Zürich, als die Hand so elegant den nächsten Gegner von Bayern München aus dem gläsernen Pokal zog, war es soweit: „Dynamo Dresden.“ Das Traumlos für das Traumduell, endlich spielte Dynamo Dresden gegen den FC Bayern München, endlich. In Dresden wurde über nichts anderes mehr geredet. Auf der Straße, in den Betrieben, den Kneipen, den Familien und natürlich bei Dynamo selbst.

„Hallo Dresden!“

Eine Stunde nach nach der Auslosung klingelte bei Heinz Maier das Telefon. Trotz der völlig veralteten und oft kaputten Leitungen, hatte es Rolf Grother von der Münchner Abendzeitung geschafft, den Vizepräsident von Dynamo Dresden zu erreichen: „Hallo Dresden! Herzlichen Glückwunsch zum ersten echten Kräftevergleich der beiden deutschen Meister.“ Maier entgegnete fragend: „Warum soll im Fußball nicht geschehen, was in anderen Sportarten längst üblich ist?“ Grother: „Was weiß man denn in Dresden von Bayern München?“ „Wir kennen sie alle. Von Beckenbauer bis Maier. Ein Gegner, der Respekt verdient, aber wir gehen vor den Bayern nicht in Ehrfurcht auf die Knie.“ Dann wird es politischer, als der Westdeutsche den Ostdeutschen fragt: „Erwarten sie einen Prestigekampf der beiden deutschen Meister?“ Maier diplomatisch: „Wir sehen die Begegnung mit Bayern München vom rein sportlichen Standpunkt aus.“ „Freut man sich in Dresden auf das Duell gegen Bayern?“ „Wir wollen im Europapokal weiterkommen.“ Dann Grothers letzte Frage: „Betrachten Sie es als Vorteil, dass Sie zuerst nach München müssen?“ Maier: „In gewissem Sinne schon, denn die endgültige Entscheidung, wer weiterkommt, fällt erst in unserem 35.000 Mann Stadion in Dresden. Dieser Platz heißt nicht umsonst ‚der Hexenkessel der DDR’.“

Für das Ministerium für Staatssicherheit war das Spiel gegen Bayern wahrlich kein Traum, vielmehr ein Alptraum. Gegen „Mannschaften des kapitalistischen Auslands“ zu spielen, bedeutete in der Dresdner Zentrale immer höchste Alarmbereitschaft. Ungefähr zu gleicher Zeit, als das deutsch-deutsche Interview geführt wurde, erhielt auch Erich Mielke in der Zentrale für Staatssicherheit einen Anruf. Und wenn er es nicht schon gewusst hatte, wusste er es jetzt: ausgerechnet gegen den Meister der Bundesrepublik.

Kein Rückspiel im Leipziger Zentralstadion

Etwas Schlimmeres konnte nicht passieren. Von nun an war jeder Schritt genau zu überlegen - möglichst schneller als der „Klassenfeind“. Also startete noch am gleichen Tag die „Aktion Vorstoß“ zur Verhinderung jeder „negativen Vorkommnisse im Zusammenhang mit den beiden Spielen“. Überlegungen, das Rückspiel in das 100.000 Menschen fassende Zentralstadion in Leipzig zu verlegen, wurden aber schnell verworfen. Das Rückspiel sollte in Dresden stattfinden, so wie das Hinspiel in München. Am 24. Oktober 1973 um 20 Uhr. Bis dahin waren es noch 19 Tage.

Um die bekannten Unbekannten aus München vor dem großen Spiel wenigstens einmal live gesehen zu haben, musste sich Dynamos Meistertrainer Walter Fritzsch also beeilen. Ganz so, wie es Vizepräsident Maier dem Redakteur der Münchner Abendzeitung noch mitgeteilt hatte: „Unser Trainer Walter Fritzsch wird zusammen mit Abteilungsleiter Dieter Fuchs in die Bundesrepublik fahren, um Informationen über die derzeitige Spielstärke der Bayern an Ort und Stelle zu bekommen.“ „Abteilungsleiter“ Fuchs war in Wahrheit ein Hauptmann der Volkspolizei und Mann der Stasi, aber eine solche Begleitung war Walter Fritzsch auf seinen West-Reisen nicht fremd. Ohne einen Schatten durfte er noch nie rüber.

