Thomas Tuchel im Interview
23.07.2010

Thomas Tuchel im Interview

»Alles kann auseinander brechen«

In der vergangenen Saison führte Thomas Tuchel Mainz 05 auf Platz 9. In unserem Bundesliga-Sonderheft, das am Donnerstag erscheint, erklärt Tuchel, wie der Aufsteiger das geschafft hat und ob jetzt der Absturz kommt.

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Vanja Vucovic
Thomas Tuchel, haben Sie bei der WM etwas Neues gelernt?

In meiner Wahrnehmung ist es eher die Champions League, die Maßstäbe setzt. Dort ist die Arbeit nachhaltiger, und die Trends sind stabiler.

Glauben Sie, dass der Ausfall von Michael Ballack die deutsche Elf geschwächt oder gestärkt hat?

Mein erster Impuls war: Das wird der deutschen Mannschaft richtig weh tun. Der zweite Gedanke aber: Was passiert jetzt in der Gruppe? Und da lag für mich auf der Hand, dass manches einfacher werden kann, weil die öffentliche Erwartung niedriger ist. Wenn das ganze Land denkt, ohne den Leader wird das nichts, schweißt das zusammen und andere Spieler treten aus dem Schatten und gehen notgedrungen in die Verantwortung: Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Arne Friedrich, um nur einige zu nennen. Trotzdem halte ich die aktuelle Debatte um Ballack für unangemessen.



Wir haben Interviews gefunden, wo Sie ganz unironisch von Führungsspielern reden. Ist das nicht ein Ausdruck, den der moderne Fußball meidet wie der Teufel das Weihwasser?


Vielleicht ist nur das Verständnis ein anderes. Den klassischen Leitwolf, der die Bälle nach dem Training nicht einsammeln muss, gibt es bei uns nicht mehr. Die Hierarchien werden flacher und sind weitgehend losgelöst davon, ob jemand 100 Länderspiele auf dem Buckel oder 500 Mal für den Verein gespielt hat. Aber es gibt Spieler, die durch außergewöhnliche Leistungen auf und neben dem Platz eine gewisse Nähe zum Trainer haben und in taktische Überlegungen eingeweiht werden.

In der letzten Saison hat das ja ganz gut funktioniert. Hätten Sie Platz 9 in Ihren kühnsten Träumen für möglich gehalten?

Wir haben uns nie darüber Gedanken gemacht, wo unser Handeln hinführen kann. Wir haben einfach nur versucht, es so gut wie möglich zu machen. Klar ist aber, dass bei einem Verein wie unserem auch ein Quäntchen Glück dazugehört – dass etwa Spieler, die wir nicht eins zu eins ersetzen können, gesund bleiben müssen. Oder dass die Ergebnisse stimmen, denn allein durch das Lob und die Anerkennung des Trainers lässt sich auf Dauer kein Selbstvertrauen schaffen. Da hatten wir das Glück, dass das Produkt unseres Handelns Punkte waren, von Anfang an und außergewöhnlich konstant.

Hat Mainz 05 allein deshalb besser abgeschnitten, als es dem Klub angesichts seines Etats »zustand«?


Im Grunde ist es das: sich auf das Handeln konzentrieren und nicht zu viel an die Konsequenzen denken.

Fußballer denken zu viel?

Die sollen schon denken, aber auf ihre Aufgabe fixiert bleiben. Solange wir in der Bundesliga spielen, kann es passieren, dass Mainz 05 eine Top-leistung abliefert und trotzdem als Verlierer vom Platz geht. Das kann Bayern München so nicht passieren. Deshalb kann Bayern kalkuliert auf ein bestimmtes Ergebnis spielen und dafür gerade so viel wie nötig tun. Bei uns ist das leider nicht möglich.
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Das vollständige Interview mit Thomas Tuchel könnt ihr im 11FREUNDE Bundesliga-Sondehft lesen, das ab dem kommenden Donnerstag (29. Juli) im Handel erhältlich sein wird.
 
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