21.03.2012

Thomas Broichs Champions-League-Tagebuch

Im 18-Millionen-Moloch

Der ehemalige Bundesligaprofi Thomas Broich spielt momentan in der asiatischen Champions League. In seinem Tagebuch auf 11freunde.de berichtet er über die Spiele mit Brisbane Roar. Folge 1: Eine Partie im 15 Flugstunden entfernten Peking.

Bild:
Thomas Broich

An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erlebnisse mit Brisbane Roar, die momentan in der AFC Champions League spielen. Wir verlosen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehenswerten Dokumentarfilms von Aljoscha Pause über Thomas Broich: »Tom meets Zizou«. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@11freunde.de. Stichwort: Roar!


Peking, Dienstag, 20.03.2012

Wie sagt man so schön: Als Fußballer wünscht man sich nichts mehr als Englische Wochen. International spielen. Champions League. Was will man mehr? Ich habe ja lange genug darauf warten müssen. In Europa bedeutet ein solches Auswärtsspiel oftmals einen willkommenen Ausflug in wärmere Gefilde. Nach zwei Stunden Flug ist man in Sevilla, Lissabon oder Neape

Mein aktueller Erfahrungshorizont stellt sich allerdings etwas anders dar. Es ist Dienstagabend, kurz vor Mitternacht – zwei Stunden nach Schlusspfiff unseres Spiels beim FC Guoan Peking. Draußen sind es MinusDrei Grad. Ich sitze in einer Winterjacke in der Hotellobby. Keine Heizung von März bis November. Warum, kann hier keiner so richtig erklären. Dabei wäre jetzt ein wenig Entspannung nicht ganz verkehrt.

Schließlich begann unser kleiner Rund-Trip schon am vergangenen Freitag in Brisbane. Abflug zum Auswärtsspiel in Newcastle, New South Wales. Samstagabend, das vorletzte Spiel der Regular Season. 2:1 gewonnen. Damit stehen wir sicher im Playoff-Halbfinale um die Australische Meisterschaft. Samstagnacht ging es noch weiter nach Sydney. 200 Kilometer Fahrt. Sonntagmorgen um 6 Uhr ab zum Flughafen. Über Seoul nach Peking. Schlappe 15 Stunden.

27 Grad in Sydney – Minus 3 in Peking

In der Liga sind wir weite Wege zum Auswärtsspiel gewohnt – nach Perth an der Westküste oder nach Wellington, Neuseeland. Das sind dann schon mal 4000 Kilometer. One Way. Aber Peking ist noch mal 'ne ganz andere Nummer. Und es ist eben richtig kalt. 27 Grad in Sydney. Minus 3 in der chinesischen Hauptstadt.

>> Thomas Broich über den Film »Tom meets Zizou«

Am Montag war Training angesagt – und akklimatisieren so gut es geht. Von der Stadt sehen wir wie immer wenig. Fußballerschicksal. Flughafen – Hotel – Stadion – Hotel – Flughafen… Man ahnt bloß, zu was dieser 18-Millionen-Moloch fähig ist. Heftiger Verkehr, über der ganzen Stadt liegt tagsüber ein krasser Smog.



Heute Abend ging es dann zum Workers Stadium, wo auch große Teile des Olympischen Fußballturniers 2008 stattgefunden haben. Überall Militär, fanatische Fans allenthalben. Der FC Guoan Peking ist ein chinesischer Traditionsklub, aktueller Vize-Meister der Super League. Der größte Rivale ist Shanghai Shenhua – mit Nicolas Anelka im Sturm und Jean Tigana als Trainer. Asien wäre auch für mich definitiv noch mal eine Überlegung wert. China, Korea, Japan – alles spannende Ligen, guter Fußball. Und ich würde mal mehr von Asien sehen als nur das Stadion.

Wiedersehen mit Ex-Bundesligaspieler Shao

Bei Peking saß ein alter Bekannter aus der Bundesliga zunächst nur auf der Bank. Shao Jiayi (ehemals 1860 München, Energie Cottbus und MSV Duisburg) ist nach fast zehn Jahren in Deutschland wieder zurück in der Heimat. Er wurde erst kurz vor Schluss eingewechselt. Nach dem Spiel habe ich ihn angesprochen. Aber er hat mich nicht mehr erkannt. Künstlerpech.

Im Stadion, beim Spiel – kalte, klare Luft. Fühlte sich super an. Wie zu Hause – also in Deutschland. In Australien spielen wir fast immer bei 25 bis 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Unser Spiel war sehr ordentlich. Leider haben wir in der 8. Minute bereits ein ziemlich billiges Gegentor bekommen. Wir machten das Spiel, Peking konterte im eigenen Stadion. Immerhin machte Socceroo Mitch Nichols noch den Ausgleich. Aber wir haben einiges liegen lassen. 1:1 – gutes Spiel, unbefriedigendes Ergebnis.

Nach dem 0:2 gegen den FC Tokio zum Champions-League-Auftakt müssen wir jetzt zu Hause alles gewinnen. Und ein Auswärtssieg in Korea in zwei Wochen wäre auch nicht schlecht. Aber jetzt heißt es erstmal viel schlafen, regenerieren so gut es geht. Denn wir haben schon wieder das nächste Big Game vor der Brust.



Morgen geht’s nach Hause und am Sonntag spielen wir bei uns vor der Haustür, bei Gold Coast United. Letzter Spieltag. Wenn wir das gewinnen und die Central Coast Mariners lassen in Wellington was liegen, wären wir Erster. Es geht um das Premier’s Plate, den Gewinn der regulären Meisterschaftsrunde, noch vor den Playoffs. Das ist in Australien der zweitwichtigste Titel.

Die Mariners haben zwei Punkte Vorsprung, wir haben es also nicht in der Hand. Ein Grund für kalte Füße ist das also keinesfalls. So kalt wie hier in Peking in der Hotel-Lobby können sie an der Gold Coast ohnehin nicht werden. Wenigstens meine Finger habe ich mir jetzt warm getippt.

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An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erlebnisse mit Brisbane Roar, die momentan in der AFC Champions League spielen. Wir verlosen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehenswerten Dokumentarfilms von Aljoscha Pause über Thomas Broich: »Tom meets Zizou«. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@11freunde.de. Stichwort: Roar!

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