Die Super 8 zur Spionagearbeit


Als der Zug am 16. Oktober den Hauptbahnhof von Dresden in Richtung München verließ, hatte Fritzsch für die Spionagearbeit natürlich seine Super 8 Kamera dabei. Auch seine eigenen Spieler filmte der 53-jährige bei jeder Gelegenheit. So also auch die Bayern-Stars in West-Deutschland, mit all ihren Schwächen und Stärken. Die beiden Gäste aus dem Osten wurden in München von Herrn Wengenmeyer, Mitglied des FC Bayern und ehemaliger Bundesligaschiedsrichter, in Empfang genommen. Er sollte sich während ihres Aufenthaltes in der bayrischen Hauptstadt um sie kümmern. Hauptmann Fuchs notierte: „Wengenmeyer hinterließ einen ehrlichen, biederen Eindruck, war stets um unser Wohl besorgt.“ Die Pressestelle des Clubs streute sogar Falschmeldungen unter den westdeutschen Journalisten. Die beiden Herren aus dem Osten würden erst am nächsten Tag anreisen, erst kurz vor dem Bundesligaspiel der Münchner gegen den MSV Duisburg. So hatten die beiden Herren in aller Ruhe Zeit, das Hotel zu sehen, in dem die Dresdner Mannschaft nach dem Hinspiel am 24. Oktober schlafen sollte. Hauptmann Fuchs: „Der Geschäftsführer teilte uns mit, dass es eine große Ehre für das Esso-Hotel sei, Dynamo Dresden unterzubringen. Gleichzeitig gab er zu verstehen, das dadurch eine ausgezeichnete Reklame für sein Hotel entstehe.

Am nächsten Abend war es im Stadion mit der Ruhe vorbei. Hauptmann Fuchs schrieb: „Trainer Fritzsch wurde in den ersten 30 Minuten des Spiels von ungefähr 20 Fotografen belästigt. Danach wurden die Fotografen vom FC Bayern energisch zurückgewiesen.“ Trotzdem, ein kurzes Interview nach dem Spiel ließ sich nicht vermeiden. „Herr Fritzsch. Was sagen Sie zum Spiel München gegen Duisburg?“ „München hat verdient gewonnen, ein gutes Spiel,“ diktierte Fritzsch, „ich konnte mich von der Spielstärke der Bayern überzeugen.“ „Rechnen Sie sich Chancen gegen den FC Bayern aus?“ „Ja, wenn wir in Hochform aufspielen. Trotzdem ist der FC Bayern Favorit.“ „Wenn Sie die Spieler Ihrer Mannschaft mit denen vom FC Bayern München vergleichen, was stellen Sie dann fest?“ „Mit Müller, Beckenbauer und Hoeness hat Bayern München 3 überragende Fußballer.“ Hauptmann Fuchs hatte alles im Blick: „Dieses Interview wurde im regionalen Programm Bayern am Donnerstag, dem 18. Oktober um 18 Uhr ausgestrahlt. Das Interview führte ein Herr Drechsel.

Harry Valerien lädt vergeblich ins Sportstudio ein

Fritzsch und Fuchs blieben zwei weitere Tage, um sich auch noch von dem Auswärtsspiel der Bayern in Kaiserslautern ein Bild zu machen. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Hauptmann Fuchs berichtet: „Um zehn Uhr meldet sich zum ersten Mal das ZDF. Man teilte uns mit, das der Fernsehmoderator Harry Valerien am Sonnabend von Wiesbaden aus eine zweistündige Sportschau führt, und das man uns gerne ins Studio zum Interview einladen will. Wir lehnten ab.“ Die Mainzer blieben jedoch hartnäckig. Hauptmann Fuchs: „Das ZDF rief uns noch 3-mal an. Man lud uns z.B. als Studiogäste ein (ohne Interview) und fragte uns, ob wir lieber mit dem Auto oder dem Hubschrauber nach Wiesbaden kommen wollen. Und man informierte uns, dass man zwei Flugtickets von Frankfurt aus gebucht hat und rechnete uns vor, wie viel eher wir damit wieder in Dresden sein würden. Für 2 Minuten Interview zahle man 300 Mark. Wir lehnten aber alle Anfragen und Angebote weiter ab.“ Zum Leidwesen der Bayern, denen dadurch gute Werbung für das Hinspiel durch die Lappen ging. Der Vorverkauf lief schleppend. Im Gegensatz zur Westbegeisterung der Ostdeutschen, gab es 1973 schon lange keine Ostbegeisterung der Westdeutschen mehr. Bayern Verteidiger Schwarzenbeck: „Wir haben nicht viel gewusst über Dresden, nicht wie über eine Westmannschaft. Man kannte einzelne Namen, aber nur entfernt.“

