Thomas Hitzlsperger zieht Zwischenbilanz

»Soll ich den Macho spielen?«

Nach einer enttäuschenden Saison bei Lazio Rom hofft Thomas Hitzlsperger auf einen Neuanfang bei West Ham United. Wir sprachen mit ihm über den kalten Abschied aus Stuttgart und die Notwendigkeit, ein Schwein zu sein. Thomas Hitzlsperger zieht ZwischenbilanzArmin Smailovic
Heft#104 07/2010
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Thomas Hitzlsperger, sechs spärliche Einsätze in der Rückrunde bei Lazio Rom. Mussten Sie sich das Abenteuer Italien wirklich antun?

Dass es nicht einfach wird, war mir klar. Es dauert seine Zeit, in einer Mannschaft anzukommen. Nach dem gelungenen Wechsel von England nach Deutschland dachte ich aber, dass ich es schneller schaffe – ein Fehler. Nach einer Woche war dann auch noch der Coach weg, der mich geholt hatte...

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Auf Davide Ballardini folgte Eduardo Reja, mit dem Sie nicht klarkamen.

Wir kamen sogar sehr gut miteinander klar! Da gab es keine Missverständnisse. Er sagte mir ganz ehrlich, er müsse für meine Position auf Stefano Mauri setzen. Offiziell wurde das mit dessen Erfahrung in der Serie A erklärt. Ich wusste ja schon bald, dass die Fangruppen massiv Druck machten. Situatione particulare nannte er das, was da im Umfeld abging. Es gibt zu wenig Zuschauer. Da liest man den Fans jeden Wunsch von den Augen ab. Er hätte das nicht mehr erklären müssen.

Dennoch wirkt Ihre Zeit bei Lazio wie ein einziges Missverständnis.

So sah das jedenfalls für Außenstehende aus. Nach der Saison riefen die Verantwortlichen bei mir in München an, ich solle doch bleiben und die Zeiten auf der Bank vergessen. Es habe sich eben um eine Ausnahmesituation gehandelt. Was denn das für eine Ausnahme gewesen sein sollte, wollte aber keiner offiziell sagen. Das ist eben die Diplomatie. Sehr höflich und angenehm, aber leider am Ende unverbindlich.

Wie haben Sie auf den Anruf reagiert?

Ich habe direkt angesprochen, dass das für mich nicht zusammenpasst – die Praxis und die Avancen hinterher. Das war nicht diplomatisch von mir. Aber ich war ja schließlich nicht nach Rom gekommen, um die Stadt zu genießen, sondern um Fußball zu spielen.

Sie beschreiben es so rational, dabei klingt es wie ein Horrorszenario. Finden Sie?

Ich bin zwar mit zu viel Vorfreude nach Rom gegangen, dennoch war es eine gute Zeit. Die Kollegen waren kameradschaftlich sehr in Ordnung. Wir sind öfter zusammen ausgegangen – eine gute Gruppe mit charakterstarken Leuten. Die haben sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lassen. Das war wirklich eine gute Erfahrung.

Gab es denn keinen Zoff? Sie steckten schließlich mitten im Abstiegskampf.

Mannschaft und Präsidium waren öfter unterschiedlicher Meinung. Wir wurden beispielsweise einmal zwei Stunden von Rom entfernt in ein Trainingslager beordert. Der Präsident Claudio Lotito wollte, dass ein Psychologe uns begleitet. Mit dem konnte das Team aber nichts anfangen. Die Spieler sagten sinngemäß: Wir haben keinen an der Waffel, und wenn es Probleme gibt, werden wir die auch ohne Psychologen klären. Im Trainingslager wurde dann gut gegessen und getrunken – und dabei kamen auch unsere Themen auf den Tisch. Das wurde ein Mannschaftsabend der besonderen Art. Der Psychologe hätte nichts zu tun bekommen. Er fuhr wieder nach Hause.

Konnten Sie sich an diesen Diskussionsabenden auch einbringen?

