06.04.2012

Thomas Broichs Champions-League-Tagebuch

Thai-Massage im Baustellenlärm

Der ehemalige Bundesligaprofi Thomas Broich spielt momentan in der asiatischen Champions League. In seinem Tagebuch auf 11freunde.de berichtet er über die Spiele mit Brisbane Roar. Folge 2: Thai-Massagen und ein Gruppenspiel im sudkoreanischen Ulsan.

Text:
Thomas Broich
Bild:
Imago

An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erlebnisse mit Brisbane Roar, die momentan in der AFC Champions League spielen. Wir verlosen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehenswerten Dokumentarfilms von Aljoscha Pause über Thomas Broich: »Tom meets Zizou«. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@11freunde.de.Stichwort: Roar!

Ulsan – Südkorea, 04.04.2012

Meine rechte Hand schnellt reflexhaft nach oben, unwillkürlich umschließt sie den Haltegriff im Heck des Taxis, während der Wagen mitten in Ulsan über eine Straßenkreuzung schießt. Über den stabilen Rücken meines Mannschaftskameraden Matt Smith hinweg erhasche ich einen Blick auf den Tacho. Die Nadel zeigt 130 km/h. Meine Hand krallt sich noch etwas fester um den Hartplastik-Griff. Hier will uns offenbar ein Platzhirsch zeigen, wie Verkehr in Südkorea funktioniert. 

Doch das Schauspiel ist noch nicht zu Ende. Erst einmal in Vortrieb versetzt, jagt das Taxi nun an einer Polizeistreife mit Blaulicht vorbei. Meine Kollegen und ich sehen uns halb fragend, halb entsetzt an. Der Taxi-Fahrer lächelt nur milde und bringt seinen Hyundai schließlich an einer Ampel zum Stillstand. Auf einem Straßenschild direkt vor uns drohen in einer dramatischen Comic-Sprechblase koreanische Schriftzeichen. Mit was?

Wie die Startsquenz in einem B-Movie

Nur wenige Augenblicke später befinden wir uns im Inneren eines exotischen Massagesalons. Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft. Auf meinem Rücken steht barfuß eine Thai-Masseurin. Sie traktiert mich eine Stunde lang mit Verve, unfassbar gekonnt. Nur gerecht, so ein Kontrastprogramm, denke ich, still genießend. Was der Koreaner mir an Verspannung eingebrockt hat, macht die Thaifrau um Längen wett.

Was wie die surreale Startsequenz aus einem B-Movie des Hongkong-Kinos der
70er Jahre anmutet, ist mir so zuletzt tatsächlich passiert. Champions League-Alltag, wenn man so will. Aber der Reihe nach.

Am Samstag spielten wir in Brisbane das Halbfinal-Hinspiel um die Australische Meisterschaft. Einmal mehr gegen die Central Coast Mariners. Die schon im letztjährigen Finale unser Gegner waren – und die uns dieses Mal in der Ligarunde knapp auf den zweiten Platz verwiesen haben. Bei uns, im heimischen Suncorp-Stadium, hatten sie praktisch keine Chance. Rechtzeitig zum Saisonende läuft es wieder wie am Schnürchen. Nach dem frühen 1:0 durch unseren Brasilianer Henrique hatten wir die Partie im Griff. Trotzdem gelang es uns erst in der 88. Minute, aus der Überlegenheit eine wirklich gute Ausgangsposition für das Rückspiel am Sonntag zu machen. Das »Grand Final« ist wieder in greifbarer Nähe. Entsprechend ausgelassen war der Jubel nach dem späten 2:0.



Dabei war es wirklich ein mühseliges Jahr. Nach Verletzungen an Ferse und Schulter musste ich mich immer wieder rankämpfen. Nun scheint es ein körperliches Happy-End zu geben. Und wenn ich fit bin, läuft es hier meist richtig gut.

Die Finals haben es in sich. Doch offen gesagt, bevorzuge ich den deutschen Modus. Der ist ehrlicher, nachhaltiger. Ich habe neulich im Netz von Wolfgang Holzhäusers Reform-Anflug gelesen. Natürlich ist das für das Publikum toll. Es birgt Dramatik. Aber mir ist das etwas zu amerikanisch. Eine Show. Es sollte das Team Meister werden, das über eine ganze Saison am Besten spielt. Übrigens sage ich das, obwohl wir dieses Mal nur Zweiter waren – und durch die Playoffs nun wieder beste Titelchancen haben. Und obwohl ich 2011 auf diese Weise das Spiel meines Lebens machen durfte. Wer »Tom Meets Zizou« gesehen hat, wird wissen, wovon ich rede.

