TeBe-Stadionsprecher C. Bangel über das Mommsenstadion

»Es ist ein Old-School-Paradies«

Carsten Bangel ist seit den siebziger Jahren Fan von Tennis Borussia Berlin und heute Stadionsprecher und -DJ im Mommsenstadion. Ein Gespräch über die Vorzüge der Oberliga, Punks in der Kurve und ein besonderes Spiel gegen Babelsberg. TeBe-Stadionsprecher C. Bangel über das Mommsenstadion
Heft#114 05/2011
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Carsten Bangel, gerade in der tristen Gegenwart des Oberliga-Abstiegskampfs: Kann man das Mommsenstadion überhaupt lieben?

Carsten Bangel: Oh ja. Wir lieben es alle. Das Mommsenstadion ist keine Schönheit, es ist aber ein Old-School-Paradies. Es hat Soul. Wir haben rund 80 Prozent Stehplätze und im Stadion totale Bewegungsfreiheit. Es gibt keine Videowürfel, wo man mit Werbung bombardiert wird und keine Kameraüberwachung. So wie Fußball eben vor 20, 30 Jahren war. Man hört auch von vielen Groundhoppern, dass sie auf das Ambiente stehen.

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Das ist dann wohl der Luxus der Oberliga...

Carsten Bangel: Gewissermaßen schon, ohne damit den Absturz der letzten Jahre romantisch verklären zu wollen. Natürlich träumen wir davon, in absehbarer Zeit auch wieder höher zu spielen. Das wird dann auch Veränderungen mit sich bringen. Aber momentan genießen wir eben die Dinge, die im großen Fußball etwas verloren gegangen sind.

Und was stört die Oberliga-Idylle?

Carsten Bangel: Auf die Tartanbahn könnten wir verzichten, allerdings ist man auf der Gegengeraden immer noch nah genug dran, um auch mal seine Meinung aufs Spielfeld zu brüllen. Da unsere Anhängerschaft traditionell eher aus den Innenstadtbezirken kommt, ist der Standort etwas problematisch. Es ist nicht so leicht, die Leute aus ihren Kiezen in den verschlafenen Eichkamp zu locken. Das ist allerdings eher ein Problem der gefühlten Entfernung, denn vom Friedrichshain beispielsweise ist man in einer halben Stunde im Stadion.

Wer geht überhaupt noch zu TeBe?

Carsten Bangel: TeBe hat eher eine subkulturell orientierte Fanszene, war immer auch ein Gegenmodell zu Hertha. In den 70er Jahren waren viele Punks im Stadion. In den 90ern waren wir dann ein Gegenpol zu anderen Klubs, weil in vielen Kurven in Berlin Antisemitismus, Rassismus und Homphobie weit verbreitet waren. Bei TeBe hatte das keinen Platz, das wussten die Leute zu schätzen.

Wo wir bei den 90er Jahren sind: Damals hat TeBe durch das Engagement des Hauptsponsors Göttinger Gruppe seine letzte Hochzeit erlebte. Wie bewerteten die Fans diesen erkauften Erfolg?

Carsten Bangel: Das war sehr ambivalent. Unter den Fans gab es viel Wut über die Göttinger Gruppe. Wir wurden zum Beispiel zugemüllt mit Rahmenprogramm – allein diese furchtbare Sambagruppe. Das hatte überhaupt kein Feeling, zerstörte jeden Support und hatte eigentlich kaum noch was mit TeBe zu tun. Alles in allem finde ich die jetzige Zeit deutlich geiler.

Wie kam das überhaupt an – subkulturelle Fanszene auf der einen und der Ruf, ein neureicher Millionärsklub zu sein, auf der anderen?

Carsten Bangel: Wir wurden von allen gehasst, teilweise war das ja auch nachvollziehbar. Nach innen haben wir uns mit dem Verein gefetzt, nach außen sind wir selbstironisch mit der Situation umgegangen. Da stand dann unser Mini-Mob im Gästeblock und höhnte: »Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf«. Dass das ganze Konzept früher oder später gegen die Wand fahren würde, haben wir eh alle geahnt.

Die Selbstironie hat bestimmt nicht jeder verstanden. Habt ihr es damit nicht schlimmer gemacht?

