Tomás Galásek

Der Bessermacher

Meist sieht man Tomás Galásek vom 1. FC Nürnberg während des Spiels nicht – dabei hebt er seine Mitspieler auf ein höheres Niveau. Unser Kolumnist Christoph Biermann zeigt auf, wie er das macht. Imago
Heft #65 04 / 2007
Heft: #
65
Man kann nicht gerade sagen, dass die Bundesliga den Atem anhielt, als der 1. FC Nürnberg im letzten Jahr bekannt gab, dass der Tscheche Tomás Galásek kommen würde. Bestenfalls schien der fränkische Bundesligist aus geographischen Gründen irgendwie passend, weil es der inzwischen 34-Jährige von dort aus nicht weit in seine tschechische Heimat haben würde. Doch weder die sportlichen Einschätzungen noch die biographischen Annahmen waren richtig.

[ad]

Wenn Galásek seine Karriere voraussichtlich im übernächsten Sommer beendet, wird er nämlich zurück nach Holland gehen. Dort ist sein Lebensmittelpunkt, seit er in den letzten vier Spielzeiten bei Ajax Amsterdam unter Vertrag stand und in den vorangegangenen sechs Jahren zu der Mannschaft von Willem II Tilburg gehörte, die es überraschenderweise sogar bis in die Champions League schaffte.

Ob in seiner Nationalelf, in der holländischen Ehrendivision oder jetzt in der Bundesliga – Galáseks Fähigkeiten sind oft übersehen worden. Wenn man sich gerade fragt, was er während des Spiels eigentlich gemacht hat, ist es auch schon vorbei. So werden wahrscheinlich noch nicht einmal alle Fans des 1. FC Nürnberg gemerkt haben, dass der unsichtbare Spieler in dieser Saison der »Most Valuable Player« ihrer Mannschaft ist. Galásek ist deshalb so besonders wertvoll, weil er bei seiner Mannschaft gleich mehrere Jobs auf einmal erledigt.

Der letzte Libero


Nominell spielt er als defensiver Mittelfeldspieler vor der Abwehr. Der langjährige Kapitän der tschechischen Nationalmannschaft ist ein klassischer Sechser, und um daran keine Zweifel aufkommen zu lassen, trägt er die 6 auf seinem Trikot. Doch auf dieser Position ist Galásek mehr als nur Balleroberer, Ballschlepper und Arbeitsbiene, er ist der Anführer des Nürnberger Defensivspiels. Man kann in seinem Spiel sogar Züge dessen wiedererkennen, was früher einen guten Libero ausmachte, denn Galásek lenkt seine Mitspieler und bügelt ihre Fehler aus. Wenn der Druck des Gegners sehr groß wird, schiebt er sich manchmal sogar in die letzte Reihe zurück, um etwaige Löcher zu stopfen. Aufgrund seiner Erfahrung ist er zugleich die starke Schulter, an der sich seine Kollegen anlehnen können. Wer schon einmal Fußball gespielt hat, der weiß, welche enorme Hilfe es sein kann, einen solchen Spieler in der Mannschaft zu haben. Denn es schont die Nerven ungemein, die Verantwortung zwischendurch abgeben zu können. In anderer Hinsicht erinnert Galásek ebenfalls an den Libero von einst und füllt damit teilweise die Lücke im Nürnberger Spiel aus, wo es an einem Kreativen im offensiven Mittelfeld mangelt. Zwar ist Galásek nur in wenigen Situationen der Passgeber zu Torschüssen, aber oft ist er mit seinem durch und durch vernünftigen Spiel und seinen nie komplizierten Bällen aus der Tiefe der Initiator des Nürnberger Spiels.

Jede dieser Aktionen steht im Dienst der Sache, und nichts davon ist irgendwie spektakulär. Doch genau das macht Galásek zu einem Trainerspieler, also zu einem, von dem jeder Trainer träumt, weil er Verantwortung übernimmt und sich wie ein Coach auf dem Platz verhält. Galásek ist aber auch einer, den seine Kollegen zutiefst respektieren, weil seine Aktionen immer dafür sorgen, dass sie auf dem Platz besser aussehen. Und so wird es in Nürnberg ein trauriger Tag sein, an dem Galáseks Karriere zu Ende geht. Selbst wenn das anderswo kaum registriert wird.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!