Am Sonntag nach dem Halbfinale haben wir uns um 6 Uhr morgens am Flughafen
getroffen. Mal wieder. Über Seoul ging es nach Ulsan. Kurz vor Mitternacht haben wir im Hyundai-Hotel eingecheckt. Auf den ersten Blick machte alles einen tollen Eindruck. Wer meinen ersten Bericht gelesen hat, weiß wie wir Tropen verwöhnten Australier in unserem Pekinger Hotel gefroren haben. Auch in Südkorea ist es schließlich noch Winter. Doch gleich meine erste Entdeckung sorgte für wohlige Erleichterung. Hier gab es sogar beheizte Toilettensitze. Unfassbar. Und noch in der Nacht ein Sushi-Buffet vom Allerfeinsten. Kein Haken also, dieses Mal?

Am nächsten Morgen riss mich um kurz vor sieben ein ohrenbetäubender Lärm aus den Federn. Trotz weniger Stunden Schlaf, den Reisestress noch in den Gliedern, gab es keine Chance, mich noch einmal umzudrehen. Ich schlurfte zum Zimmerfenster, zog den Vorhang zurück und erblickte ein Bild des Grauens. »Room with a view« hätte hier nur ein hart gesottener Zyniker schreiben können. Ich blickte auf eine bereits munter belebte, wild lärmende Großbaustelle.



Erst als sich herausstellte, dass es jeden Morgen so früh losgehen sollte, immer mit den lautesten Aktivitäten zuerst, den Hämmern, den Bohrern, den dumpf scheppernden Stahlträgern und dem dröhnenden Maschinenlärm, kam mir ein Verdacht. Das Hotel heißt Hyundai, unser Gegner heißt Hyundai – die ganze Stadt ist Hyundai. Man möchte ja keinem etwas unterstellen, aber ich musste zwangsläufig an alte Europapokalgeschichten denken, die mir Rudi Bommer oder Holger Fach erzählt haben. Dort war es wohl gang und gäbe, dass bei Auswärtsspielen morgens in aller Herrgottsfrühe eine Blaskapelle vor dem Hotel vorbei marschierte. Wahlweise kamen auch Kinderhorden, Tiere oder Schwertransporter. Die Gegner ließen sich damals noch etwas einfallen.

Wider besseren Wissens um die jähen Realitäten des »globalen Dorfes« und die nachgerade ermüdend verlässlichen Mechanismen des Profifußballs – mit dem bereits in meinem ersten Tagebucheintrag erwähnten erheblich eingeschränkten Blickfeld auf Auswärtsfahrten - ist es doch stets ein Anflug von romantischer Rest-Hoffnung, der mich auf einer solchen Reise immer wieder nach Spuren von Exotik oder neuen Erfahrungswelten suchen lässt. 

Burger Taxis statt Hochkultur

So frohlockte beispielsweise eine Hotel-Broschüre über Ulsan mit den kulinarischen Feinheiten des Landes. Von Koreas Nationalgericht Kimchi, einem scharf eingelegten Gemüse, bis hin zu einheimischen Fleischspezialitäten names Bulgogi oder Galbi. Trotz des ernüchternden Panoramas, welches mein Zimmerfenster feilbot, versprach ich mir durch unsere Ankunft bereits drei Tage vor dem Match die Möglichkeit, eine
vermeintlich ost-asiatisch-pittoreske Hafenstadtkulisse am japanischen Meer zumindest ansatzweise in Augenschein nehmen zu können.

Dergestalt auf kulturell Erbauliches erpicht, verließ ich mit meinen Teamkollegen das Hotel. Doch nur einen Block weiter wurde mein etwas naiver Kultur-Optimismus nochmals eindrucksvoll in die Schranken gewiesen. Am Straßenrand stand eine nicht enden wollende Schlange von »Burger-Taxis« auf zwei Rädern - der Kette mit dem goldenen M – ein Fastfood-Auswuchs, der mir selbst in den USA oder in Australien bislang noch nicht untergekommen war.

 

Überhaupt entpuppte sich Ulsan nicht wirklich als malerisches Kleinod. Und ich bekam die Gelegenheit, anhand einschlägiger Marketing-Lektüre im Hotel meine Lücken in ost-asiatischer Landeskunde zu schließen. In nur 50 Jahren war aus einem kleinen Fischerei-Hafen Südkoreas Industriehochburg geworden. Die mittlerweile die größte Öl-Raffinerie der Welt besitzt. Und nicht zuletzt die Heimat des Hyundai-Konzerns ist. Der betreibt in Ulsan die größte Schiffswerft und die größte Autofabrik der Welt. Hier gibt es nur Superlative. Und Parkplätze, auf denen Zehntausende von Neuwagen stehen. Gut – wenn man für den VFL Wolfsburg spielt, kann man das auch haben.

