Thomas Broichs Champions-League-Tagebuch

Die Sehnsucht nach Schwarzbrot

Thomas Broich kehrt nach 13 Monaten nach Deutschland zurück und freut sich auf die deutsche Küche. Vor seiner Rückkehr lernt er, Rafinha und Christoph Daum zu verstehen. Die Situation beim 1. FC Köln überrascht ihn als Ex-Spieler allerdings nicht.

Thomas Broich

Tagebuch

Brisbane, 17.05.2012

Auf dem Boden vor mir steht der halb gepackte Koffer. Der Countdown läuft. Das letzte Spiel ist gespielt. 1:1 in der Champions League gestern Abend gegen den FC Peking. Wir haben die Chinesen an die Wand gespielt, hatten etwa 15:1 Chancen. Da ist ein Punkt schon verdammt wenig. Einerlei, jetzt ist Urlaub angesagt. In rund 36 Stunden geht es Richtung Heimat. Heimat! Längst hat sich in die unterschwellige Sehnsucht eine ausgewachsene Vorfreude gemischt. 13 Monate war ich nicht mehr in Deutschland. So lange wie nie zuvor in meinem Leben.

Vermutlich kennt das jeder. Je weiter, je länger man von zu Hause weg ist, desto mehr kann man dieser abstrakten Begrifflichkeit abgewinnen. So sehr ich mich als Weltenbürger fühle, so groß meine Neugier auch sein mag, noch viele Ecken dieses Planeten kennen zu lernen – so sehr haben mich die Monate in Australien doch zu einem Bayern gemacht. Vielleicht mehr als ich es jemals war. Out of Rosenheim! Aus der Ferne bekommt Deutschland deutlich mehr Kontur. Echte Errungenschaften treten hervor – rein subjektiv, versteht sich.

Schwarzbrot und Rätsel

Was hätte ich in den letzten Wochen für das bayerische Nationalgericht gegeben. Was so klischeehaft klingt, ist doch die pure Wahrheit. Meine erste Amtshandlung »dahoam«: bei Mama eine Weißwurscht essen. Ein paar Wochen Pause von dem frittierten Zeug und den ganzen Burgern – herrlich. Wer sich wie ich mal ein Jahr lang von Toastbrot ernährt hat, wird nachvollziehen können, warum ich nachts längst von Schwarzbrot träume. Und ich freue mich auf Wasserburg. Das Stadtbild. Die bunten Häuser – Ornamente an den Wänden, Stuck an den Decken. Brisbane hingegen ist vor allem nachts schön. Der Sinn für eine gewisse europäische Ästhetik kann einem hier unten auf Dauer schon abhanden kommen.

Noch etwas Bayerisches kann ich kaum erwarten. Das Kreuzworträtsel im SZ-Magazin. Auch ein Stück Heimat für mich. Man kann es sich zwar auch über das Internet ausdrucken. Die edle Druckware allerdings im Original in den Händen zu halten, ist ein ganz anderes sinnliches Erlebnis. Wer mich also in der nächsten Woche in Wasserburg im Café sitzen sieht, ausgerüstet mit Weißwurst und SZ-Rätsel, sollte davon ausgehen, dass ich gerade wunschlos glücklich bin.

Finale mit Weißbier in Singapur

Zum »Finale dahoam« wird es leider nicht ganz reichen. Da ich mir dieses Spiel der Spiele aber keinesfalls entgehen lassen kann, musste ich schon mein ganzes logistisches Geschick in die Waagschale werfen. Nun fliege ich am Samstag zusammen mit meinem Team-Kollegen Besart Berisha nach Deutschland. Bessie hat seinen ersten Wohnsitz in Gütersloh, wo er während seiner Bielefelder Zeit ein Haus gekauft hat. Er hat sich auf Anhieb in den Landstrich verliebt und ist nun ein begeisterter Ostwestfale.

Unseren Flug haben wir geschickt rund um das Champions League Finale herum gebucht. Wir fliegen nach Singapur, wo wir eine ganze Nacht verbringen – inklusive Finale und vermutlich auch dem ein oder anderen Erdinger Weißbier – und am nächsten Tag geht’s weiter nach München.

Diesen europäischen Fußball habe ich wirklich auch vermisst. Und Fernsehabende in guter Gesellschaft. Vermutlich habe ich mich noch nie so sehr auf eine EURO gefreut. Hier bin ich meist mitten in der Nacht aufgestanden, um Spiele wie das Pokalfinale live zu verfolgen. Hundemüde und ganz allein habe ich dann dem Ameisenzirkus auf meinem Laptop gefrönt. Auf Dauer ein reichlich tristes Unterfangen.

Verständnis für die Brasilianer

Noch etwas zum Thema Perspektiv-Wechsel. Oder eher Doppel-Moral? Ich habe mich zu Bundesliga-Zeiten immer über die eigenmächtige Urlaubsverlängerung diverser Südamerikaner echauffiert. Nachdem sich nun aber mein eigener Horizont buchstäblich um 16.000 Kilometer verschoben hat, muss ich doch einräumen, dass ich diese vermeintlich halbseidene und objektiv betrachtet gleichsam unprofessionelle Haltung emotional mittlerweile durchaus nachvollziehen kann.