Als der Neue und besonders als Ersatzspieler hält man sich da eher zurück. Sowieso steckte mein Italienisch in den Anfängen. Trotzdem wollten sie hören, was ich zu sagen hatte. Da hat wirklich jeder den letzten Brocken Englisch ausgegraben, um mir das zu erleichtern.

Über die Serie A kursieren viele Vorurteile. Hat Sie das bei Ihrem Wechsel nicht abgeschreckt?

Es wird viel geschrieben und geredet. Ich musste selber herausfinden, wie es wirklich ist. Was mir das Wichtigste war: Es wird guter Fußball gespielt, mit ganz überdurchschnittlichem Engagement.

Welches Klischee trifft denn zu? Dass die Klubs hohe Gehälter anbieten, aber am Ende gar nicht oder nur sehr spät bezahlen?

Die Zahlungsziele entsprechen nicht unbedingt dem deutschen Arbeitsrecht oder dem Beamtenkalender, das stimmt. Von den Kollegen hat aber keiner gemeckert. Ob es dann am Ende beim Zahlen ernsthafte Probleme gibt? Da warte ich mal ab.

Die Stadien sind leer, weil die Leute den Glauben an die Ehrlichkeit des Fußballs verloren haben.

Es gibt viele Gründe dafür, dass weniger Zuschauer kommen als in Deutschland oder England. Ich tippe eher auf das schwache Karten- und Stadionmanagement. Man sieht ja schon im Fernsehen, dass es viele leere Plätze gibt – auch bei sehr guten Spielen. Deswegen haben ja auch die Fangruppen viel mehr Gewicht als bei uns.


Lazio steht im Ruf, über ein hohes rechtsradikales Fanpotential zu verfügen.

Das klingt jetzt aber wie aus dem Verfassungsschutzbericht. Fehlt nur noch »Gewaltbereitschaft«. Also: Natürlich ist Lazio alles andere als ein Salonverein. Ich hatte davon schon gehört, allgemein in der Serie A und speziell bei Lazio. Ich wollte aber selber herausfinden, wie es in Wirklichkeit ist. Mir war es wichtig, dort unvoreingenommen anzufangen und mir erst mal anzusehen, wie der Klub mit diesem Problem umgeht.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Ganz ehrlich: Ich kann bis heute nicht wirklich beurteilen, wie der Klub seine Fanprobleme managt. Er reagiert offensichtlich sehr flexibel. Auch wenn es um die Political Correctness geht.

Haben Sie denn in Ihrer Zeit dort nichts davon mitbekommen? Schließlich engagieren Sie sich aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit.

Wenn man mittendrin steckt, bekommt man wenig mit. Die Afrikaner im Team machen schon mal ihre Witze darüber, dass sie beim Einkaufen gefragt würden, ob sie überhaupt bezahlen könnten. Das ist der Alltagsrassismus, den es in Deutschland wohl auch gibt. Aber beim Auswärtsspiel in Livorno kam es dann mal ziemlich drastisch: Da schrien die Lazio-Fans schon beim Warmmachen »Duce! Duce!« und hoben den Arm zum Faschistengruß. Ich saß auf der Bank. Die Kollegen sagten, so was komme öfter vor. Der Klub nahm dieses Verhalten auch ohne Kommentar hin. Das fand ich jedenfalls merkwürdig und interessant.

Interessant oder vielmehr schockierend?

Man merkt sehr schnell, dass man solche Rituale wohl nicht so einfach ändern kann. Als Spieler auf der Bank denkt man natürlich darüber nach. In italienischen Stadien ticken die Uhren auch sonst anders. Wie soll man sich das erklären: Da ist der Klub zuhause in Rom gegen Inter angetreten. Als Inter ein Tor schießt, steht das ganze Stadion auf und jubelt gegen die eigene Mannschaft. Da muss man eben wissen, dass die Fans den AS Rom – für den es noch um die Meisterschaft ging – im Vergleich zu Inter für den größeren Rivalen halten. So eine Logik hat man nicht so schnell drauf.

Ist das etwa ein Milieu, in dem Sie sich als Fußballer gerne aufhalten?

