13.01.2007

Tatort Mikrofon

Als Wengers Magen blutete

Keine Macht ohne Verantwortung, das gilt auch für die Hoheit über die Stadionakustik. Matthias Paskowsky räsoniert über tödliche Langeweile und gefährlichen Populismus via Lautsprecher.

Text:
Matthias Paskowsky
Bild:
Imago
Ein hinreichend verkabeltes Mikrophon kann eine furchtbare Wirkung haben, vor allem wenn es vor einer großen Menschenmenge steht. Man muss nicht bis zu den Tagen jener Unperson zurückgehen, die manche für den Führer hielten, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Auch die Fußballstadien unserer Tage können zum Tatort akustischer Vergehen werden, ohne dass dafür Céline Dion über den Atlantik fliegen muss.



Der Stuhl des Stadionsprechers ist es, der unter der Bürde dieser Verantwortung knirscht. Nicht nur Startaufstellungen oder Glückwünsche an frisch vermählte Fanpärchen sollten unfallfrei artikuliert werden, auch die halbwegs würdevolle Präsentation von Matchball-Sponsoren oder Halbzeit-Raffles will gelernt sein. Schnell kann man sich in der Komplexität der Aufgabe verlieren.

 
So geschehen vor einigen Monaten im neuen Emirates-Stadion, als der Stadionsprecher Arsène Wengers Magengeschwür zum Bluten brachte. Der Mann am Pult hatte offenbar eine Karriere bei der British Rail hinter sich, quälte er Arsenals Cheftrainer und 60 000 weitere Zuhörer doch wiederholt mit einer Flut unnützer Informationen über die Ausfälle und Verspätungen der Londoner U-Bahn. Über den zunehmenden Mangel an Atmosphäre in englischen Stadien ist in den letzten Jahren viel geklagt worden. Seit jenem Spiel gegen Middlesbrough steht fest, dass unangemessene Informationstiefe über den eingeschränkten Service der Victoria Line die wirkungsvollste Schlaftablette ist. Wenger ließ seinem Unmut nach dem inspirationslosen Unentschieden dann auch freien Lauf, seitdem spielt der Metro-Fahrplan in der Arena der Gunners eine eher untergeordnete Rolle.

Von der Sprecherkabine kann jedoch auch eine ungewollt stimulierende Wirkung ausgehen. Derzeit interessiert sich die FA für die Willkommensgrüße, die Prestons Stadionsprecher Adam Catterall den Zuschauer zur zweiten Halbzeit im Spiel gegen Chrystal Palace entgegenbrachte. »Willkommen zur zweiten Halbzeit der Uriah Rennie Show«, soll er gesagt und damit den Unmut der Heimfans über die Entscheidungen von Schiedsrichter Rennie weiter angeheizt haben. Der hatte Preston in der ersten Halbzeit angeblich zwei Elfmeter verwehrt und dem Stürmer der Gäste für einen herzhaften Ellbogencheck nur Gelb gegeben. Mit einem Sieg gegen Palace hätte der nordenglische Traditionsclub nach sieben Siegen in Folge an die Tabellenspitze der Championship stürmen können. Vermutlich lagen die Nerven des Sprechers aus diesem Grunde blank und so verlief er sich im ebenso opportunistischen wie gefährlichen Dschungel der öffentlichen Schiedsrichterschelte.

Dabei ist es völlig gleichgültig, wie gut oder schlecht Rennie gepfiffen haben mag. Kein Stadionsprecher darf der Versuchung erliegen, seiner phonetischen Vorherrschaft zu Lasten des Unparteiischen zu frönen. Denn über die Folgen dieses Missbrauchs hat er keinerlei Kontrolle. Ein unbedachter Witz kann ebenso schnell nach hinten losgehen, wie gezielte Manipulation. Populismus im Stadion ist billig und gefährlich, nicht jeder Zuhörer vermag die Informationen richtig einzuordnen.

Den Machtgewinn und die Wirkung des Mikrophons auf die Massen hat »Putzi« Hanfstaengl nach seinem Seitenwechsel zu den Alliierten einmal sehr treffend beschrieben. Der ehemalige Lieblingspianist und Presseagent der besagten Figur aus Braunau sprach von der Ernüchterung der Erkenntnis, die einen beschleicht, wenn »man meint, auf einen fahrenden Zug aufgesprungen zu sein und plötzlich merkt, auf einem
Müllauto zu sitzen«.


-------------

Matthias Paskowsky ist Experte für englischen Fußball und zudem Vorsitzender der Bert-Trautmann-Foundation.

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden