Szenen einer bayerischen Provinzposse

Einmal Chaos, immer Chaos?

In München wurden die Karten wieder neu verteilt: Das fünfte 1860-Präsidium in vier Jahren will den Klub befrieden, der wegen einer Privatfehde zwischen Präsident von Linde und Geschäftsführer Ziffzer 15 Monate führungslos dahinschlingerte. Szenen einer bayerischen ProvinzposseImago
Heft #80 07 / 2008
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Zwischenmenschliche Beziehungen sind zerbrechliche Gebilde. Manche Menschen können einfach nicht miteinander. Eine hochgezogene Augenbraue, eine schräge Formulierung, ein extrovertiertes Outfit, eine Bitte als Befehl gebellt, was auch immer – und das Verhältnis ist auf ewig vergiftet. Zwischen Löwen-Präsident Albrecht von Linde und dem Geschäftsführer der 1860-Fußballabteilung, Stefan Ziffzer, flogen jedenfalls vom ersten Augenblick der Zusammenarbeit an die Fetzen. Der feine Unternehmersohn aus dem edlen Vorort Starnberg hatte seinen Vorstandsjob an der Grünwalder Straße gerade angetreten, als der knorrige Sanierer mit hessischen Wurzeln ihm bereits das erste Mal drohte, persönliche Konsequenzen zu ziehen. Der Grund dafür hätte banaler nicht sein können. Ein Konflikt streng nach den eitlen Prinzipien preußischen Beamtentums geführt, die da lauten: »Das haben wir schon immer so gemacht! Das war noch nie so! Und wenn hier einer das Sagen hat, bin ich es.«

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Ende März 2007 hatte der frisch berufene Vorsitzende von Linde sich bei seiner Ankunft in der Geschäftsstelle als neues Büro den großen Konferenzraum ausgeguckt. Mehr als einen Blick auf die Trainingsplätze hat der Besucher von dort zwar auch nicht, aber es ist das größte Zimmer in dem schmucklosen Bau an der Grünwalder Straße. An den Wänden hängen Bilder früherer Löwen-Präsidenten. Doch der Gast hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und dafür hielt sich zweifelsohne Manager Ziffzer. Denn das Hausrecht in dem Gebäude liegt zumindest auf dem Papier bei der Fußballabteilung von 1860 (KGaA), über deren Wohl und Wehe Ziffzer zu befinden hatte. Der Verein (e.V.), dem der Präsident vorstand, ist lediglich in zwei – wesentlich kleineren – Räumen des Gebäudes Mieter. Ein Wort gab das andere, von Linde verwies auf seine Weisungsbefugnis gegenüber dem Geschäftsführer, der wiederum schroff entgegnete, wenn der Präsident ihm Vorschriften machen wolle, sei er schneller weg, als er seine Möbel in das Büro gestellt habe. Morgens um halb zehn in Deutschland. Erst am Nachmittag waren die Streithähne wieder in der Lage, halbwegs ein Wort miteinander zu wechseln.

Es war erst der Anfang eines im modernen Profifußball selten gewordenen Possenspiels aus Eitelkeiten, Intrigen und Machtdemonstrationen, das sich bis zu Ziffzers fristloser Entlassung am Pfingstsonntag 2008 vollziehen sollte. Der 2. Vorsitzende der 60er, SPD-Landtagsabgeordneter Franz Maget, fasst die zähe Leidenszeit zusammen: »Ich habe Stunde um Stunde in Sitzungen zugebracht, um mir Streitereien anzuhören.« Vordergründig ging es in der Auseinandersetzung um die wirtschaftliche Ausrichtung des Klubs – um die konträre Einstellung der Protagonisten zu Kostenreduzierung und Ertragssteigerung –, im Kern aber meist nur um eine Frage: Wer hat das Kommando?