Ganz anders Trainer Walter Fritzsch. Er kannte auch schon vor der Auslosung jeden Spieler der Bayern. Gemeinsam mit seinem Schatten fuhr er am Freitag, den 19. Oktober, mit dem Zug nach Kaiserslautern, zur zweiten Spielbeobachtung. Sie bezogen das gleiche Hotel wie die Mannschaft von Bayern München, und wurden am Abend sogar von Robert Schwan, Manager des FC Bayern, zum Essen eingeladen. Mit am Tisch saßen Bayern-Trainer Udo Lattek, Mannschaftsarzt Müller und der Chefredakteur einer Münchner Zeitung. Hauptmann Fuchs wusste Erfreuliches zu notieren: „In den zwei Stunden, die wir zusammen waren, führte fast nur Herr Schwan das Wort. Unter anderem sagte er, dass er schon mal in der DDR war und sich vom Wachstum unseres Landes überzeugen konnte. Weiter sagte er, dass wir sachliche, bescheidene und intelligente Menschen haben. ‚In spätestens 19 Jahren’, so meinte er, ‚überholen sie uns auf allen Gebieten’.

Selbst der FC Bayern ist nicht unschlagbar

Nach dem Spiel in Kaiserslautern konnte es sich Dresdens Trainer auf dem Gebiet ‚Fußball‘ sogar in ein paar Tagen schon gut vorstellen. Fritzsch kam mit dem Filmen gar nicht hinterher, so viel passierte. Am Ende verloren die Bayern mit 4:7 und lieferten ihm damit einen willkommenen Beweis, dass auch die Bayern nicht unschlagbar sind. So konnte er sich am nächsten Tag mit seinem Bewacher wieder auf den Heimweg begeben. Allerdings nicht, ohne vorher noch einmal „nein“ zu sagen - zu Harry Valerien. Und dabei wurde der Moderator extra mit dem Hubschrauber eingeflogen, in der Hoffnung, doch noch ein Interview zu bekommen. Nicht als einziger, weiß Hauptmann Fuchs: „Auch die ARD und der Süd-West-Funk wollten eines. Wir lehnten alles ab.“ In Dresden widmete sich Walter Fritzsch sofort seinen Aufnahmen. Über jeden Spieler der Bayern machte er sich Notizen, mit denen er seine eigenen Spieler sportlich auf das deutsch-deutsche Meisterduell einstellte. Auch die Stasi aus Berlin wollte vor dem Spiel in München noch einmal mit der Dresdner Mannschaft reden, schließlich ging es für die Partie über die Grenze.

Walter Fritzsch ließ die kommenden Tage zwei mal täglich auf dem Hartplatz des Dynamo-Stadions trainieren. Er galt als harter Hund, der auf dem Platz lieber schnell als langsam spielen, laufen und denken ließ. Der „Dynamo-Kreisel“ sollte immer auf vollen Touren laufen und den Gegner schwindlig spielen. Dafür war Dynamo unter seiner Regie bekannt, sogar berühmt, ja berüchtigt geworden, wie die Bayern im Westen mit ihrer ähnlich offensiven Spielweise. Mal ging es gut, wie gegen Duisburg, mal schief, wie gegen Kaiserslautern.