»Milieu« ist ein großes Wort. Das entsteht ja erst durch die Gemengelage von Pro und Contra. Klar war nur: Lazio toleriert rassistisches Verhalten seiner Fans. Ob das jemand im Verein sogar unterstützt oder warum die Leute das kommentarlos hinnehmen, das findet man als Einzelner nicht so bald heraus.

Noch mal: Bereuen Sie den Schritt nach Italien im Nachhinein?

Nein, der Wechsel war sorgfältig abgewogen, und die Lazio-Leute hatten mir vorher signalisiert, dass sie mich wirklich haben wollen. Von allen Optionen, die ich hatte, war Lazio die beste. Mir war überdies klar: Ich habe nur drei Monate, um mich für die WM zu empfehlen.

Die haben nicht gereicht. Gab es eine persönliche Absage von Bundestrainer Joachim Löw?

Die gab es. Anfang März rief er an und wollte wissen, wie es läuft. Er riet mir, ich solle mich reinhängen und versuchen, so viel Spielpraxis wie möglich zu bekommen. Aber da gab es bei Lazio eben Grenzen. Am Tag vor der vorläufigen Kadernominierung meldete er sich dann, um mir zu sagen, dass es für mich mit der WM nichts wird.

Hatten Sie das erwartet?

Natürlich macht man sich Hoffnungen. Immerhin hätte ich ja einige Erfahrung mitgebracht. Er hätte mich auch in den erweiterten Kader berufen können, um zu sehen, wie ich drauf bin. Aber die Gründe, die er für seine Absage nannte, waren nachvollziehbar. Ich hatte schließlich drei Monate fast gar nicht gespielt. Und dazu noch die schwache Vorrunde in Stuttgart – er hat richtig entschieden.

Keimte bei Ihnen noch einmal Hoffnung auf, als Michael Ballack sich vor der WM verletzte?


Ganz klar: nein. Ich hatte schon zwei, drei Wochen abgeschaltet, und Löw hatte ja auch nicht gesagt: »Halte dich fit, es kann immer etwas passieren.« Außerdem blieb ja die Tatsache unverändert, dass ich wenig gespielt hatte. Ich wusste also, dass die Sache gelaufen war.

Wenig Einsatzzeiten hatten auch andere. Miroslav Klose und Mario Gomez etwa.

Der Unterschied ist auch nach Löws Erfahrung, dass man einem Stürmer durchaus einen Kaltstart zumuten kann. Ich aber spiele im Mittelfeld. Da weiß ich so gut wie der Bundestrainer: Man muss viel gespielt haben, um den Wettkampfrhythmus rasch zu finden.

Sie können Löw verstehen, der Sie nicht mit nach Südafrika nimmt, Sie akzeptieren es, wenn Lazio-Trainer Reja Sie nicht einsetzt. Wann platzt Ihnen mal der Kragen?

Soll ich den Macho spielen? Das empörte Einzelkind? Ich habe fünf ältere Brüder. So was härtet ab. Mich stört es überhaupt nicht, für geduldig und umgänglich gehalten zu werden. Um das zu ändern, müsste ich mir eine andere Sprache, ein anderes Auftreten regelrecht antrainieren. Das wäre dann eine bloße Show. Ich bin nun mal so, wie ich bin. Ob mir mal der Kragen platzt? Warten wir’s einfach mal ab.

Als Sie in Stuttgart Ihren Stammplatz verloren hatten, sagten Sie: »Wenn meine Kollegen im defensiven Mittelfeld weiter so gut drauf sind, werde ich auf der Bank bleiben.« Stefan Effenberg hätte die Konkurrenten im Training wohl umgenietet.


Den Namen Effenberg habe ich oft gehört, als ich Kapitän wurde. Markus Babbel erzählte gern davon, Effenberg habe es für wichtig gehalten, auch mal Zeichen zu setzen. Solche Zeichen sind aber nicht selten nur ein Alibi. Effe war als Kapitän einfach super, ein besonderer Mensch, den ich aber nicht nachahmen kann und will. Ich würde niemandem vorsätzlich die Knochen polieren. Aber glauben Sie mir: Wenn es denn sein muss, kann ich durchaus grob werden. Zum Fair Play gehört eben auch, dass man die Vorfahrt nicht verschenkt.