»Stefan & Stefan«, das beste Managerteam von Europa

Vor von Lindes Inthronisierung konnte Ziffzer im Schattenreich der KGaA walten wie ein Gutsherr. In der Geschäftsstelle schmunzelten die Mitarbeiter, wenn der Boss wieder mal vom Traumpaar »Stefan & Stefan« schwadronierte, »dem besten Managerteam Europas«, und damit Sportdirektor Stefan Reuter und sich selbst meinte. Sein damaliger Präsident Alfred Lehner quatschte Ziffzer nicht in die Geschäfte, genoss den Ruhm eines Sechz’ger-Bosses und repräsentierte still, so, wie sich mächtige Geschäftsführer ihre Spitzenfunktionäre wünschen. Ziffzer war im April 2006 angetreten, um den verschuldeten Klub vor der Insolvenz zu retten. Mit dem Verkauf der 1860-Anteile an der Allianz Arena an den FC Bayern sicherte der ehemalige Manager des Kirch-Konzerns den Blauen die Lizenz. Mit diesen Meriten zog er nicht nur die Sponsoren des Vereins auf seine Seite. Auch viele Fanpuristen, die den Duz-Freund von Uli Hoeneß vorher als zwielichtige Gestalt ohne wahres Löwen-Herz, mitunter sogar als Spion des FCB betrachtet hatten, fanden Gefallen an dem coolen Wirtschafter.

Der Clash ließ nicht lange auf sich warten. Das im Mai 2006 neu formierte »Pro-1860«-Fanlager hatte in der Delegiertenversammlung die Mehrheit im Aufsichtsrat erhalten und konnte über die Nachfolger des scheidenden Präsidenten Lehner bestimmen. Im März 2007 schlugen vier Aufsichtsräte von »Pro 1860« also den Bayernliga-Meistertrainer der Löwen, den »König von Giesing«, Karsten Wettberg, vor. Als Symbolfigur für die Rückkehr der Sechz‘ger in den bezahlten Fußball 1991 besaß Wettberg bei vielen Fans immer noch hohes Ansehen. Den Geschäftsleuten und Politikern, die in den Führungsetagen des Klubs die Strippen zogen, aber war der schmächtige Sportsmann suspekt. Hinter vorgehaltener Hand wurde der Ex-Coach als »Postbote« und »Gartenzwerg« verlacht. Als ruchbar wurde, dass Wettberg auf dem besten Weg war, zum Oberlöwen zu avancieren, warnte Ziffzer im Kollektiv mit Stefan Reuter vor dieser Lösung. Wettberg sei den potenten Sponsoren, auf die der klamme Klub dringend angewiesen sei, nicht vermittelbar. Ziffzer: »Die Reaktionen auf die Nominierung waren unbeschreiblich. Unsere Hausbank drohte uns, die Kreditlinie von drei Millionen zu kündigen, wenn Wettberg den Vorsitz übernimmt.« Viele im Umfeld des Klubs glauben nach wie vor, Ziffzer habe damals auf die Stellungnahme der Bank gedrungen, weil er fürchtete, der Kult-Trainer würde ihm als starken Mann des Vereins den Rang ablaufen. Ziffzer erklärt dazu, er habe diese Einschätzung von der Bremer NF-Bank schriftlich bekommen.

