Toni Polster back to the roots
24.10.2009

Toni Polster back to the roots

Sehnsucht nach Rasen

Toni Polster, einst einer der besten Stürmer der Bundesliga, ist heute Comedian, Sänger, TV-Experte. Der Vollzeit-Entertainer hat es sich im Showbusiness gemütlich gemacht. Dabei will er eigentlich nur eins: Wieder Fußball atmen.

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Toni Polster ist viel unterwegs. Montags Legendentennis mit Prohaska in Wien, am Donnerstag Spielanalyse im Fernsehen, irgendwo in Europa, dazwischen noch Aufnahmen für RTL in Köln und am Sonntag muss er wieder nach Österreich, wo er im ORF Kandidat bei »Das Rennen« ist. Einer Art Big-Brother-Bootcamp im Schnee, wo er vor der Kamera auf Skiern um die Gunst des Publikums wedelt.  



Aus Toni Polster, der früher einmal einfach nur »Der Tünn« oder »Toni Doppelpack« war, ist eine Entertainment Ich-AG geworden, ein Handlungsreisender in eigener Sache. Polster ist nicht mehr nur der Ex-Fußballer, sondern ein Allround-Entertainer oder »Multitalent« wie er es im Gespräch irgendwo zwischen Tennisplatz und Fernsehstudio lachend nennt.  

Vor mehr als fünf Jahren hat Östtereichs erfolgreichster Torjäger die Bundesliga verlassen. Und ist auf seine Art doch im Rampenlicht stehen geblieben. Auch weil er wahrscheinlich gar nicht anders könnte. Toni Polster braucht die Bühne, egal aus welchen Brettern sie gezimmert ist.  

Eine Entertainment Ich-AG

Toni Polster war eben schon als Spieler immer mehr als nur ein Mittelstürmer von internationaler Klasse. Er war ein Entertainer in kurzen Hosen, einer, der perfekt passte in die »ran«-Jahre, in denen Comedians und Büttenredner wie Oli Welke, Lou Richter oder Jörg Wontorra, Sportreportermimen, anfingen, nicht nur das Spiel an sich, sondern zunehmend auch das schillernde Drumherum, den Zirkus Bundesliga zum Gegenstand ihrer Berichterstattung zu machen.  

Polster war dabei einer der Stars in der Manege, er tanzte auf dem Boulevard, schunkelte im Takt des Kölner Karnevals und lieferte die Geschichten, mit denen das DSF heute jene Rückblicke füllt, in denen die längst Vergessenen des Fußballs vor einem Bluescreen aufpoppen und ihre Erinnerungen durch den Äther treiben.  

Am 29. April 1998 etwa belegte er den Schalker Oliver Held mit einem lebenslangen Unglücksfluch, nachdem Held einen Schuss von Rene Tretschok mit der Hand abgewehrt und danach das Unschuldslamm gegeben hatte. Schalke siegte damals 1:0, Köln stieg später ab. Und Toni Polster, der nach dem Schlusspfiff wirkte, als hätte er die Tollwut, keifte in die Mikrofonpuschel: »Sein ganzes Leben soll er kein Glück mehr haben.« Für Aussetzer wie diese wurde Polster in Köln verehrt. Polster polarisierte. Polster provozierte. Und hielt sich selten an Regeln, oftmals nahm er für eine gute Pointe auch Strafen in Kauf.  

Der gute Auftritt war ihm immer wichtiger. So hinderte ihn 1997 nicht einmal das Pokalaus gegen Ulm an einem öffentlichen Auftritt mit den »Fabulösen Thekenschlampen«, mit denen er damals die Hitsingle »Toni lass es polstern!” aufgenommen hatte.«

Sein Hit mit den »Thekenschlampen«: »Toni lass es polstern!«

Während seine Mitspieler noch die Niederlage verarbeiteten, bespaßte Polster das Publikum auf dem Kölner Ringfest. Er wurde mit einer Geldstrafe belegt und abgemahnt. Richtig gestört hat ihn auch das nicht. Denn er selbst hat sich einmal als »einen Menschen der Leute« bezeichnet, in Österreich ist er auch deshalb ein Volksheld. Schwer vorstellbar also, dass jemand wie Polster die große Bühne einfach so verlassen könnte. Dafür liebt er  die Öffentlichkeit, den Flirt mit den Kameras, das Wechselspiel mit der Masse zu sehr. Doch mit seinem Karriereende 2001 wurde Polster, für ihn untypisch emotionslos, aus einem Film heraus geschnitten, in dem seither einfach keine Hauptrolle mehr für ihn vorgesehen ist. Damals wechselte er hinter die Kulissen, ins Management von Borussia Mönchengladbach. Dort sollte er die rechte Hand des kürzlich verstorbenen Rolf Rüssmann werden.

Doch so richtig passte dieses Schattendasein nicht zu Toni Polster. Auch wenn er heute, rückblickend, sagt: »Ich habe ja auch in Gladbach nie die erste Geige spielen wollen und kann mich, wenn es darauf ankommt, zurück nehmen.« Nach drei Jahren suchte er dann aber doch wieder die Wärme des Blitzlichtgewitters und wurde Teammanager bei Austria Wien. Seinem Heimatverein. Polster, der König des Schmäh, kehrte zurück in das kleine Reich hinter den Bergen. Auch das ein großer, medienwirksamer Auftritt. Knapp eineinhalb Jahre später wurde er jedoch nach Unstimmigkeiten mit Milliardär und Ligapräsident Frank Stronach fristlos entlassen. Es war auch sein Abschied aus dem unmittelbaren Dunstkreis des Fußballs. Seither ist er auf seiner persönlichen Tournee der medialen Omnipräsenz und  irrlichtert durch die deutschsprachige Fernsehlandschaft. Nicht nur als Experte für die Europa League.  