Carsten Bangel: Sicher hat das manche provoziert, aber es war eigentlich immer unser Style, nicht stumpf zurückzupöbeln, sondern eher subtil zu kontern. Über Gesänge, oder in meinem Fall dann eben über die Stadionmusik. Als Union-Fans mal »Lilaweiße westberliner Scheiße« angestimmt haben, habe ich mit Rocko Schamonis »Mauern« gekontert.  Wobei der Song gar nicht als Disse gemeint war, sondern als humorvolle Bestandsaufnahme des Verhältnisses beider Klubs zueinander. Dennoch gab es von Union-Seite recht erzürnte Reaktionen.



Sportlich lief es in den 90ern mit der Göttinger Gruppe so gut wie lange nicht.

Carsten Bangel: Ja, es gab tolle Spiele, vor allem das legendäre 4:2 gegen Hertha im Olympiastadion. Die haben wir richtig abgeschossen, das war ein Rausch. Das Highlight der jüngeren Vereinsgeschichte.

Schon komisch, dass Sie Ihr bestes Spiel im Olympiastadion erlebt haben.

Carsten Bangel: Ja. Aber auch im Mommsenstadion gab es tolle Siege.

Zum Beispiel?

Carsten Bangel: Im Jahr nach der Göttinger Gruppe waren wir Abstiegskandidat in der Oberliga, spielten dann aber um den Aufstieg mit. Das damalige 1:0 gegen die haushoch favorisierten Hertha-Amateure war Gänsehaut pur. Und dann natürlich das legendäre Scheinspiel.

Scheinspiel?

Carsten Bangel: Das war im Februar 2006. Aufgrund der schlechten Drainage des Mommsenstadions fiel nach der Winterpause ein Spiel nach dem anderen aus, so dass wir bereits extrem auf Entzug waren. Als dann auch die Partie gegen Babelsberg abgesagt wurde, haben wir gesagt: Jetzt reicht's, wir gehen trotzdem hin. Also haben wir uns mit den Babelsbergern im Mommse verabredet, dazu einen Schiedsrichter organisiert. Da standen dann 50 Leute im Awayblock und 50 bei uns und haben sich ein erbittertes Supportduell geliefert.

Und wer war besser?

Carsten Bangel: Darüber wurde hinterher noch lange gestritten. Das Spiel stand zudem kurz vor dem Abbruch, als die Babelsberger bengalische Feuer zündeten und plötzlich die Polizei auftauchte. Die wollte uns dann ernsthaft weismachen, es würde gar kein Spiel stattfinden. Nach längerer Diskussion haben sie es aber humorvoll genommen und sind weitergefahren, so dass das Spiel ordnungsgemäß zu Ende gebracht werden konnte.

Wer hat das Spiel denn gewonnen?

Carsten Bangel: Es endete mit einem historischen 2:0 für TeBe, aus dessen Anlass auch T-Shirts gefertigt wurden. Die Babelsberger behaupten bis heute, das erste Tor sei Abseits gewesen. Den Schiedsrichter, den wir gestellt hatten, haben sie Holger Hoyzer getauft. Kurioserweise hat das Spiel hinterher enorme Wellen geschlagen, sogar in Argentinien gab es eine Videotextmeldung dazu. Natürlich schon etwas bezeichnend für unsere Situation, dass TeBe seine größte Medienresonanz der vergangenen Jahre ausgerechnet durch ein nicht stattgefundenes Spiel erzielte.

TeBe steht jetzt vor dem Sturz in die sechste Liga. Wie schlimm wäre das für den Verein?

Carsten Bangel: Der Klassenerhalt wäre ein enormer Erfolg für den Klub und die Anhänger, die im vergangenen Sommer so viel zur Rettung des Vereins geleistet haben. Niemand von uns fährt gerne mit der U-Bahn zu den Auswärtsspielen. Sollte es sich aber nicht vermeiden lassen, dann werden die meisten Fans den Weg wohl mitgehen. Wer nach all den Katastrophen der vergangenen Jahre immer noch dabei ist, wird wohl auch eine Liga tiefer nicht von TeBe loskommen.

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