Tomasz Hajto über die Meisterschaft der Herzen

»... dann stehst du im Regen«

Heute jährt sich Schalkes Vier-Minuten-Meischerschaft von 2001 zum zehnten Mal. Tomasz Hajto war damals mittendrin. Wir sprachen mit ihm über die Vertreibung aus dem Paradies und Rudi Assauers Toilettentick. Tomasz Hajto über die Meisterschaft der Herzen

Herr Hajto, wir versuchen Sie schon seit längerem zu erreichen. Warum ist es so schwer, Sie ans Telefon zu bekommen?

Ich habe mehrere Mobilfunknummern. Diese etwa ist meine Privatnummer, normalerweise nehme ich gar nicht ab, wenn ich eine unbekannte Nummer sehe. Jedoch hat mich Tomek Klos bereits vorgewarnt, dass Sie ein Interview mit mir führen wollen.

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Sie sprechen gerade Tomasz Klos an. Was verbindet Sie mit dem Ex-Kölner und Lauterer?

Tomek ist ein sehr guter Freund von mir. Vor knapp drei Wochen hat Tomek sein Abschiedsspiel in Lodz bestritten. An diesem Spiel haben viele alte Weggefährte von Tomek teilgenommen. Ich war auch mit von der Partie und habe mich gefreut, ehemalige Kollegen aus der Bundesliga zu treffen. Lukas Podolski war auch dabei, er ist ein sehr guter Freund von Tomasz Klos. Als Poldi das erste Mal am Training der Lizenz-Mannschaft des FC teilnahm, hat Tomek ihm sogar neue Schuhe besorgt. Momentan ist Tomasz Klos Manager von LKS Lodz, und ich bin der Mannschaftskapitän des Traditionsvereins. Zudem ist Tomek gemeinsam mit Tomasz Waldoch für meinen Spitznamen verantwortlich.

Der lautet?

In Polen kennt mich jeder unter »Gianni«. Ich werde so unter Fussballkollegen gerufen, aber mittlerweile nennen mich auch Familienmitglieder »Gianni«. Ich habe immer gerne Kleidung von Gianni Versace getragen, deshalb haben mir Klos und Waldoch im Trainingslager der polnischen Nationalmannschaft diesen Spitznamen verpasst.

Mittlerweile ist es schon knapp vier Jahre her, dass Sie nach Polen zurückgekehrt sind. Erinnern Sie sich gerne an Ihre Zeit in Deutschland zurück?

Natürlich. Es war eine schöne Zeit. Sowohl beim MSV, als auch auf Schalke. Für Duisburg schlägt mein Herz heute noch. Das war meine erste Station im Ausland. Ich konnte kein Deutsch und war orientierungslos. Doch die Verantwortlichen des MSV haben mir immer und überall geholfen. Es ist schade, wenn ich jetzt aus der Ferne mitbekomme, dass der MSV in einer schönen Arena nur in der 2. Bundesliga spielt. Ich habe es noch nie verstanden, dass der VfL Bochum mit den gleichen Mitteln mehr als der MSV rausholen kann. In Duisburg gefällt mir die Transferpolitik überhaupt nicht.

Das hört sich ja so an, als ob Sie eine Lösung für den MSV parat hätten?

Der MSV ist für mich ein ganz besonderer Klub. Ich habe keine ideale Lösung. Jedoch würde ich dem MSV jederzeit in irgendeiner Funktion zur Verfügung stehen.

Sie schwärmen so von den Meiderichern. Haben Sie auch noch Gefühle für die Schalker?

Diese Frage erübrigt sich eigentlich. Ich hatte in Gelsenkirchen eine traumhafte Zeit. Schalke kann man mit Duisburg nicht vergleichen. Bei Schalke war ich schon ein gestandener Spieler, in Duisburg musste ich mir alles hart erarbeiten. Auf Schalke ist alles ein Stück größer.

Was verbinden Sie mit Schalke?