Ist es überhaupt möglich, sich zu sagen: Ab heute bin ich nicht mehr nett, sondern ein Schwein?

Man muss nicht unbedingt zum Schwein mutieren, wenn man weiterkommen will. Man kann nett sein und konsequent zugleich. Wenn ich aber auf der Bank sitzen müsste und zugleich von allen nett gefunden werden wollte, wäre das alles andere als konsequent.

Welche Mittel hat ein Spieler wie Sie da? Ein Interview in der »Bild«?

Und hinterher in der »BamS«, damit das auch jeder mitbekommt? Nein, es geht ja nicht darum, wie ich etwas empfinde und ausdrücke, sondern um das, was sich auf dem Platz abspielt. Trainer und Mitspieler lesen mein Spiel direkt auf dem Platz. Wenn sie dazu erst eine Zeitung aufschlagen müssten, wäre das schon seltsam.

Das heißt, die Spieler stehen gar nicht so sehr unter dem Einfluss der Medien, wie man annimmt?

Doch, doch, jeder registriert seine Noten. Das ist die natürliche Eitelkeit. Wer mir sagt, es interessiere ihn nicht, was über ihn in der Zeitung steht, muss mich für ziemlich blauäugig halten. Ich habe so was früher auch selber gesagt – aber dann doch mit einem Klick im Internet gecheckt, was da über mich in Umlauf ist.

Dann erklären Sie uns doch mal, wie es zu Ihrem rasanten Absturz in Stuttgart kam.

Das ist jetzt für mich eine harte Übung. Also gut: Es begann am Anfang der vergangenen Saison. Markus Babbel setzte mich schon im zweiten Spiel auf die Tribüne. Er tröstete mich damit, dass er mich schonen wolle, weil die Saison noch lang sei. Das wollte ich nicht verstehen. Denn ich hatte zwar zu Saisonauftakt nicht gut gespielt – aber deswegen gleich auf die Tribüne? Dann stürzte auch noch der Klub erkennbar ab, und Markus selber wurde immer unsicherer.

Babbel war mehr auf der Autobahn zum Trainerlehrgang in Köln als bei den Übungseinheiten.

Daran hat es definitiv nicht gelegen. Er hat in Wirklichkeit nur sehr wenige Tage gefehlt. Und wenn er nicht da war, gab der Co-Trainer Rainer Widmayer noch extra Gas. Aber uns fehlte einfach die Ordnung.

»Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß«.

Ich war ja nicht der Einzige, der die am Fuß hatte. Wir kamen mit den hohen Erwartungen nicht zurecht. Da fehlte die Übersetzung zur Realität. Auch im Team gab es Unwuchten. Wir hatten uns verstärkt mit Pavel Pogrebnyak und Aljaksandr Hleb. Wie diese Transfers platziert wurden, das verursachte Fragen, vielleicht auch Neid. Ich habe als Kapitän versucht, im Hintergrund zu moderieren. Aber es war schwierig. Es bewegte sich zu wenig. Jeder hatte mit seinem eigenen Problem zu tun.


Was haben Sie den Mitspielern gesagt?

Sinngemäß in allen möglichen Variationen: Haltet euch an die Regeln! Es kommt auf die Disziplin jedes Einzelnen an. Nur so können wir uns aus dieser Situation befreien.

Aber Hleb ließ sich nicht auf Linie bringen?

Die Erwartungen an ihn waren fraglos enorm hoch. Wenn ein Spieler aus Barcelona zum VfB Stuttgart kommt, glauben manche, er würde den Klub allein zur Meisterschaft schießen. Das geht natürlich nicht. Auch er konnte sich nicht entfalten, weil die Mannschaft fremdelte. Überdies hat sein Transfer wohl auch den einen oder anderen neidisch gemacht. Kann sein, dass er das nicht so schlimm fand. Jedenfalls hat er nicht viel dagegen unternommen.