Franz Maget sagt: »Ziffzer war im sozialen Verhalten eher schwach«

Der Verein geriet durch diese Personalfrage in Schieflage. Der Aufsichtsrat einigte sich auf eine Kompromisslösung, indem der ursprüngliche Schatzmeister im Wettberg-Kabinett, Albrecht von Linde, für den Job des Präsidenten vorgeschlagen wurde. Der zweite Mann auf der »Pro-1860«-Liste sollte eineinhalb Jahre den Sitz im Präsidium innehaben, ehe er die Amtsgeschäfte an den 2. Vorsitzenden, den Münchner Medienhändler Otto Steiner, übergab, der von den Vertretern des Fan-Dachverbands Arge im Aufsichtsrat favorisiert wurde. Auch Ziffzer hielt den gediegenen von Linde zunächst für eine weitaus passendere Lösung als den unrepräsentativen Wettberg. Doch der feingliedrige Starnberger, dessen Großvater ein erfolgreicher Leichtathlet bei 1860 war und den Verein nach dem Krieg mit Finanzspritzen unterstützte, nahm nicht nur seine Aufgaben bei der Sanierung des e.V., der mit 150.000 Euro gnadenlos überschuldet war, bitter ernst. Fortan mischte sich von Linde auch öfter in die Kostenstruktur der KGaA ein. Ein Affront gegen Ziffzer und seinen Ruf als kühler Rechner. Während die Geschäftsführung weiterhin beim Jahresetat mit einem Minus von drei Millionen Euro kalkulierte, forderte der Präsident (Zitat: »Die Fußballabteilung ist unsere Tochter«) einen ausgeglichenen Haushalt. Von Linde: »Kein Wunder, dass Ziffzer ein Problem hatte. Schließlich hatte er bis dahin unter einem Präsidenten gewirkt, der de facto nicht vorhanden war.«

Der Hobby-Leichtathlet und Freiberufler mit dickem Festgeldkonto war plötzlich omnipräsent. Das Problem der Sechz‘ger meinte der Unternehmensberater schon bald lokalisiert zu haben: Während sich die Kosten für Miete und Betrieb in der Allianz Arena (rund 6 Millionen) sowie für den Spielerkader (mit 6,5 Millionen der zweitniedrigste im bezahlten deutschen Fußball) im Rahmen hielten, drückte vor allem der horrende Verwaltungs- und Betriebsapparat auf das Portemonnaie des Traditionsvereins: Mehr als 11 Millionen Euro errechnete von Linde – unter anderem für rund 40 fest angestellte Mitarbeiter. Doch ein eigens gegründeter Finanzausschuss konnte kein Einsparpotenzial feststellen. Also machte der eifrige, aber uncharismatische Präses (über den Franz Maget sagt: »Ich würde ihn nicht gerade als fußballaffin bezeichnen«) eigene Vorschläge zur Kostensenkung.

Zum Beispiel: Die veranschlagten 500.000 Euro für die Beobachtung und Beratung von Spielern sollten zukünftig über ehrenamtliche Tätigkeiten in diesem Bereich gespart werden. Ziffzer (Maget: »Im Sozialverhalten eher schwach«) wies den Fußball-Laien zurecht, welcher Berater wohl seinen Spieler ohne Honorar zum Wechsel nach Giesing überreden würde? Von Linde schlug vor, in Jahren, in denen der Verein keinen Gewinn mache, kein Weihnachtsgeld an die Mitarbeiter auszuzahlen. Ziffzer warnte vor der schlechten Presse, die Einsparungen von maximal 25.000 Euro wohl kaum aufwiegen würden. Schließlich erkundigte sich der Präsident, ob Reuter und Ziffzer ihre Q7-Audis als Dienstwagen beim Sponsor nicht in den kleineren A6 umtauschen könnten, um weniger Sprit zu verbrauchen. Sogar Vizepräsident Karsten Wettberg gibt zu: »Es kann sein, dass von Linde in einigen Dingen etwas realitätsfremd agierte.« Einen ausgeprägten Verdrängungsmechanismus hatte sich der glücklose Präsident ohnehin schon angeeignet.