Am Nachmittag lernten wir dann ein ganz anderes Korea kennen. Mannschaftstraining weit außerhalb der Stadt. Mitten in der Natur. Hügelige
Landschaft, fast schon kitschig, wie man sie von japanischem Wandschmuck
kennt. Es war einfach traumhaft schön und hatte etwas sehr Friedliches. Das
ist wiederum das, was mich an der fernöstlichen Kultur so anzieht. Und warum
ich es mir gut vorstellen könnte, nach meinem Australien-Abenteuer noch ein
paar Jahre in Asien dranzuhängen. Ob mit oder ohne Fußball. Diese Aura der
Demut, der Sorgfalt und Ausgeglichenheit, die es hier mitunter gibt, hat es
mir schon sehr angetan.

Thai Massage für die Auserwählten

Von einer solchen Aura konnte bei dem schon eingangs erwähnten Taxifahrer allerdings keine Rede sein. Mittlerweile war es Dienstag. Aus Kostengründen
hatte der Verein unseren Masseur in Brisbane zurück gelassen. Und spendierte
nun für die wichtigsten acht Spieler des Clubs eine Thai-Massage. Im Kader sind
19 Spieler. Doch für mehr hatte das Budget nicht gereicht. Manchmal ist es
eben doch nützlich, wenn man in der Team-Hierarchie vorne angesiedelt ist. Zwei Taxis brachten uns also auf einer abenteuerlichen Fahrt quer durch die Stadt zum Massage-Salon. Eine grenzwertige Erfahrung. Das halsbrecherische Tempo. 130 innerorts, ungelogen. Die Unverfrorenheit des Fahrers. Das indifferente Desinteresse der Polizei. Es war kaum zu fassen. Und ergab nur durch die beste Massage meines Lebens einen Sinn.

Am Mittwoch Abend stand nun unser Match gegen Ulsan Hyundai auf dem Programm. Unser drittes Gruppenspiel nach einer Niederlage und einem Unentschieden. Ulsan ist aktueller Pokalsieger und Vize-Meister der koreanischen K-League – in der auch schon Spieler wie Grafite oder Edu unter Vertrag standen. 2006, 2009 und 2010 gewannen jeweils koreanische Teams die asiatische Champions League, woran man die Stärke der Liga ganz gut bemessen kann. Fußball ist in Südkorea neben Baseball der Volkssport Nummer 1. Einige der wichtigsten Protagonisten von Ulsan Hyundai spielen zusammen mit Son vom HSV und Koo vom FC Augsburg in der Nationalmannschaft.

Die Kulisse im Ulsan-Munsu-Stadion war enttäuschend. Es war höchstens zu einem Drittel gefüllt. Obwohl 40.000 Zuschauer hinein passen. Es wurde übrigens für die WM 2002 gebaut und hatte sein größtes Match mit dem Viertelfinale zwischen Deutschland und den USA. Ballacks Kopfball zum 1:0 – Sieg ist mir noch in Erinnerung.



Für uns war es heute weniger erfolgreich. Die gute Nachricht. Wir haben wieder selbstbewusst und dominant gespielt. Die Erkenntnis, auf dem Niveau mehr als mithalten zu können, war nach dem 0:2 gegen Tokio zum Champions-League-Auftakt wichtig. Wie schon in Peking waren wir wieder die bessere Mannschaft, auswärts. Die schlechte Nachricht. Wir haben einige Großchancen liegen lassen. Nach einer starken ersten Hälfte und einem frühen 1:0 haben wir kurz nach der Pause einen Spieler mit Rot verloren und den Ausgleich kassiert. Aber selbst in Unterzahl hatten wir durch Mitch Nichols und Besart Berisha noch beste Gelegenheiten – die leider ungenutzt blieben. Nach diesem erneuten 1:1 brauchen wir jetzt aus den letzten 3 Spielen noch 2 Siege um weiter zu kommen. Der Druck wird jedenfalls nicht kleiner.

Heute früh hatten wir hier noch Auslaufen und Pool-Recovery. Gleich geht der Flieger nach Down Under. Die Ochsentour nimmt ihren Lauf. Morgen um 7 Uhr kommen wir in Sydney an, von dort geht es direkt weiter. Zwei Stunden Busfahrt zur Central Coast, wo wir am Sonntag unser Halbfinalrückspiel gegen die Mariners bestreiten. So langsam wird’s zäh, zum Saisonende. Gerade nach dem Match gestern. Die 45 Minuten zu Zehnt waren brutal anstrengend. Die lange Reise ist da nicht gerade förderlich. Aber Hauptsache wir nehmen zum Flughafen kein Taxi!

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