Fuhr Hleb in einem Luxusschlitten vor?

Um so was ging es überhaupt nicht. Wie Sie sich vorstellen können, stehen in Stuttgart viele schöne Autos auf dem Trainingsparkplatz. Sein Verhalten in der Gruppe war aber ungewohnt dominant. Einmal hat er sogar einen Arzt attackiert. Wir hätten ihn gemeinsam packen und zurück in die Spur bringen müssen. Ich habe es versucht, er hat zugehört, aber nicht reagiert. Er hat sich eben benommen wie einer, der vom besten Klub der Welt in die Provinz kommt. Natürlich: Barcelona ist zweifelsohne Weltklasse. Trotzdem muss man die Anerkennung dafür nicht täglich einfordern.

Warum gelang es dem erfahrenen Jens Lehmann nicht, für Disziplin zu sorgen?


Natürlich hatte Jens das Zeug dazu, und er hat definitiv als Einziger von uns immer seine Leistung gebracht. Aber als dienstältester Profi hatte er viel um die Ohren. Deswegen war er sicher öfter auf der Autobahn unterwegs als der Trainer.

Oder im Hubschrauber.

Den habe ich jetzt nicht so oft gesehen. Aber es stimmt: Er brauchte das Gefühl, viel frei zu haben. Es war schon ein Thema in der Mannschaft, dass er Sonderrechte bekommt und sonntags früh auch nach einem schlechten Spiel als Einziger nicht zum Training muss. Das war natürlich ein Privileg. Dafür hat er den Klub immer schön in den Medien gehalten – solche Geschichten sind auch wichtig.

Mit anderen Worten: Ein Showtyp wie Lehmann hilft einem kriselnden Verein auch, weil er mit seinen Eskapaden ein wenig vom schwachen Spiel ablenkt?

Weiß ich nicht, aber so war und ist er nun mal. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben, so ein aufschlussreiches Ich-Buch, in dem er sich erklärt. Vielleicht versteht man ihn nach der Lektüre besser.

Wie reagieren denn Profis, wenn sie mitbekommen, dass ein Kollege seine Biografie schreibt?

So laut hat er das nicht verkündet. Aber ich hatte es mitbekommen und ihn immer wieder nach dem Stand der Dinge gefragt. Ich warte noch darauf, dass er mir ein Exemplar schickt – am liebsten mit einer schönen Widmung.

Haben Sie von Jens Lehmann etwas gelernt?

Bestimmt....

Verraten Sie auch, was?

Sie mussten die Frage jetzt natürlich stellen. Also gut: Ich habe von ihm viel über Professionalität gelernt. Er war ein Athlet, hat auf seine Ernährung geachtet, arbeitete oft im Kraftraum und wusste, wie man seine Leistung auf den Punkt bringt. Aber jetzt hat er die härteste Herausforderung noch vor sich: Er muss herausfinden, wie es weitergehen soll.

Gab es im Dezember von Markus Babbel eine offizielle Erklärung dafür, warum er Ihnen das Kapitänsamt entzog?

Er hat es mir erst mitgeteilt, als es feststand. Er sagte, dass er mit dem Präsidium gesprochen und erfahren habe, dass man ihn nicht rauszuschmeißen gedenke, aber von ihm erwarte, dass er etwas ändert. Also hatte er einige Verbesserungsideen eingereicht – eine davon war, dass er mich vom Kapitänsamt entbinden würde.

Aus welchem Grund?

Das hat er mir nicht gesagt. Im Gegenteil. Er meinte, er könne sich auch keinen besseren Kapitän vorstellen. Aber durch die Aktion erhoffe er sich, dass ich mich wieder mehr auf mich konzentrieren könne. Es ist mir natürlich klar, dass so etwas nicht leicht vermittelbar ist, dass ich vielleicht auch zu nett bin oder was weiß ich. Aber mir die Binde abzunehmen ohne einen Kritikpunkt – das machte mich dann doch etwas ratlos.

