Thierry Henry in Barcelona

Was hat dich bloß so ruiniert?

Er war nie fett und rosig, dafür glücklich: Bis heute ist Thierry Henry ein Held für die Arsenal-Fans, bei Barca ist er nur noch Ersatz. Vor dem Champions-League-Wiedersehen: auf der Suche nach einem verlorenen Weltklassestürmer. Thierry Henry in BarcelonaImago Es war ein lauer Spätsommerabend im Camp Nou. Barca führte bereits zur Halbzeit 4:1 gegen Zaragoza, und doch stieg die Unzufriedenheit unter den 78.000 Zuschauern, entlud sich hier und dort in Pfiffen, Hände gestikulierten wild, Schimpftiraden wurden abgefeuert, auf Spanisch und Katalanisch. Sie galten nicht dem Team, sondern dem Spieler mit der Nummer 14, der eine aussichtsreiche Chance nach der anderen vergab.

[ad]

Eine junge Katalanin, von ihrem Freund mit ins Stadion geschleppt, seufzte: »Ich weiß zwar nicht, wer der dünne Schwarze ist, aber er tut mir irgendwie leid.« Der dünne Schwarze war Thierry Henry. Der FC Barcelona hatte ihn zwei Monate zuvor, im Juli 2007, für 24 Millionen Euro vom FC Arsenal geholt. Und immer noch schimpfen sie in Katalonien mehr, als dass sie ihm zujubeln.

»Ich will eigentlich nicht gegen Arsenal spielen«

Heute kehrt Henry im Viertelfinale der Champions League zum ersten Mal zurück zu dem Klub, bei dem er noch immer vergöttert wird. Die DVD seiner 226 Arsenal-Tore, mit denen er immer noch Rekordschütze des Klubs ist, verkauft sich nach wie vor wie geschnitten Brot in London. »Das wird seltsam, die Leute wiederzusehen, die Klub-Angestellten, denn ich war acht Jahre dort«, wird der 32-Jährige in Spanien zitiert. »Ich sage nicht, dass ich nicht kämpfen werde, denn darum geht es in diesem Spiel, aber ich will eigentlich nicht gegen Arsenal spielen.«




Das muss er wohl auch gar nicht, zumindest nicht von Anfang an. Denn derzeit ist Barcas torreiche Offensivreihe mit Lionel Messi (34 Tore in allen Wettbewerben bisher), Zlatan Ibrahimovic (18) und Newcomer Pedro (17) gesetzt. Thierry Henry hat hingegen erst drei Tore erzielt, alle in der Liga. In der Champions League hat er in dieser Saison noch gar nicht getroffen, durfte aber auch nur einmal über 90 Minuten mitwirken.

Das deutete sich früh an. Denn obwohl er jenem enttäuschenden Auftritt im September 2007 gegen Zaragoza noch zwölf Ligatore in seiner Premierensaison und im Jahr darauf 19 Treffer folgen ließ, ist er nie so richtig angekommen in Barcelona. Das hat vor allem mit einem persönlichen Fluch Thierry Henrys zu tun: auf den Flügel ausweichen zu müssen.

Schon in seinem Anfangsjahren in Monaco, von 1994 bis 1999, spielte der junge Henry meist linker Außenstürmer. Sein Trainer Arsène Wenger grübelte nächtelang über die Idealposition für das Talent. Seine Geschwindigkeit, Geschmeidigkeit und Ballkontrolle, gepaart mit einer eher zerbrechlichen Physis, ließen den Schluss zu, dass er sich eher gegen Außen- als gegen Innenverteidiger durchsetzen würde. Entsprechend bescheiden blieb Torquote des Flügelmanns: Mehr als neun Saisontore gelangen ihm nie in der Ligue 1, in seiner letzten Saison war es nur eines.

Dennoch verpflichtete Juventus Turin im Januar 1999 den 21-Jährigen, der im Jahr zuvor mit Frankreich Weltmeister geworden war. Gegen die taktisch disziplinierten Außenverteidiger der Serie A konnte sich der Rechtsfuß auf dem linken Flügel aber nie durchsetzen. Nach drei Toren in 16 Einsätzen floh er nach England zum FC Arsenal.