Der Ausgang der Partie schien also relativ offen, als die „Delegation der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden“ am Morgen des 23. Oktobers in den Bus stieg. Es ging nicht Richtung München, sondern weiter nach Osten. Dort wartete schon ein Charterflugzeug der Interflug auf die Mannschaft von Dynamo Dresden. So hat es Erich Mielke im Rahmen der „Aktion Vorstoß“ entschieden. 15 Spieler, der Trainer, der Assistenztrainer, ein Arzt, ein Masseur und der Verantwortliche der Interflug machten es sich in den Flugzeugsesseln bequem - ebenso die fünf als Funktionäre „getarnten“ Stasi-Mitarbeiter, deren größter Alptraum es war, einer der Spieler würde sich im Westen „absetzen“. Das musste unter allen Umständen verhindert werden. Auch Hauptmann Fuchs flog mit nach München, Notizen machte Kollege Herrmann. Die Maschine landete pünktlich um 11.30 Uhr, alle Einreiseformalitäten waren schnell erledigt. Genosse Herrmann: „Die Abfertigung am Flughafen München war schnell und reibungslos. Auch der Zolldienst stellte keinerlei Fragen. Nach schneller Erledigung aller Formalitäten wurden wir vom engeren Vorstand begrüßt (Präsident Neudecker, Herrn Feinbeck, Geschäftsführer).“ Bald konnte die Mannschaft ihre Zimmer im „Esso Motor Hotel“ beziehen.

Unmoralische Angebote

Am Nachmittag stand für die Delegation aus Dresden noch ein Einkaufsbummel in der Münchner Innenstadt auf dem Programm. Ein paar Journalisten wollten natürlich wissen, was sich die Spieler für ihr Taschengeld in West-Mark kaufen würden, und ob sie die Mannschaft durch die Geschäfte wenigstens begleiten dürften. Die fünf Funktionäre lehnten auftragsgemäß ab. Genosse Herrmann: „Trotzdem bemühten sich drei Bildreporter weiter hartnäckig am Einkaufsbummel teil zu nehmen. Als sie abgewiesen wurden verfolgten sie unseren Bus mit einem PKW. Bei Ankunft in der Innenstadt wurden sie von mir energisch darauf hingewiesen, dass die Mannschaft keine Fotografien beim Stadtbummel wünscht. Trotz der eindeutigen und klaren Haltung der Mannschaft, ließen sich die Reporter nicht abweisen. Sie machten sogar diverse Angebote an einige Spieler (Sammer, Boden usw.). Sie boten ihnen an, für die Ehefrauen alles Wünschenswerte zu kaufen. Nach Informationen durch die Spieler wurden alle Angebote abgelehnt (durch mich allerdings nicht überprüfbar gewesen). Einige Fotos wurden dann doch trotz der ablehnenden Haltung der Spieler gemacht. Die Reporter erklärten freimütig, sie hätten von ihrer Redaktion die Aufgabe, um jeden Preis solche Bilder zu bringen. Bei Nichterfüllung des Auftrages wäre ihre Stellung in Gefahr.

Allen Mitreisenden war zudem der Kontakt zu Verwandten im „kapitalistischen Ausland“ untersagt worden und sollte in München von Mielkes fünf Funktionären auftragsgemäß verhindert werden. Sie hatten vorgearbeitet: „Kontaktversuche von Verwandten und Bekannten wurden in Vorbereitung der Reise bereits versucht langfristig abzublocken. Obwohl einige Sportler Verwandte haben, teilweise bis vor einigen Monaten auch postalische Verbindungen, gab es nur wenige Versuche von Kontaktaufnahmen. Vom Spieler Sammer tauchte die Tante im Hotel auf. Vereinbarungsgemäß gab er uns die Information und war bemüht, sie kurz abzufertigen.“ Doch Klaus Sammer wusste auch die kurze Zeit zu nutzen: „Ich bekam von ihr 100 Mark West zugesteckt. Das war damals eine Menge Geld.“

Obwohl ganz Dresden mitgefahren wäre, stiegen am Morgen des 24. Oktobers nur ganze 1000 „Schlachtenbummler“ in zwei Sonderzüge, um ihre Mannschaft in München unterstützen zu können. Was sie alle einte, war weniger die Liebe zur SGD, sondern vielmehr die Treue zur SED. Die Eintrittskarten für das Auswärtsspiel wurden in Dresden nur unter „verdienten Genossen, die sich um Sport und Jugend verdient gemacht haben“, verteilt. In München wurden die 1000 Dresdner mit Spannung erwartet. Als die beiden Züge um 14.23 Uhr und 15.31 Uhr einfuhren, und die „Genossen Schlachtenbummler“ ausstiegen, warteten bereits eine Menge schaulustiger Münchner, die ihre Landsleute aus dem Osten bestaunten, als kämen sie vom Mond. Doch eigentlich mussten sie auf alle Anwesenden gewirkt haben, wie „ganz gewöhnliche Reisende“.