Keine zwei Monate nach von Lindes Amtsantritt eskalierte die Situation. Am 24. Mai 2007 gab der Präsident in der »Süddeutschen Zeitung« ein Interview, in dem er mit »zu Ende gehender Geduld« zur Kenntnis nahm, dass die Sanierung des Vereins nicht vorankäme: »Unsere Erwartung ist, dass Herr Ziffzer seine Hausaufgaben macht.« Schwer getroffen ließ sich der zu cholerischen Anfällen neigende Ziffzer zu einer fiesen Finte hinreißen. Weil in Fan-Foren bereits über seine baldige Demission diskutiert wurde, rief er den Sprecher von »Pro 1860«, Hans Vonavka, kurz vor dessen Auftritt beim Lokalsender »TV München« an und teilte mit: »Sie haben es geschafft, ich trete zurück.« Vonavka hatte ursprünglich vorgehabt, im TV über Ziffzers Führungs- und Machtstil zu referieren. Sichtlich verdattert diktierte der Fan-Sprecher nun die soeben gehörte Rücktrittsandrohung in die laufende Kamera. Kurz darauf jedoch wurde Ziffzer telefonisch zugeschaltet, dementierte seine Rücktrittsidee und sagte, er habe nur einmal testen wollen, wie lange es bei den Sechz’gern dauert, bis eine interne Information nach außen gelange. Ziffzer: »Der Test ist wunderbar aufgegangen.« Als der Präsident am Abend seinen Geschäftsführer auf der Tribüne beim Pokalendspiel in Berlin traf, begrüßte er ihn sarkastisch: »Herr Ziffzer, ich nehme ihren Rücktritt an.« Kurz darauf kassierte der Geschäftsführer außerdem eine Abmahnung wegen vereinsschädigenden Verhaltens.

Von Linde zitiert aus dem Lexikon die Bedeutung des Wortes »Autist«

Vizepräsident Otto Steiner zog im Juli 2007 die Reißleine und verzichtete vorzeitig auf seine Präsidentschaft. In seiner Abschiedsansprache vor Journalisten schimpfte er von Linde einen »autistischen Alleingänger«. Wettberg und dem Präsidenten war der Boss des Filmunternehmens »Constantin« wegen seiner Verbindungen zur Boulevardpresse schon länger ein Dorn im Auge, zumal er wegen seiner familiären und beruflichen Verpflichtungen weitaus weniger Zeit in die Präsidiumsarbeit investierte als die beiden Privatiers. Wettberg: »Steiner war sehr selten im Büro, und er hat nachweislich vertrauliche Details aus dem Präsidium direkt an Dritte weitergegeben.« Die Entscheidung, Walter Schachner im März 2007 von seinen Aufgaben als Trainer zu entbinden, fiel in einer nächtlichen Sitzung im Haus von Stefan Reuter, nur das Präsidium und die Geschäftsführung waren über die Entscheidung informiert. Trotzdem machte die »Bild«-Zeitung bereits am nächsten Morgen mit der Meldung auf, der Trainer sei entlassen.

Von Linde kompensierte die öffentliche Demontage durch Steiner auf seine Weise. Bei der nächsten Pressekonferenz trat der verunsicherte Präsident mit einem Lexikon auf und las daraus laut die Definition des Wortes »Autist« vor, als wolle er beweisen, dass er keiner sei. Ziffzer kommentiert: »Realsatire. Die Journalisten lachten bei jedem Satz lauter.« Wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den beiden eitlen Köpfen des Klubs bereits war, beweist auch die Jahresabschlussbilanz nach der Saison 2006/07. Als die Geschäftsführung im Juli 2007 einen Gewinn von 200.000 Euro vermeldete, reagierte von Linde kommentarlos. Von der Presse nach einem Statement gefragt, sagte er: »Es ist gute Sitte, sich zur Gegenseite nicht zu äußern.« Präsidium und Geschäftsführung – zwei verfeindete Lager. Ziffzer düpierte den Präsidenten fortan, wo er nur konnte. Ein prototypischer Disput zwischen den beiden Antipoden, wenn es in einer Sitzung wieder einmal unsachlich wurde: »Herr Ziffzer, ich erwarte mehr Respekt von Ihnen.« »Gerne, aber wie soll ich vor Ihnen Respekt haben?«

Ziffzer zog den Sohn aus wohlhabendem Haus damit auf, dass er nie für sein Geld habe arbeiten müssen. Er nutzte jede Gelegenheit, um dessen Unkenntnis von fußballerischen Detailfragen zu entlarven. Als Franz Maget im September 2007 den Platz von Otto Steiner im Präsidium einnahm, lobte der SPD-Politiker ausdrücklich eine Promotionaktion der Löwen, »Münchens große Liebe«. Von Linde hatte von diesem Slogan jedoch noch nie gehört. In der Annahme, der Spruch stamme von Maget, ließ er die anwesenden Journalisten spontan wissen, der Verein plane, Aufkleber mit diesem Motto zu drucken. Doch solche Sticker waren längst im Umlauf. Am nächsten Morgen desavovierte Ziffzer den Präsidenten, indem er bei der Pressekonferenz die Aufkleber verteilen ließ und dabei sarkastisch auf von Lindes tolles Engagement in dieser Sache hinwies.