»Ich musste die Kunst des Stürmes neu erlernen«

Sein Glück war, dass er bei Arsenal wieder auf Wenger traf, der mittlerweile auf die Idealposition für Henry gekommen war: die Sturmmitte. Doch es schien nicht zu funktionieren. Als Ersatz für seinen zu Real Madrid abgewanderten Landsmann Nicolas Anelka verpflichtet, kam Henry nicht gegen die bulligen Innenverteidiger der Premier League an und blieb in den ersten acht Partien torlos. »Ich musst die Kunst des Stürmens komplett neu erlernen«, verriet er später der englischen Zeitung »Observer«.

Die Lehrzeit trug Früchte: In den folgenden acht Jahren wurde er einer der besten Stürmer der Welt, erzielte im Schnitt 22 Ligatreffer pro Saison, gewann zweimal den goldenen Schuh als bester Torjäger Europas. Er war dabei, als Arsenal in der »unbefleckten Saison« 2003/04 als erstes englisches Team seit über hundert Jahren ungeschlagen blieb und den zweiten Meistertitel in drei Jahren holte. Doch seine größte Zeit kam, als Wenger 2004/05 auf ein 4-5-1-System umstellte und Henry einzige Spitze wurde. Jeder Ball kam auf ihn, genau wie er ihn liebte und brauchte: Lang in den Tunnel durch die gegnerische Defensive gespielt, so dass er aus der Tiefe kommend Fahrt aufnehmen und seine Gegenspieler stehen lassen konnte. Als Kapitän führte er Arsenal in das Champions-League-Finale 2006, das jedoch 1:2 gegen den FC Barcelona verloren ging.

Es war ein Wendepunkt in der Karriere des ewigen Sunnyboys: Über die Jahre hatte er beim verschuldeten Londoner Klub gestandene Top-Spieler wie Patrick Viera, Dennis Bergkamp und Robert Pires gehen und im Gegenzug nur Talente kommen sehen. Der Welt- und Europameister erkannte: Um die Königsklasse gewinnen zu können, muss ich wechseln. In der Saison 2006/07 machte er verletzungsbedingt nur noch 17 Ligaspiele und als trauriger Höhepunkt ließ sich seine Ehefrau, das englische Model Nicole Merry, 2007 von ihm scheiden. Henry brauchte einen Tapetenwechsel.

Er brachte »Va-va-voum« ins Oxford English Dictionary

In Barcelona gewann er zwar – nach einem durchwachsenen ersten – im zweiten Jahr in der »perfekten« Barca-Saison alle sechs möglichen Titel. Dennoch wurde er nie richtig glücklich. Das Flügelspiel, das Flanken, mit dem Rücken zum Tor angespielt zu werden – das alles war nie sein Ding. Dazu ging ihm die unnachahmliche Nervenstärke vor dem Tor verloren – das Produkt der Verunsicherung.

Ähnlich erging es ihm in der französischen Nationalelf: Mit 51 Toren in 117 Länderspielen löste er zwar Michel Platini als Rekordtorschützen ab, doch die Torquote blieb stets hinter den Werten bei Arsenal zurück, wo das ganze Spiel auf ihn zugeschnitten war, und zur erhofften Führungsfigur wurde er nie. Im Gegenteil: Im November 2009 schoss er Frankreich mit seinem Handtor gegen Irland zwar zur WM, doch verspielte das einstige »Everybody’s Darling« durch das Nicht-Eingestehen des irregulären Treffers viele Sympathien.

Dabei war er einst eine gefragte Werbefigur. Mit charmantem französischen Akzent bewarb er Automarkten, sorgte dafür, dass Fantasieworte wie »Va-va-voum« Einzug ins Oxford English Dictionary hielten und wurde zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt – geblieben ist nur noch eine traurige Gestalt.

Mittlerweile spekulieren amerikanische Zeitungen, Henry könne zusammen mit Real Madrids Raúl nach der Saison zu den New York Red Bulls in die MLS wechseln. Wenn es so kommen sollte, dann wäre ihm nur eines zu wünschen: dass er dort mit dann 33 Jahren nicht noch einmal auf dem Flügel spielen muss.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!