Babbel sagt: »Ich kann mir keinen besseren Kapitän vorstellen als dich« – und im selben Atemzug nimmt er Ihnen die Binde weg. Haben Sie da nicht vor Wut den Tisch durchgehauen?

Ich hätte ja auch geradeaus hauen können (lacht). Ich habe beides nicht getan. Ich denke nämlich, dass so was eher zur Bühnenroutine eines Machos gehört. Ein Fußballspieler, der sich nicht beherrschen kann und unter Gefühlsausbrüchen leidet, ist jedenfalls ein erhebliches Risiko für seine Mannschaft.

Sie hätten mit einem Ausraster den Beweis antreten können, dass Sie der richtige Kapitän sind.

Ja, genau: Zeichen setzen! Fragt sich nur: Kapitän auf welchem Seelenverkäufer? Also: Ein Profi rastet nicht aus.

Was für eine Schlagzeile: »Hitzlsperger schlägt Trainer nieder!«

»… und wird Spielertrainer!« Im Ernst: Ich habe versucht, mit Markus Babbel zu diskutieren und herauszufinden, was sich ändert, wenn Matthieu Delpierre das Amt übernimmt.

Was hat Babbel geantwortet?


Er sagte, dass er mir helfen wolle, wieder besser Fußball zu spielen. Dabei wussten wir beide, dass es ein populistischer Schachzug war. Der Vorstand und das Umfeld waren extrem nervös. Sie wollten eben Zeichen sehen. Und Babbel ließ ja schon zweimal täglich trainieren. Da blieb ihm nur noch übrig, den Kapitän zu wechseln. Damit alle denken: »Der Trainer meint es ernst!«

Hat Babbels Nachfolger Christian Gross Ihnen mitgeteilt, dass er nicht mehr mit Ihnen plant?

Ich hatte schon im Dezember ein Gespräch mit Manager Horst Heldt. Ich war verletzt, was die Situation verkomplizierte. Er fragte mich, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Ich war verwundert und fragte zurück: »Könnt ihr mir nicht sagen, wie ihr euch meine Zukunft vorstellt?« Daraufhin wollte er sich mit dem Trainer zusammensetzen und sich bei mir melden.

»Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an« – ein klares Zeichen.

Ich wusste zumindest: Das kann eng werden. Ich suchte daraufhin das Gespräch mit Gross und sagte ihm, dass das kommende halbe Jahr sehr wichtig für mich werde. Nach einer Woche Bedenkzeit erklärte er mir, er sei mit seiner Mannschaft zufrieden und lege mir keine Steine in den Weg. Das war eine klare Ansage.


Mit Horst Heldt haben Sie noch zusammengespielt. Warum hat er so plötzlich das Vertrauen in Ihre Fähigkeiten verloren?

Da müssen Sie ihn selbst fragen. Nur so viel: Seine Karriere war eher beendet, als er es wollte. Wir haben übrigens damals auf derselben Position gespielt.

Sie haben ihn also quasi in den Ruhestand befördert. Eine alte Rechnung, die Sie jetzt bezahlen mussten?

Das ist ein interessanter Einfall! Als Horst dann Manager wurde, hat er mich häufig kritisiert. Es lief ja in der Tat nicht besonders gut, ich wurde ziemlich oft ein- oder ausgewechselt. Doch dann wurde es immer besser, bis hin zu der überragenden Rückrunde 2006/07, in der wir die Meisterschaft gewannen. In der Folge war unser Verhältnis von gegenseitigem, aufrichtigem Respekt geprägt.

Was geschah dann?

Gegen Ende 2009 hat sich unser Verhältnis wieder abgekühlt. Irgendwie wollte er nicht mehr mit mir reden, ging dem Gespräch aus dem Weg – er hat sich nie dazu geäußert. Als ich zu Verhandlungen nach Rom flog, rief er an: »Das war ein guter Schritt, alles Gute!« Als hätte er gewusst, dass ich unterschreiben würde...

Gab es keine offizielle Verabschiedung nach viereinhalb Jahren beim VfB?