»Das war Stil des Hauses. Der eine kannte sich nicht aus, der andere führte ihn vor«, analysiert Franz Maget traurig. Von Linde zog sich zunehmend in sein Schneckenhaus zurück, die Frechheiten des Geschäftsführers wuchsen ihm über den Kopf. Doch Ziffzer kannte kein Pardon. Unversöhnlich bilanziert der Geschäftsführer: »Ein Tischtuch zwischen uns, das zerschnitten werden könnte, hat es nie gegeben. Wenn jemand antritt, um mich abzuschießen, muss ich mich doch wehren.« Karsten Wettberg versuchte, zum Wohle des Klubs zwischen dem schlingernden Präsidenten und dem angriffslustigen KGaA-Boss zu vermitteln: »Ich sagte zu Ziffzer: ›Von Taktik verstehen Sie wenig. Sie hätten es so leicht gehabt, wenn Sie von Linde als Präsidenten respektiert hätten.‹« Kleine Gesten hätten wahrscheinlich gereicht: hier eine stillschweigende Zustimmung auf eine Bitte von Lindes, dort ein paar VIP-Karten für dessen Freunde. Doch Ziffzer verwies immer wieder darauf, wie streng er seinem Arbeitsvertrag verpflichtet sei.

Das erste Mal seit Wildmosers Ende scheint Ruhe im Klub zu herrschen


Als im Februar 2008 Ziffzer und Reuter ohne Wissen des Präsidiums einen Ausrüstervertrag mit dem Sportartikler »Erima« einstielten, erhielt der Geschäftsführer eine erneute Ermahnung. Dass sein Kompagnon Reuter ohne disziplinarische Maßnahme davonkam, wurmte den ehrgeizigen Manager fast noch mehr als der erneute Verweis. Ziffzer verstand sich schließlich als Einheit mit dem eher profillosen Weltmeister. Sportlich ging es mit Sechzig in dieser Phase rapide bergab. Das junge Team von Trainer Marco Kurz schloss die Zweitligasaison als schwächste Rückrundenmannschaft auf dem 11. Platz ab. Für einen Klub, der sich tendenziell in der Bundesliga verortet, eine Katastrophe. Am 8. Mai 2008 reagierte der »Kicker« mit einem Artikel auf die sportliche Talfahrt, in dem über eine Ablösung von Stefan Reuter spekuliert wurde. Darin wurde ein hochrangiges Mitglied aus dem Führungszirkel der 60er zitiert: »Kein Vertrag ist sakrosankt. Fußball ist ein ergebnisorientierter Sport. Wenn der Erfolg ausbleibt, gibt es Änderungen.« Für Ziffzer gab es keinen Zweifel, wer da Stimmung gegen seinen Weltmeister-Kumpel machte. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Nach dem nächsten Löwen-Heimspiel gegen den VfL Osnabrück sprach der Manager in der Presskonferenz die bedeutungsschwangeren Worte, die kaum ausgesprochen schon als düsteres Fanal in die Annalen der 1860-Historie eingingen: »Der Fisch stinkt vom Kopf her, und bei uns ist der Kopf der Präsident. Dieser Präsident ist eine Schande.« Als Begründung verwies Ziffzer darauf, dass ihm Hauptsponsor »Trenkwalder« während des Spiels mitgeteilt habe, sich die Querelen im Klub nicht länger bieten zu lassen. Als der Geschäftsführer nach seiner Rede den VIP-Raum betrat, sollen einige Sponsorenvertreter spontan applaudiert haben. Präsident von Linde rief Ziffzer noch im Stadion die fristloses Kündigung zu. Das Präsidium ließ ihm noch am Pfingstmontag die Entlassungspapiere zustellen. Lapidarer Kommentar Albrecht von Lindes: »Er hat nie verstanden, wer Koch und wer Kellner ist.« Ziffzers gewohnt beißende Replik: »Wenn der Koch nicht kochen kann, steht der Kellner auf verlorenem Fuß.«