Mein alter Weggefährte Christoph Daum hat vor Jahren in Deutschland das indianische Sprichwort berühmt gemacht, demzufolge man erst über einen Menschen urteilen sollte, wenn man einen Tag seine Mokassins getragen hat. Ich kann diese blumige Daum’sche Formel nur bestätigen. Nur allzu gerne würde ich eine Woche mehr Heimaturlaub in Anspruch nehmen, fände es einfach nur fair, diesen Bonus zu erhalten – bedenkt man allein die erheblichen Zeiteinbußen durch Reisen und Jetlag, die ich in Kauf nehmen muss.

Die Sache mit der Hochzeit der Oma

Ich fürchte allerdings, ich würde in Down Under auf ähnlich viel Verständnis stoßen wie Rafinha seinerzeit auf Schalke oder Ailton in Bremen – falls ich wirklich »aus Versehen« den falschen Rückflug buchen würde – oder wahlweise mit der Hochzeit meiner Oma oder einem Fluglotsenstreik im zentral-germanischen Dschungel argumentiere. Und bis ich den Aussies das mit Daums Mocassins erklärt habe, haben sie das fällige Bußgeld längst von meinem Konto abgebucht.

Wenn man so lange weg war, erscheinen einem selbst die größten Banalitäten plötzlich neu und großartig. Wieder auf einem Kontinent zu sein, auf dem man andere Städte ohne Weiteres mit dem Auto erreichen kann, ist schon spektakulär. So werde ich nach ein paar Wochen in Bayern sicher auch nach Köln hoch düsen. Der zweite Ort der Republik, der mir richtig gefehlt hat. Die Stadt, die Leute. Hier unten konnte ich ja immer nur die zweifelhaften News rund um den FC verfolgen.

(Un-)Kultur in Köln

Was da in der abgelaufenen Spielzeit an Fluktuation in der Klubführung, Eskapaden der Spieler und extremen Leistungsschwankungen abgelaufen ist, war schon FC in Reinkultur. Alles wie gehabt. Und sogar noch ne Schippe drauf. Es gab in Köln ja immer ein gewisses Autoritätsvakuum. Dadurch, dass alles öffentlich war und somit auf jeden drauf gehauen werden konnte, gab es keinen, der über jeden Zweifel erhaben war. Eine unangefochtene Instanz, an die sich alle halten. Daraus hat sich meines Erachtens diese Mentalität entwickelt, dass jeder machen kann, was er will. Ich habe es in meiner Kölner Zeit erlebt. Es wurde eine gewisse »Kultur« von einer Spielergeneration zur nächsten weitergegeben. Und es hatte nie wirklich Konsequenzen. Da passt man sich ganz schnell an.

Insofern kann der Umbruch gar nicht radikal genug sein. Für mich geht es aber gar nicht so sehr um den Trainer. Solbakken war auch ein guter Coach. Das Problem in Köln ist doch das Umfeld. Das hat sich ja noch nie wirklich der Demontage eines Trainers entgegen gestellt. Sobald der auch nur ein kleines Zeichen von Schwäche zeigt, wird er von den Medien angeschossen und trainiert fortan auf Bewährung. Und das merken die Spieler.

Sie wissen, dass sie sich gar nicht zu 100 Prozent einbringen müssen, da ohnehin erstmal der Trainer geopfert wird. Als jetzt kurzfristig das Gerücht die Runde machte, man wolle Christoph Daum als Sportdirektor zurückholen, dachte ich mir – na, dann komm ich auch zurück. Aber im Ernst. Ein kompletter Neuanfang scheint wirklich das einzig Richtige. Es wird spannend sein, die neue Entwicklung zu beobachten.

Mein Treffen mit Stani

Stani ist auf jeden Fall ein richtig cooler Typ. Einer der wenigen »Echten« im Fußballbusiness. Einer, der sich wenig verstellt, unheimlich sympathisch. Und, soweit ich das beurteilen kann, ein Super-Trainer. Er wollte mich im Sommer 2009 unbedingt zum FC St. Pauli holen. Wir haben uns in Hamburg getroffen, uns lange unterhalten - da hat schon alles gepasst. Aber dann kam das Angebot meines Freundes Michael Oenning aus Nürnberg, da war meine Entscheidung schnell klar. Hinterher ist man immer schlauer. Andererseits, wenn ich nicht nach Nürnberg gegangen wäre, wäre ich jetzt vielleicht gar nicht in Australien.

Christoph Daum würden an dieser Stelle sicher ein paar Aphorismen über Umwege zum Ziel einfallen. Ich verkneife mir das und richte meinen Blick auf das nächste Ziel: Dahoam. Über den kleinen Umweg Singapur – und das »Finale dahoam«.

Gewinnspiel

An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erlebnisse mit Brisbane Roar, die momentan in der AFC Champions League spielen. Wir verlosen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehenswerten Dokumentarfilms von Aljoscha Pause über Thomas Broich: »Tom meets Zizou«. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@11freunde.de. Stichwort: Roar!

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