Nein. Ich wollte ja auch keine Ehrenrunde oder so was. Ich bin dann noch mal in die Kabine gegangen und habe mich von meinen Kollegen verabschiedet. Sami Khedira hat ein Trikot rumgehen lassen, auf dem alle unterschrieben haben, und dazu noch ein paar Sätze gesagt. Das war alles ganz normal und unaufgeregt – schließlich wurde durch meinen Abschied ja auch ein Kaderplatz frei.

Ist der Fußball ein undankbares Geschäft?

Das ist wie mit dem Dank des Vaterlandes. Den gibt es nur zum Begräbnis. Wie gesagt, mein Abschied war völlig undramatisch.

In Stuttgart schaut man nicht richtig, wen man gehen lässt, in Rom schaut man nicht richtig, wen man holt. Laufen Transfers immer so ab? Es geht schon bei der Frage los: Wer verpflichtet einen Spieler?

Manchmal wird da gründlich gescoutet und hin und her gerechnet. Aber manchmal entdeckt ein Präsident auf einer Geschäftsreise jemanden und setzt ihn dem Trainer vor, nach dem Motto: »So, jetzt mach mal was mit dem!« Das ist die Bandbreite. Auch in der Wirtschaft soll das nicht viel anders sein.

2005 waren Sie als Youngster auf dem Cover von 11 FREUNDE. Wie hat sich der Nachwuchsstar von Aston Villa seither verändert?

Nach einer WM und einer Meisterschaft nimmt man sich als Fußballer ganz anders wahr. Meine Leistung wird inzwischen öffentlich diskutiert. Und heute würde ich jedenfalls vor dem Druck genau fragen, was für ein Motiv 11 FREUNDE von mir auswählt (lacht).

Denken Sie auch darüber nach, dass Ihr Marktwert gesunken ist?

Ganz klar: Fußballerisch hat mich der Wechsel zu Lazio erst mal gebremst, und trotz meines neuen Vertrages bei West Ham United: Ich muss mir die Position, die ich in Stuttgart hatte, wieder ganz von vorn erarbeiten.

Kränkt es Sie, wenn das öffentliche Interesse abnimmt?

Von der Nachfrage auf dem Spielermarkt bekomme ich so oder so immer nur sehr wenig mit. Aber ich merke natürlich, dass sich manche Leute nicht mehr melden. Was hätte ich schon groß erzählen können – als Ersatzspieler in Italien? Da war ich sogar froh, dass ich in den letzten Monaten ein bisschen abtauchen konnte.

Haben Sie sich in Ihrem Karrieretief noch mal ihre größten Szenen angeschaut – die Vorlage auf Philipp Lahm im EM-Halbfinale 2008 etwa, »Hammer«-Tore für Aston Villa oder die Meisterfeier mit dem VfB?


Mir hat tatsächlich jemand einen Link geschickt, und ich habe mir die Bilder angeschaut. Es ist schön, sich an solche Erlebnisse zu erinnern. Natürlich ist es auch eine Bestätigung: Ja, ich kann es. Aber als zusätzliche Motivation bin ich darauf nicht angewiesen.

Was war der schönste Moment Ihrer Karriere?

Ich habe mal für Aston Villa in der 91. Minute das 2:1 im Spiel gegen West Bromwich gemacht. Oder das 2:0 im Derby gegen Birmingham City. Die Fans sind geradezu ausgerastet, ein absoluter Gänsehautmoment. Oder das Tor gegen Cottbus am letzten Spieltag der Meistersaison. Das war auch noch ein richtig schönes Tor! Dann weißt du: Es hat sich alles gelohnt.

Und was war am Schlimmsten?

Das letzte halbe Jahr in Stuttgart. Gerade weil ich als Kapitän ganz vorn stand. Die Presse, die Fans, alle wollten wissen, warum es nicht lief. Und ich musste Antworten geben – ohne sie genau zu kennen. Sonst hätte ich sie ja auf dem Platz gegeben.

Wie nah sind Ihnen die Fans auf die Pelle gerückt?
Wurden Sie morgens beim Bäcker beschimpft?

