Trauer um Socrates

Wunsch, Brasilianer zu werden

Socrates, der ehemalige Spielmacher der brasilianischen Nationalmannschaft, ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Die Trauer über seinen Tod ist auch in Deutschland groß. Doch ist sie echt? Oder bloß ein folkloristischer Reflex? Vielleicht ja beides. Trauer um Socrates

»Kein Spieler gibt den Fußball auf«, sagte Socrates nach dem Ende seiner Karriere. »Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet.«

Es spricht so viel aus diesen Sätzen, dass es weh tut. So viel, was wir hier, im deutschen Dezemberregen, durch einen Ozean von Brasilien getrennt, gar nicht verstehen können.

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Gestern ist Socrates im Alter von 57 Jahren gestorben. Und man schämt sich ein bisschen, weil man nicht so recht weiß, worüber man eigentlich trauert. Darüber, dass einer tot ist, über dessen Panini-Bildchen man sich 1986 besonders freute? Der so anders aussah als die anderen, mit seinem Vollbart und dem weißen Stirnband? So... rebellisch? Einer, der nie Weltmeister wurde und doch zu den Größten zählt?

Vollendet unvollendet – wie geht das überhaupt? Warum lieben seine Landsleute diesen Socrates wie kaum einen Fußballer sonst?

Wer mit Ergebnisfußball, Turniermannschaften und der Null, die stehen muss, aufgewachsen ist, dem muss das ein ewiges Rätsel bleiben. Trotzdem sind die Autoren der Nachrufe auch hierzulande so fasziniert von Socrates' Scheitern, dass man glauben könnte, sie sehnten sich nach einer Niederlage. Das nächste Ausscheiden einer deutschen Nationalmannschaft bei einem großen Turnier wird naturgemäß das Gegenteil beweisen. 

Trauert man also darüber, dass der Letzte von uns gegangen ist, der einem noch hätte erklären können, dass es im Fußball nicht nur aufs Ergebnis ankommt? Oh, Socrates.

Der Fußball war für Socrates ein Wesen an sich

»Kein Spieler gibt den Fußball auf«, sagte er also. »Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet.« Es spricht aus diesen Sätzen, dass der Fußball seinen eigenen Willen hat. Dass er imstande ist, jemandem die Gunst zu erwiesen und sie ihm wieder zu entziehen. Dass er gar keine Sache ist, die erst von den Menschen zum Leben erweckt wird, sondern ein Wesen an sich. Eine Geliebte, störrisch und eigen. Und dass dieser Socrates – lang, schrecklich lang ist es schon her – mit ihr tanzen durfte.

Ja, er tanzte wirklich mit ihr. Ein Triumphator des Augenblicks, ein Sieger, solang die Musik spielte. Zu einer Zeit, als bei uns die Kraftmeier den Fußball einfach nur aus der Dorfdisco ins Taxi nach Hause zerrten. 



Der letzte Walzer klang 1989 aus, der Fußball wandte sich von Socrates ab, nach 456 Spielen und 229 Toren. Zweimal hatte er versucht, mit Brasilien Weltmeister zu werden, zweimal war er daran gescheitert.

Gescheitert? Einer wie Socrates, der immer wusste, dass er es mit einer Diva zu tun hat, die ihre bravourösesten Verehrer als erste zu Boden stößt, hat das zum Glück nicht so empfunden. Er stand immer wieder auf, klopfte sich den Staub vom geliehenen Anzug und bat sie ein weiteres Mal zum Tanz, lächelnd.

»Was bedeuten schon Titel? Gar nichts!«, sagte er mit solch überwältigendem Stolz, dass man versucht war, seine verkackte Ehrenurkunde von den Bundesjugendspielen samt der unechten Unterschrift von Richard von Weizsäcker zu verbrennen.

Und dann traute man sich doch wieder nicht. Stirnband, na gut – aber wo sollte man so schnell einen Vollbart herbekommen? Und wie erst sollte man den anderen erklären, dass es nicht nur aufs Ergebnis ankommt? Das Wort von der »brotlosen Kunst« wurde ja so oft bemüht, dass man selbst glaubte, Kunst an sich sei brotlos. Fußball müsse Arbeit sein und auch so aussehen.

Wer genau ist da überhaupt von uns gegangen? Wie groß ist der Verlust?

Unendlich weit weg blieb das Land, in dem Socrates lebte und nun starb. Wer genau ist da überhaupt von uns gegangen? Wie groß ist der Verlust? Betrifft er uns überhaupt, die wir Socrates bloß wie eine importierte Kitsch-Madonna verehren, ohne jemals wirklich an ihn geglaubt zu haben?

Man hat eine wirre Ahnung, die zusammenstürzt aus Hunderten von Folklore-Reportagen aus Brasilien, das darin immer nur »das Land am Zuckerhut« genannt wird, und eine Sehnsucht, weinen zu können, aber man weiß nicht genau, worüber. Etwa darüber, dass man selbst kein Brasilianer ist und niemals sein wird? 

Und dann lässt man es lieber ganz, das Weinen, weil durch die dubiose Gefühlskulisse hindurch plötzlich die halbnackten Karnevalsmädchen aus den Folklore-Reportagen tänzeln.

Belassen wir es dabei: Es ist eine tieftraurige Nachricht, dass Socrates, dieser Hüne, an einem verseuchten Mittagessen gestorben ist, das seiner vom Alkohol zerrütteten Leber den Rest gab.

Vielleicht fing er eines Tages das Saufen an, weil er das Tanzen so vermisste. Aber kein Mensch gibt sein Leben auf. Es ist das Leben, das sich vom Menschen abwendet. Ruhe sanft, Socrates.

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