04.05.2012

Thomas Broichs Champions-League-Tagebuch

Ein Spiel dauert 94 Minuten

In der Champions League ist Brisbane Roar mittlerweile ausgeschieden. Doch das Grand Final der australischen Liga stand noch aus. Thomas Broich über Twitter-Diskussionen während des Spiels und seinen Job als Teilzeitmusiker auf der Meisterfeier.

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Thomas Broich
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Thomas Broich

An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erlebnisse mit Brisbane Roar, die momentan in der AFC Champions League spielen. Wir verlosen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehenswerten Dokumentarfilms von Aljoscha Pause über Thomas Broich: »Tom meets Zizou«. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@11freunde.de. Stichwort: Roar!

Tokio, 03.05.2012

Das ist sie also, die pulsierende Metropole. Ein asiatischer Mythos. Unfassbar groß, schwer zu begreifen. Im Großraum Tokio leben rund 35 Millionen Menschen. Keine »City of Lights« wie Los Angeles, eher die City of Neon Lights. Vor Leuchtreklamen sieht man keine Häuser mehr. Doch was ist die viel-schildrige Message? Lost in translation. Nun also auch ich. Und doch leider nicht wirklich. In der Kürze der Zeit konnte mir noch nicht einmal Scarlett Johanssons Mutter über den Weg laufen. Schade. Zu gerne würde ich dem faszinierenden Flimmern und Rauschen dieses Leuchtturms fernöstlicher Zivilisation länger nachspüren.

90 Minuten monsunartiger Dauerregen

Doch so fremd mir diese Stadt erscheint - meteorologisch betrachtet war unser Spiel gestern Abend gegen den FC Tokio ein Heimspiel. Fritz Walter-Wetter XXL. Schwül-warm und 90 Minuten monsunartiger Dauerregen. Wir kennen das aus Australien, was aber nicht heißt, dass wir es lieben. Fußball spielen ist dann eben schwer. Obwohl wir im Olympiastadion von 1964 einen guten Start erwischten und schon nach vier Minuten mit 1:0 in Führung gingen, gewann Tokio am Ende mit 4:2.

Wir hätten dieses fünfte Vorrunden-Spiel wirklich gewinnen können. Da unser Ausscheiden aus der Champions League aber bereits vor dem Match nahezu feststand, hielt sich die Enttäuschung in Grenzen. Zumal immer noch die Euphorie unseres nationalen Titelgewinns nach schwingt. Die Tage rund um das »Grand Final« waren unglaublich.

Am Morgen des Finaltags: Musikstunden mit den Kumpels

Spielvorbereitung sieht in Australien etwas anders aus als in Deutschland. Zumindest was die Eigenverantwortung der Profis betrifft. Das war auch beim großen Finale um die Meisterschaft nicht anders. Während es in der Bundesliga undenkbar wäre, den Spielern in der Nacht vor einem wichtigen Match freie Hand zu lassen, ist es in der A-League Gang und Gäbe, bei Heimspielen zu Hause zu übernachten.

Streng genommen war ich am Vorabend des Endspiels sogar in Vereins-Mission unterwegs. Die Verantwortlichen von Brisbane Roar hatten mich – zunächst ohne meine Kenntnis – für ein paar Stücke mit der Big Band beim Fest-Bankett im Anschluss an das Finale eingeplant. Wissend, dass ich bei Musik immer schwach werde. Um nicht unnötig nervös in den Finaltag zu starten, schaffte ich mir also mit meinen Freunden Georgie und Cheyenne ein paar Klassiker wie »Valerie« oder »Hit The Road Jack« drauf. Spielvorbereitung nach Aussie-Art.

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Wie trist dieser Gig bei einer Niederlage ausgefallen wäre, muss ich mir jetzt glücklicherweise nicht mehr ausmalen. Mitten im Spiel allerdings tat ich genau das. Es war etwa die 60. Minute, wir lagen bereits 0:1 zurück. Und plötzlich schoss es mir durch den Kopf. Es konnte doch nicht sein, dass wir jetzt dieses Finale verlieren. Wir hatten so ein aufwändiges Musik-Set vorbereitet, extra am Vorabend noch geprobt. Wir konnten uns das einfach nicht versauen lassen. Sicher war die Musik nicht der einzige Grund für meinen unverhofften Energieeinschuss.

Was tut man nicht alles für Musik – und ein großes Fußballmatch

 Obwohl ich schon am Limit war, konnte ich jetzt noch zwei Schippen drauflegen und bis zum Abpfiff über meine Grenzen hinausgehen. Es erinnerte mich an meine Kölner Zeit, als ich für den Aufstieg meine letzten Reserven mobilisieren musste. Mir wurde schwindelig. Noch auf dem Spielfeld hätte ich mich am Liebsten übergeben. An diesem Abend habe ich vier Kilo abgenommen. Ohne Übertreibung. Was man nicht alles tut für die Musik. Und für ein großes Fußballmatch.