997 Dresdner und ein Schweigemarsch

Ein Reporter der Münchner Abendzeitung schrieb: „Unter den Tausend waren nur drei, wie man Fußballfans auch bei uns kennt. Zwei trompeteten mit ihren Mehrklangfanfaren fröhlich in die große Stille hinein und einer trug unter der Jacke sogar ein „Bayern"-Trikot. Doch die übrigen 997 trainierten offenbar für einen größeren Schweigemarsch. Ihre Redseligkeit beschränkte sich auf ‚2:1’ oder ‚3:2’, womit sie ‚das Ergebnis des Fußballspiels Bayern München - Dynamo Dresden’ tippten.“ Einem anderen Münchner Journalisten fiel auf, dass „die Ostdeutschen unterwegs alles Mögliche fotografieren: Frauentürme, Mercedes-Limousinen, langhaarige Gammler. Außerdem vermeiden sie jeden Kontakt zu Westdeutschen.“ Ihr Weg führte sie bald zur ‚Mathäser Bierstadt’, wo 10 Westmark und zwei Gutscheine für ein Bier und eine Haxe reichen sollten.

Der Vorverkauf war nicht besser geworden. Statt der erwarteten 75.000 wollten nur 55.000 den ostdeutschen Meister sehen. Ein Sitzplatz auf der Haupttribüne kostete 50 DM. „Ajaxpreise mit Inflationszuschlag“, wie Präsident Neudecker es nannte. Das Ostfernsehen übertrug live. Punkt 20 Uhr pfiff der der bulgarische Schiedsrichter Matwejew Teil 1 des ersten deutsch-deutschen Fußballgipfels an.

In Dresden drückte in diesen Minuten jeder Einwohner die Daumen. Und es half. Gerade mal 13 Minuten waren gespielt, als Dynamo Dresden durch Rainer Sachse mit 1:0 in Führung ging. Zwar konnte Wilhelm Hoffmann bereits vier Minuten später für die Bayern ausgleichen, und Bernd Dürnberger den Gastgeber in der 26. Spielminute sogar in Führung schießen, doch abermals Sachse brachte Dynamo Dresden zurück ins Spiel. Kurz vor der Pause traf Gerd Heidler sogar noch zum 3:2 für die Gäste, was dem Bayern-Präsidenten gar nicht in den Kram passte. In der Halbzeit marschierte Neudecker in die Kabine seiner Mannschaft und verdoppelte die Siegprämie spontan auf 10.000 Mark. Diesen Lockruf verstanden seine Spieler. In der 71. Spielminute erzielte Franz Roth für die Münchner den Ausgleich, und kurz vor Schluss markierte Gerd Müller schließlich den Siegestreffer. Obwohl Dynamo Dresden nicht bedeutend schlechter war, mussten sie sich im ersten Vergleich geschlagen geben.

„Profi-Spitzenmannschaft nach westlichem Stil“

Bayern-Trainer Udo Lattek, der die Dresdner vorher bei einem Spiel in Zwickau beobachtet hatte, rieb sich nach dem Spiel verwundert die Augen: „Ich bin nicht auf die Mannschaft getroffen, die ich erwartet hatte. In Zwickau spielten die Dresdner wie Ackergäule, hier jedoch so spritzig wie Leichtathleten. Das ist eine echte Profi-Spitzenmannschaft nach westlichem Stil.“ Sepp Herberger prophezeite den Münchnern trotz des gewonnen Hinspiels: „In Dresden habt ihr keine Chance.“ Gerd Müller hielt dagegen und wettete mit dem ehemaligen Trainer der westdeutschen Nationalmannschaft um eine Flasche Sekt. Manager Robert Schwan setzte sogar noch einen drauf und bot an: „Wenn wir gegen die rausfliegen, wandere ich in die Zone aus.“

Fortsetzung folgt.

Das Rückspiel fand am 7. November 1973 im „Hexenkessel der DDR“ statt. Wer ist am Ende der wahre Deutsche Meister geworden? Dynamo Dresden? Oder Bayern München? http://www.11freunde.de/artikel/traumduell-unter-staatlicher-beobachtung-2


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Autor Torsten Preuß hat über diese Zeit ein ganzes Buch geschrieben. Ein Lesevergnügen, nicht nur für Fußballfans. www.toponlineverlag.com

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