Der »Amoklauf« (O-Ton Franz Maget) des Geschäftsführers verfehlte seine Wirkung nicht. In den darauffolgenden Tagen drohten zahlreiche Sponsoren mit der Kündigung ihres Engagements, eine Geschäftsgrundlage sei aufgrund der Außendarstellung des Klubs nicht mehr gegeben. Derweil sprachen sich 11 der 15 Mitglieder des Vereinsrates gegen das Präsidium aus und forderten seinen Rücktritt, »um weiteren Imageschaden von unserem bald 150-jährigen Verein zu nehmen.« Auch die Arge legte von Linde in einem offenen Brief nahe, sein Amt zur Verfügung zu stellen. Am 26. Mai 2008 bot der Präsident angesichts der dramatischen Reaktionen dem Aufsichtsrat seinen Rücktritt an – und auch Karsten Wettberg musste seinen Hut nehmen. 1860 München hatte jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Franz Maget, der letzte verbliebene Vorstand, sagt: »Wir standen am Abgrund – wirtschaftlich und imagemäßig.«

Als sich der Rauch verzogen hatte, präsentierte der Klub den Prokuristen des Sponsors »Münchner Flughafen GmbH«, Rainer Beeck, als neuen Mann an der Spitze. Alleiniger Geschäftsführer der KGaA – und damit der große Gewinner von Ziffzers Kamikaze-Auftritt – ist nun Stefan Reuter. Taktisch klug hatte sich der einstige Verteidiger in den Tagen des Donners zum Verein bekannt und war auf Distanz zu seinem impulsiven Partner gegangen. Zum ersten Mal, seit Karl-Heinz Wildmoser abgedankt hatte, herrschte von einem Moment auf den anderen Ruhe im Verein. Die Lage war so ernst, dass selbst die verfeindeten Fan-Lager von Arge und »Pro 1860« ihre Rivalität ruhen ließen und dem neuen Präsidium in der Zeit der Konsolidierung ihre Unterstützung zusicherten. Jedem war durch das Mediengewitter, das Ziffzers Ausbruch hervorgerufen hatte, klar geworden, in welchem Schlamassel der einst so glamouröse Traditionsklub 1860 steckte. Der durch seine Popularität, Geschichte und Fanstruktur von außen fast unzerstörbar erscheinende Verein war durch jahrelang schwelende innere Konflikte aufgezehrt und sportlich ohne Perspektive, weil trotz eines Zuschauerschnitts von 300.000 kein Geld für attraktive Transfers übrig blieb. Nun konnte es passieren, dass auch noch die überlebenswichtigen Sponsoren den Blauen den Hahn zudrehten. 58, 59… aus?

In einem Verhandlungsmarathon konnte das neue Präsidium alle Sponsoren, die mit dem Gedanken spielten, ihr Engagement einzustellen, zum Weitermachen überreden. Damit sich in Zukunft ein ähnliches Horrorszenario nicht wiederholt, braucht der Klub aber dringend einen Imagewechsel. Derzeit lastet auf 1860 der Ruch eines Vereins mit dem gefährlichen Hang zur Selbstzerfleischung, weil er sich pausenlos in neue Grabenkämpfe zwischen den Abteilungen, den Fans und Offiziellen verstrickt. Rückblickend ist es kein Wunder, dass von Linde in diesem Verein scheiterte. Die von Emotionen aufgeheizte Atmosphäre, die hier permanent herrscht, überforderte den Rechner aus Starnberg schlicht und einfach. Der Leichtathlet bilanziert selbstkritisch: »Ich habe die Irrationalität des Fußballs unterschätzt.«