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Der Final-Tag in Brisbane hatte mit einer allgegenwärtigen Vorfreude begonnen. Schon als ich mir morgens um die Ecke an der Grey Street meinen Cappuccino holte, sah ich die ersten Fans in Roar-Trikots. Über der ganzen Stadt lag diese Festtagsstimmung, schon lange bevor die orange-farbenen Massen singend und feiernd Richtung Stadion zogen. Das Grand Final wird in Australien zelebriert wie kein anderes Fußballspiel. Einen Tag lang spielen Rugby und Cricket nur die zweite Geige. Natürlich ist das alles ziemlich übertrieben und sehr amerikanisch. Ein Showdown wie beim Superbowl. Dennoch kann man sich der Faszination dessen nicht entziehen. Jedenfalls nicht als Beteiligter.

Perth schoss nicht einmal aufs Tor

Dem großen Showprogramm im Stadion folgte das feierliche Einlaufen der Mannschaften vor 50.000 Zuschauern – und die australische Nationalhymne. Da bekommt man schon Lust zu kicken. Wobei es danach in der ersten Hälfte, offen gestanden, nicht aussah. Perth Glory mauerte, und wir fanden nicht die richtigen Mittel. Kurz nach der Pause fiel wie aus heiterem Himmel das Tor für Perth. Ein Eigentor unseres rechten Verteidigers Ivan Franjic. Der Ball wäre von alleine niemals Richtung Tor gekommen. Perth brachte es tatsächlich fertig, in der kompletten Partie nicht ein einziges Mal selber auf unser Tor zu schießen.

Umso mehr habe ich mich im Nachgang darüber gewundert, dass die Glory-Spieler eingedenk eines vermeintlich unberechtigten Elfmeters über »Diebstahl« und »Betrug« lamentierten. Abgesehen davon, dass mit den verfügbaren Kameraperspektiven eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass der Strafstoß berechtigt war, ging es mir um etwas anderes. Wir hatten die zweite Hälfte klar dominiert. Perth, mittlerweile zu Zehnt, hatte keine einzige Chance. Spätestens in der Verlängerung hätten wir das Spiel für uns entschieden. Wer in einem Grand Final so wenig riskiert und investiert und sich nachher beklagt, dem fehlt es an Sportsgeist. Das habe ich in den Interviews auch klar artikuliert – und bin von »Glory«-Seite dafür kritisiert worden.

Beinahe wäre Perth mit dieser Mentalität Meister geworden. Uns rannte die Zeit davon. Etwa in der 80. Minute stand ich bei einer Verletzungsunterbrechung am Spielfeldrand. Flüssigkeitszufuhr, der letzte Strohhalm für den dehydrierten Körper. Auf der Video-Leinwand lief das Programm des übertragenden Senders Fox Sports, der während des Spiels regelmäßig aktuelle Twitter-Beiträge einspielte. Noch während ich trank, wanderten meine Augen zur Anzeigentafel. Jemand twitterte: »Ange Postecoglou hat weder als Spieler noch als Trainer jemals ein Grand Final verloren.« Ich drehte mich Richtung Trainerbank und wies mit einer Kopfbewegung auf den Twitter-Beitrag: »Trainer, stimmt das?« Der Coach nickte ernst. »Dann brauche ich mir ja keine Gedanken zu machen«, frohlockte ich mit einem Augenzwinkern. Postecoglou hatte nicht wirklich Sinn für die Situationskomik.

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Erst als das Spiel gewonnen war und er die Begebenheit, in eine seiner trockenen Anekdoten verpackt, auf dem Bankett zum Besten gab: »Manchmal fragt man sich schon, was den Spielern auf dem Platz so durch den Kopf geht.« Tatsächlich hat Ange nun alle sechs Grand Finals seiner Karriere gewonnen. Zwei als Spieler, vier als Trainer. Bei mir ist also noch Luft nach oben.

Sukzessive Steigerung – bis zu einem finalen »Crescendo«

Da die beiden Rugby-Teams der Stadt, die Broncos und die Reds, nun wieder Woche für Woche über den Platz pflügen, ist es leider nur noch ein besserer Kartoffelacker. Der einzige Grund, warum er im Fernsehen noch halbwegs adrett daher kommt, ist die Tatsache, dass er allen Ernstes vor dem Match grün angemalt wird. Das darf man eigentlich keinem erzählen. Es wäre allerdings eine witzige Werbung für eine Baumarkt-Kette. Vielleicht nicht gerade für die Gartenabteilung. Trotz der widrigen topologischen Bedingungen war unsere Marschroute für die zweite Hälfte klar. Auch nach dem Rückstand. Ball laufen lassen, ruhig bleiben. »Stick to the game plan – don't panic«. Obwohl Perth sehr unangenehm verteidigte. Uns war klar, dass wir als Team nicht den allerbesten Tag erwischt hatten. Und doch steigerten wir uns sukzessive bis zu einem finalen »Crescendo«. Allein: unser »Game-Plan« sah nicht vor, dass wir den Ball in den Strafraum flanken. Wir sollen immer schön alles zu Ende kombinieren.