Erfolge. Beim S04 wurde ich Vize-Meister und DFB-Pokalsieger. Diese Vier-Minuten-Meisterschaft werde ich nie vergessen. Es ist einfach nicht zu beschreiben. Da denkst du, du bist Deutscher Meister. Und vier Minuten später erwachst du aus diesem Paradies und stehst im Regen. Unfassbar. Wenn ich heute zurückblicke, dann tut mir Rudi Assauer am meisten leid. Dieser Mann ist Schalke 04. Er hätte es verdient, wie kein anderer, die Schale in seinen blau-weißen Händen zu halten. Rudi hat mir mal erzählt, dass er morgens sogar viermal die Toilette besucht. So besessen ist der Mann von Schalke 04. Ohne Rudi Assauer ist Schalke 04 nicht mehr »das"«Schalke 04.

Haben Sie noch Kontakte in die Bundesliga?

Nicht mehr viele. Doch die wenigen pflege ich. Ich telefoniere öfter mit Rudi Assauer oder Andreas Möller, der mittlerweile Manager in Offenbach ist. Jedoch habe ich immer mit Schalke-Fans im Urlaub Kontakt. Es ist wunderschön, wenn die Fans dich in den Ferien auf der ganzen Welt grüßen und an die Schalker-Zeit erinnern. Es sind immer positive Kommentare. Ich habe mich auf Schalke auch wohl gefühlt. Es ist ein großer Verein.

Nach einer erfolgreichen Saison auf Schalke kam für Sie mit dem Amtsantritt von Jupp Heynckes das Aus.

Mit Heynckes war das eine ganze komische Kiste. Schon beim Trainingsauftakt hat er Jörg Böhme, Victor Agali und mir mitgeteilt, dass wir aufpassen sollen. Dann hat er mir Thomas Kläsener vor die Nase gesetzt und gesagt, dass wenn Kläsener jünger wäre und er ihn unter seinen Fittichen hätte, dann wäre Thomas deutscher Nationalspieler. Thomas hat vielleicht 20 Bundesliga-Spiele gemacht, ich habe über 200 Spiele bestritten. Ich verstehe die Theorie von Herrn Heynckes bis heute nicht. Wenn Heynckes` Theorie real wäre, dann würde Kläsener immer noch in der Bundesliga oder in der Zweiten Liga spielen und nicht in der fünften Klasse bei RB Leipzig.

Nachdem Heynckes nicht mehr mit Ihnen geplant hat, wurden Sie nach Nürnberg transferiert. Von dort aus ging es noch nach England, bevor es Sie zurück in Ihre Heimat verschlagen hat.

Die Halb-Serie in Nürnberg war auch nicht schlecht. Jedoch erinnere ich mich lieber an den englischen Fußball. Wenn jemand behauptet, das Hajto brutal spielt, der soll mal auf die Insel fahren. Das ist unglaublich. Ich habe in der Championship gespielt, das nenne ich gesunde Härte. Sowohl in Deutschland als auch in Polen ziehen die Unparteiischen zu früh den gelben Karton. Wenn das in England der Fall wäre, dann hätte der ehemalige englische Nationalspieler Dennis Wise bei jedem Spiel in der fünften Minute die Rote Karte gesehen. Ich weiß wovon ich rede, ich habe diese »Maschine« in Aktion gesehen. Ich habe in der Bundesliga und der Ekstraklasa soviele Gelbe Karten kassiert, obwohl ich nicht nur einen Hauch von Wise‘ Spielhärte habe.

Sie sind 2006 nach neun Jahren im Ausland nach Polen zurückgekehrt. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen der Bundesliga und Ekstraklasa?

In der polnischen Liga gibt es mit Legia Warschau, Lech Posen und Wisla Krakau drei Top-Vereine, die in der Bundesliga einen Platz zwischen Rang acht und zwölf belegen würden. Nach diesen Klubs trennt sich jedoch die Streu vom Weizen. In Deutschland kann jeder jeden schlagen. Dazu gibt es natürlich noch das infrastrukturelle Problem im polnischen Fußball. Aber ich bin da voller Zuversicht, das wir bis zur EM 2012 aufholen werden. Jetzt hoffe ich jedoch, dass mein Verein LKS Lodz die Lizenz für die kommende Saison erhält. Und dann wünsche ich dem MSV von Herzen den Bundesliga-Aufstieg. Dann würde ich sicherlich mal Zeit finden, um nach Duisburg zu kommen, um mir die MSV-Arena anzugucken. In diesem Schmuckkästchen war ich leider noch nicht.

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