1860 ist ein Chaosklub, der momentan deutschlandweit als Lachnummer durch die Medien geistert, nicht zuletzt auch wegen der Indiskretion seiner vielen Haupt- und Nebendarsteller. Der verhasste FC Hollywood von der Säbener Straße ist den Löwen nicht nur sportlich enteilt, die Roten machen den Blauen auch vor, wie man das Spiel mit den Medien gewinnt. Neu-Präsident Beeck bringt es auf den Punkt: »Bei Bayern reden maximal zwei Offizielle, bei uns sind es mitunter 20. Wenn sich daran etwas ändern soll, darf es ab sofort keinen Platz für Eitelkeiten mehr geben.« Gemeinsam mit Vize Michael Hasenstab, einem Investmentbanker, will Arge-Protegé Beeck einen umfassenden Neuanfang starten. Die Kapitalbeschaffung hat er zur Chefsache erklärt. In Kürze soll ein Investor, der langfristig mit dem Klub zusammenarbeitet und nicht auf schnelle Rendite aus ist, bei den Löwen einsteigen. Beeck sagt: »Ein denkbares Szenario wäre, zehn Prozent der Anteile am Klub an einen potenten Partner mit Perspektive zu verkaufen und dafür einen Betrag von etwa drei Millionen Euro zu erlösen, der dann direkt in den Kader fließt.« Langfristig will das Präsidium auch einen durchdachten Börsengang nicht ausschließen. Ob solche Pläne der Klientel vermittelbar sein werden? Viele eingefleischte Fans schüttelt es bereits bei dem Gedanken, dass eine Zeitarbeitsfirma den Klub als Hauptsponsor unterstützt. Und dass man Mieter im Stadion der Roten ist… aber, nun ja, das ist ein andere Geschichte.

Die Gefahr, dass 1860 bald wieder in seine negative Streitkultur zurückfällt, besteht jedenfalls immer. Vom Erhalt der Kartenvorverkaufsstelle bis zu den Bierpreisen im Grünwalder, bei den Löwen gibt es zu jedem Thema minimal 20 unterschiedliche Meinungen. Beeck sieht seine Hauptaufgabe deshalb darin, die Kommunikation in allen Bereichen des Klubs zu verbessern. Wie sich das Vokabular ähnelt: Als von Linde und Wettberg vor gut 15 Monaten ihr Amt antraten, hatten sie sich die Schlagwörter »Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz« auf die Fahnen geschrieben. Das Ergebnis der fehlgeschlagenen Operation: Dr. Stefan Ziffzer erwägt eine Arbeitsgerichtsklage gegen den Verein. Ob es wirklich dazu kommt, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Karsten Wettberg sagt dazu: »Es kann eigentlich nicht im Sinne des Herrn Ziffzer sein, dass sämtliche Vorgänge aus dem Verein nach außen kommen. Denn es gab fast jede Woche Beleidigungen.«

Dr. Albrecht von Linde ficht das nur noch peripher an. Der scheidende Vorsitzende, der für seine Amtszeit zumindest veranschlagen kann, dass der Erhalt des Grünwalder Stadions für den Spielbetrieb der 2. Mannschaft gesichert wurde, will nie wieder in die Allianz Arena gehen. Eine Mischung aus McDonald’s und Ikea sei das Stadion in Fröttmaning, sagt er. Er klingt ein bisschen auswendig gelernt. Und wenn schon. Von Linde plant sowieso, für einige Zeit nach Santa Monica überzusiedeln. »Da steht eine Harley in meiner Garage. Und wenn mir mal nicht nach Motorradfahren ist, stelle ich mich eben aufs Surfbrett hinterm Haus.« Santa Monica ist das Trainingszentrum für die besten amerikanischen Leichtathleten. Viele bei Sechzig werden sagen, dort sei der Ex-Präsident sowieso besser aufgehoben.

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