Das Problem war, dass unser Stürmer Besart Berisha, der beste Torjäger der Liga, weitestgehend ohne Torchance blieb. Da musste ich dann doch einmal etwas vom Plan abweichen. Berisha ist ziemlich clever zwischen den beiden Innenverteidigern durch gestartet und hat die Flanke mit einem perfekten Kopfball erwischt. Er ist sonst nicht wirklich der König der Lüfte. In sofern war das im doppelten Sinne eine ironische Pointe, nachdem unser Trainer bis zum Abwinken gepredigt hatte: »Wir werden nicht nervös, wir kombinieren ruhig, wir flanken nicht.«

Elfmeter in der 94. Minute

Es war die 83. Minute als der Ausgleich fiel. Das Stadion tobte. Die Zuschauer stellten sich nun auf eine Verlängerung ein, die Spieler von Perth Glory sowieso. Wir hingegen machten auch in der Nachspielzeit weiter Druck. Es war in gewisser Weise folgerichtig, dass wir so noch das 2:1 erzielt haben. Wir hatten die Bälle kontinuierlich in die Schnittstellen gespielt. So kam auch der Elfmeter zu Stande. In der 94. Minute. Kein Mensch hätte geglaubt, dass das Grand Final noch mal einen ähnlich dramatischen Verlauf nehmen könnte wie in der Vorsaison. Der Gefoulte, Besart Berisha, rannte unmittelbar nach dem Elfmeter-Pfiff wie wild geworden zur Eckfahne. Das ganze Stadion versank in Euphorie. Alle drehten durch. Mir wurde mulmig. Ich dachte, ich sei im falschen Film.

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Das war nicht der Schlusspfiff. Wir hatten noch nicht gewonnen. In der kompletten Saison hatten wir von fünf Elfmetern vier verschossen – und nun jubelten alle, siegessicher, obwohl noch nicht einmal geklärt war, wer schießen würde. Einige Kollegen hatten sich im Laufe der letzten Spiele als Schützen disqualifiziert. Und wer »Tom Meets Zizou« gesehen hat, weiß, dass Elfmeter auch nicht meine Lieblings-Disziplin sind.

Schließlich kam Berisha mit einer - für die 95. Minute eines Finales – ungewöhnlich selbstbewussten, fast übertriebenen Körperhaltung von der Eckfahne zurück. Mit dem Ernst eines Auftragskillers schnappte er sich den Ball und machte ihn locker unten rechts rein. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen. Wir waren Meister. Das Suncorp Stadium, »The Den«, wie es die Fans nennen, explodierte. Unter dieser Dramatik machen wir es wohl nicht.

Falsche Tonart bei der After-Party

Die Party war gerettet. Mein Auftritt mit der Band also auch. Obwohl ich den Anfang ziemlich vermasselt habe. Ich bin glatt mal um einen Halbton in der Tonart verrutscht. Im Publikum hat das zwar keiner mitbekommen, aber es war mir trotzdem ziemlich peinlich. Egal auf welchem Terrain – es ist schon hilfreich, wenn man Profis um sich herum hat. Die anderen Musiker, flexibel wie sie waren, sind also ganz cool in meine Tonart gewechselt und weiter ging’s. Ist eben auch ein Mannschaftssport.

Am nächsten Tag stand die Meister-Party in Brisbane Downtown auf dem Programm. In einer »Street Parade« fuhren wir mit Oldtimern durch die City und feierten zusammen mit den Fans in der Queen Street. Auch der Abend wurde entsprechend feucht-fröhlich. Am dritten »Feiertag« hatte ich keine Lust mehr auf die gängigen Locations und das übliche Programm. Also habe ich die Planung selber in die Hand genommen und das komplette Team zu einer Jam-Session in eine meiner Lieblingsbars geschleppt. Zusammen mit Cheyenne, Georgie, meinem virtuosen Kumpel Matt am Bass und ein paar anderen Freunden haben wir ordentlich Gas gegeben. Die meisten meiner Mitspieler waren sehr angetan, ein paar wollten gar nicht mehr nach Hause. Während einige der jüngeren Kollegen unsere Darbietung eher als Zumutung empfanden - und in Ermangelung einer höheren Dichte an feierwütigen Blondinen lieber ein paar Läden weiter zogen.

Ohne die Mucke wäre Brisbane für mich nur die Hälfte wert

 
 
 
 
 
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