Brötchen habe ich nur noch online bestellt (lacht). Nein, die meisten Fans sind, zumindest in der direkten Begegnung, sehr höflich. Doch als wir im Pokal gegen Fürth rausgeflogen waren, rief die führende Ultragruppierung »Commando Cannstatt« an und verlangte: »Wir wollen den Manager und den Kapitän sprechen!« Auf Geheiß des Pressesprechers sind wir dann in dieses Klubheim gefahren.

Muss gut ankommen, wenn die Stars so viel Volksnähe zeigen.

Ich war auf eine eher lockere, gesellige Atmosphäre eingestellt. Doch dann kamen wir in einen finsteren Keller, dort saßen an die 30 Leute, keiner hat Alkohol getrunken, keiner hat geraucht. Es war total ruhig und gleichzeitig aggressiv. Und dann kam es: »Warum bist du gestern nicht gelaufen? Wie sollen wir noch Hoffnung haben? Was macht ihr, wenn wir nicht mehr ins Stadion kommen?«

Was haben Sie entgegnet?

Ich habe versucht, den Gemeinschaftssinn anzusprechen: »Wir brauchen euch, sonst haben wir keine Chance gegen die Bayern.« Und ich habe zugesagt, dass wir nach den Spielen in die Kurve gehen, um uns zu bedanken. Ich weiß, wie schnell sich so eine Geste verbraucht. Aber in dem Fall war es richtig.

Sie verweigern sich populistischen Aussagen. Im Cannstatter Keller mussten Sie aber Dinge sagen, die man hören wollte.


Ganz so war es nicht. Die Ultras sind ja keine Hohlköpfe, sondern hochengagierte Fans, die ein Recht auf den Dialog haben. Ich habe versucht, meine Sicht der Dinge darzulegen. Und im Laufe der 90 Minuten, die wir dort waren, wurden einige der Anwesenden auch versöhnlicher. Nur einer, ausgerechnet der, der direkt neben mir saß, war nicht zu beruhigen. Ich konnte sagen, was ich wollte – er wäre mir am liebsten an die Gurgel gegangen.

Die Ultras haben durch Busblockaden und bengalische Feuer einen Druck erzeugt, der die Vereinsverantwortlichen zu irrationalen Entscheidungen verleitet hat. Ein Bärendienst.

Horst Heldt und der Vorstand waren entschlossen, an Markus Babbel festzuhalten und damit auch ein Zeichen gegen diesen Trend zu setzen, Trainer reflexartig zu entlassen. Doch im Herbst wurde die Atmosphäre so heiß, dass es nicht mehr ging. Da sieht man die Macht der Fans. Sie wollen nicht als Leute wahrgenommen werden, die in der Kurve stehen und dummes Zeug reden. Sie wollen mitbestimmen.

Wünschen Sie sich manchmal, Fußball unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu spielen?

Nein. Das würde bedeuten, komplett auf Emotionen zu verzichten. Auch als wir mit dem VfB am Tabellenende festsaßen, sind die Leute ins Stadion gekommen. Sie haben zwar gepfiffen, aber wenn niemand mehr da wäre – das wäre dann doch wesentlich schlimmer.

Als wir Sie vorhin nach den schönsten Momenten Ihrer Karriere fragten, haben Sie die WM 2006 gar nicht erwähnt.

Es war nicht besonders angenehm für mich, das gesamte Turnier von der Bank aus zu verfolgen. Rundherum freuten sich alle, sechs Wochen lang herrschte die totale Harmonie. Man will ja auch kein Miesepeter sein. Aber es war schon anstrengend.

Haben Sie Angst, dass Sie in die Geschichte eingehen als derjenige, der das Zeug hatte, aber es nie ganz gepackt hat?

Ich wurde schon damals bei der WM 2006 gefragt, ob ich der neue Günter Hermann sei. Dabei habe ich schon 51 Länderspiele gemacht! Vielleicht nimmt man das nicht so wahr, weil ich nicht der Typ Schreihals bin. Aber das werde ich bestimmt nicht ändern.

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