Trainer beim FC Barcelona
Das einsamste Amt der Welt
Trainer des FC Barcelona sind zum Siegen verdammt. Der Zweite ist der erste Verlierer. Wie lang hält man das aus? Und was kommt danach? Guardiola steckt mitten drin. Rijkaard hat es hinter sich – und endlich wieder Ziele.
Er hatte alles gewonnen. Als Spieler des AC Milan und von Ajax Amsterdam, als Trainer des FC Barcelona. Er war erst 46 Jahre alt. Und hatte schon keine Ziele mehr. Was macht ein Mann wie Frank Rijkaard?
Was er nicht machen sollte, haben ihm genug prominente Kollegen vorgelebt. Sind zur Lichtgestalt geworden, immer mehr, bis es des Guten zuviel war, bis zur Durchsichtigkeit, so wie Franz Beckenbauer. Haben sich verbissen in den maximalen Erfolg, der doch nicht steigerungsfähig ist, sich dann selbst über alles erhoben, bis zur Lächerlichkeit, so wie Jose Mourinho. Sind einfach geblieben, wo sie sind, und haben traurig gewartet, bis der Applaus endgültig verstummt, bis sie schließlich ausgepfiffen werden, wie Rafael Benitez.
Sicher, auch Frank Rijkaard blieb zunächst, wo er war. Dem Gewinn der Champions League mit dem FC Barcelona im Jahre 2006 folgten zwei durchwachsene Jahre, ein zweiter Platz und ein dritter. Nach dem Aus im Halbfinale der Königsklasse 2008 gegen den späteren Sieger Manchester United war allen Beteiligten klar: Die Ära des niederländischen Strategen ist vorüber.
Rijkaard, so scheint es, hatte gar nicht auf ein Steigerung des Unsteigerbaren gewartet. Er hatte gewartet, bis er erlöst wird und eine neue Ära beginnen kann. Die Ära eines neuen Strategen, für den der größte Sieg ein neuer Sieg ist. Im Sommer 2008 übernahm Pep Guardiola die Mannschaft des FC Barcelona, auch er ein Sechser und Verfechter des cruyffismo, des zwingenden Offensivfußballs nach Johan Cruyff. Bereits als Jugendspieler in La Masia, dem Nachwuchsinternat des FC Barcelona, war er auf den Tisch im Speisesaal gesprungen und hatte über Taktik referiert. Die anderen Jungs nannten ihn den »Verrückten«. Er wollte unbedingt Trainer werden, schon damals. Er wollte seinen FC Barcelona in den Olymp des Vereinsfußballs führen.
Barca-Boss Joan Laporta hätte jeden haben können, er wollte den »Verrückten«. Gleich in seinem ersten Jahr gewann Guardiola alles: 2:0 im CL-Finale gegen Manchester, die Bilder des im Nachthimmel schwebenden Guardiola gingen um die Welt. Nun steht er vor der selben Herausforderung wie einst Rijkaard: diesen Titel nur noch verteidigen zu können.
Nichts weniger als das wird erwartet beim mitgliederstärksten Verein der Welt. Allein die Erzfeindschaft zu Real Madrid macht es unerträglich, Zweiter zu werden, der Zweite ist der erste Verlierer. Was gestern war, davon schwärmt man eines Tages seinen Enkeln vor, im Hier und Jetzt zählt es nicht viel.
Pep Guardiola gibt den Sisyphos, er stillt den unstillbaren Hunger. Der FC Barcelona führt die Tabelle an, in der Champions League ist er das Maß aller Dinge. Doch wie Rijkaard hat auch er das Absurde erkannt: Was immer kommen mag, es ist nur die Wiederholung des schon Dagewesenen.
Die Hölle auf Erden und auch im Himmel: Blass sitzt Guardiola auf der schönsten und zugleich schrecklichsten Trainerbank der Welt, seine bei Amtsantritt noch vollen Haare sind licht geworden. Ein eigentlich noch junger Mann, vergreist in sechs Monaten. Drei Jahre könne man diesen Job ausüben, glaubt er. Mehr nicht.
Um in der ewigen Wiederkehr des Gleichen Neues zu entdecken, hat er Samuel Eto’o, den zu dieser Zeit wahrscheinlich gefährlichsten Stürmer der Welt, gegen Zlatan Ibrahimovic eingetauscht. »Wenn ich nichts riskiere«, orakelte Guardiola, »riskiere ich alles.«
Ibrahimovic hat, als eine der wenigen Chancen der Konkurrenten darin bestand, Barca annähernd ausrechnen zu können, tatsächlich ein neues Momentum ins Spiel gebracht: Er ist kein menschliches Projektil wie Eto’o, er ist ein spielender Mittelstürmer, der die Ballzirkulation noch rasanter macht. Guardiolas Plan ist aufgegangen. Er hat den Erfolg, zu dem er verdammt ist, ein bisschen wahrscheinlicher gemacht.
»Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre...«
Wie er da so sitzt und Zlatan spielen sieht, Messi, Xavi und Iniesta, die umsetzen, was er sie gelehrt hat, den schönsten Fußball der Gegenwart, muss ihm das vorkommen wie ein einziger langer Schlussakkord. Stockt die Maschinerie der Kurzpässe einmal, fliegt das Team gar aus der Champions League, wird die gewesene Schönheit nichts mehr zählen. Und siegt sie am Schluss, ist es die Bestätigung dessen, was für die Fans feststeht: der FC Barcelona ist der beste Klub der Welt. »Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre«, sagte Guardiola unlängst dem Magazin Der Spiegel, »gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden, aber bis dahin lebe ich den Job kompromisslos.«
Drei Jahre Zeit hat er sich bis dahin gegeben. Mehr nicht.
Frank Rijkaard hielt es fünf aus, eigentlich nur drei, zwei weitere wartete er ja bloß auf Guardiola, mit einer stoischen Duldsamkeit, als wollte er einzig Mourinho verhindern, den »Besonderen«, wie dieser sich selbst zu nennen pflegt. Der Druck, das einmal Gewonnene wieder gewinnen zu müssen, fiel von ihm ab. Nach dem Triumph in der Champions League habe er »The Smiths« gehört, erzählt er. Welche Platte er wohl nach dem letzten Arbeitstag im Camp Nou aufgelegt hat?
Er hätte zum FC Chelsea gehen können, vielleicht auch zum FC Bayern München oder zurück zum AC Mailand. Allesamt Vereine, für die das Maximum das Minimum ist. Nach einem Jahr Pause unterschrieb er bei Galatasaray Istanbul.
Das kam überraschend. Sein Vorvorgänger am Bospurus war Michael Skibbe gewesen. Der Verein war Fünfter geworden, eine Schmach. Hinter Besiktas und Fenerbahce, eine Katastrophe. Die Wiederherstellung der Vorherschaft in der wohl aufgeheiztesten Fußballmetropole der Welt ist kein Spaziergang, zumal Rijkaard nicht auf Xavi und Lionel Messi zurückgreifen kann. In Istanbul stehen ihm die Altstars Harry Kewell und Shabi Nonda zur Verfügung.
Nichtsdestotrotz erwartet man auch hier Wunder. Bleiben sie aus, kann sehr schnell der Baum brennen. Doch treten sie ein, ist Rijkaard nicht der Sisyphos, der seinen Stein wieder einmal auf den Gipfel gerollt hat, sondern ein Herkules. Einmal zu siegen im interkontinentalen Derby gegen Fenerbahce, türkischer Meister zu werden sogar – es wäre etwas Neues. Frank Rijkaard hat wieder Ziele. Die »Smiths« am Bospurus. Stop me if you think you've heard this one before.