2008 hat Toni Polster »Das perfekte Promidinner« auf Vox gewonnen, eine dieser Shows irgendwo zwischen Realsatire und Echtzeitseifenoper, in der sich sonst TV-Größen wie Achim Mentzel, Giulia Siegel oder Gundis Zambo um den Verstand kochen. Menschen, die nur noch in den Formaten von RTL und Sat1 stattfinden, im Fernsehen zu leben scheinen. Und auch Polster taucht immer wieder in den Gameshows der Privaten auf, ist Teil einer Armada von B-Promis, die auf Abruf mit überlebensgroßen Plastikfiguren »Mensch ärgere Dich nicht« spielen oder öffentlich in ihrer Plattenkiste wühlen, um, manchmal auch genial daneben, die Achtziger wiederzubeleben. Nebenbei ist Polster selbst, zumindest in Österreich, längst ein Hitgigant. Im Sommer hat er sein drittes Album veröffentlicht, nachdem er mit dem Vorgänger in Österreich bereits doppelt Platin geholt hatte. Polster hat es sich merklich gemütlich gemacht in den Untiefen des Showbusiness. Doch wenn man mit ihm spricht, merkt man schnell, dass er den Fußball, sein natürliches Habitat vermisst.

»Natürlich bin ich eine Rampen-Sau«


»Natürlich bin ich eine Rampensau, habe auch mit dem Singen einen riesen Erfolg«, sagt er dann und die Worte kriechen dabei so betont lässig aus seinem Mund, wie er früher selbst gespielt hat, weshalb es eine kleine Ewigkeit dauert, bis Polster ehrlich hinterherschiebt: »Aber ich gehöre in den Fußball und möchte auch gerne dahin zurück.«  

Es ist ein wichtiges Aber. Und es ist wenig verwunderlich, dass es dieses Aber gibt, trotz seiner Erfolge als Sänger, trotz seiner Rolle als Star, die er sichtlich gerne spielt und die vielleicht gar keine Rolle ist. Denn ein wenig wirkt es so, als hätte Polster den Kontakt zu dem Spiel verloren, das ihn groß gemacht hat, weil er sich eben nicht mehr an jedem Wochenende an den Frontlinien zwischen Coachingzone und Fünfmeter-Raum echauffieren kann. Selbst als Fußballexperte berührt er das Spiel nur oberflächlich, aus dem gläsern antiseptsichen Raum der Fernsehstudios, durch den Filter der Mikrofone.

Auch deshalb spürt man, unterschwellig, eine gewisse Sehnsucht nach dem Rasen. Er sagt zwar: »Es ist nicht so, dass ich jetzt jeden Morgen vor der Zeitung sitze und schaue, wo welcher Trainer am seidenen Faden hängt.« Ab und zu geht der Blick aber doch nach Deutschland. Vielleicht fällt der Name Polster. Irgendwo.

Auf den ersten, flüchtigen Blick ist es schon erstaunlich, dass Polster nur selten und dann auch nur hinter vorgehaltener Hand Gegenstand der ein oder anderen Trainersuche war. Für den Posten des Nationaltrainers Österreichs schien er trotz seines Stelllenwertes in der Fußballgeschichte seiner Heimat nie ernsthaft in Frage zu kommen und selbst in Gladbach oder Köln, wo in den vergangenen Jahren eigentlich im Halbjahresrhythmus die Trainerbank neu besetzt werden musste, wurde die Personalie Polster nie konkret. Natürlich hat aber auch das unmittelbar mit Polster selbst zu tun, mit dem Entertainer in ihm. »Die Leute wissen eben auch, wer mich verpflichtet, kriegt wenig Sonne ab. Und das können nur ganz starke Persönlichkeiten verkraften«, sagt er, wenn er die wenig überbordene Nachfrage erklären will. Polster selbst hat indes keine Angst vor seinem Bundesligacomeback. Als Trainer, als Sportdirektor, als Toni Polster. Ganz im Gegenteil. »Ich denke, dass ich die besten Voraussetzungen habe, um auch wieder in der Bundesliga zu arbeiten. Ich war ja nicht nur zwanzig Jahre Profi, sondern habe auch meine Trainerausbildung mit Auszeichnung bestanden und in Gladbach mehr als zwei Jahre im Management gearbeitet.«  Wieder zieht er sich die Worte aus dem Mund wie zähes Kaugummi.  

Polster hat keine Angst vor dem Bundesliga-Comeback

Und dann, nach einer kurzen Pause, sagt er noch: »Ich würde sofort zurückkehren. Wenn es Sinn macht und alles passt. Wenn ein Verein jemanden für eine verantwortungsvolle Position sucht, der Fußball-Know-How besitzt und zwölf Stunden am Tag hart arbeitet, dann wäre ich bereit.« Wie er das sagt, klingt es ganz nach dem alten Selbstverständnis des Strafraumexzentrikers, nach dem Tünn von früher.

Aber auch wie seine ganz persönliche Bewerbung auf eine Stellenausschreibung, die es momentan für ihn nicht gibt.            
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