24.02.2013

Swansea City vor dem heutigen League-Cup-Finale

Lovely, lovely club

Seite 3/4: Tremmels dritter Frühling
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Kai Senf

Wie der deutsche Torwart Gerhard Tremmel, der aus der Bundesliga nur mehr Jobs als Ersatzmann angeboten bekam und zuletzt für Red Bull Salzburg in Österreich spielte. »Es war wie Vorruhestand«, sagt er bei einem Treffen vor Monaten. Er sitzt in einer ausgebeulten Jogginghose vor einem Café wie ein Student, der gerade Pause von der Renovierung seines WG-Zimmers macht, und schlürft seinen Cappuccino. Seine Wohnung am Hafen ist nicht weit entfernt. Und er erinnert sich, das er von seiner Wohnung in Salzburg einen herrlichen Ausblick auf die Alpen hatte. Den hat er eingetauscht gegen Kühlschrankbrummen.

Als der Swansea City FC im Sommer 2011 nahe Salzburg ein Trainingslager abhielt, stellte sich Tremmel kurzerhand in einem Testspiel gegen Celtic Glasgow zwischen die Pfosten und hielt gleich mal einen Elfmeter. Ehe er sich’s versah, hatte er einen Vertrag unterschrieben – und stand in der Kabine auf einem Hocker. »Um in die Mannschaft aufgenommen zu werden, musste ich erst mal ein Lied singen«, sagt Tremmel. Die Wahl fiel auf »Someone Like You« von Adele, dargebracht von einem rotblonden Hünen mit bayrischem Akzent.
War das der große britische Fußball, von dem er sich die Wende in seiner Karriere erhofft hatte? In Wales müssen sich Tremmel und seine Kameraden nach dem Training in einem öffentlichen Fitnesszentrum umziehen, die Trikots waschen sie zu Hause. Am Wochenende sieht man sie durch die Stadt bummeln, weder Sonnenbrillen noch Kopfhörer schirmen sie, wie andernorts üblich, von ihrer Umwelt ab.

»Come on, Trem!«

Als Tremmel vor dem Café von einem einheimischen Jungen erkannt wird, albert er mit ihm herum. Der Bengel will auf dem Parkplatz unbedingt Freistöße mit dem Profi-Torwart üben. »Come on, Trem!«, bettelt er. Tremmel lacht. Als wäre all das ein Witz.

Und das ist es ja auch. Ein Witz auf Kosten der anderen. Der Swansea City FC ist der Klub mit dem geringsten Etat der Liga, aber er spielt berauschenden Fußball. Der dänische Trainer Michael Laudrup baut auf das Erfolgsrezept der schwindelerregenden Ballzirkulation. Statistiker zählen dauerhaft fast 500 Pässe pro Spiel, die Fachzeitschrift »FourFourTwo« zeigte unlängst Spielmacher Leon Britton auf einer Fotomontage neben Xavi und schrieb dazu: „Einer von beiden ist der beste Passgeber Europas. Der andere spielt beim FC Barcelona.”
»Wir spielen als Einheit«, sagt Torwart Tremmel, »eine Einheit, die niemals auseinander bricht, weder in taktischer noch in sozialer Hinsicht.« Gerade Letzteres ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal in der von launischen Diven bevölkerten Premier League. Seine Kompaktheit macht den Swansea City FC zum Angstgegner schlechthin.

Vorbei an Myriaden von Schafen

Man kann sich also ungefähr vorstellen, mit welchen Gefühlen die Stars des amtierenden Champions-League-Siegers Chelsea FC (des Klubs also, bei dem niemand „Fuck you“ sagte, als sich Roman Abramowitsch 2003 für 170 Millionen Pfund einkaufte) Ende Januar zum Rückspiel des Ligapokal-Halbfinales nach Swansea fuhren, nachdem sie daheim bereits 0:2 verloren hatten: die schier endlose M4 hinauf, vorbei an Myriaden von Schafen, die sie zu zählen versuchten, aber der Schlaf wollte sie einfach nicht übermannen. Trainer Rafael Benitez mag sein Gesicht im Kaschmir-Schal, der allein soviel kostet, wie ein Swansea-Spieler im Monat verdient, versteckt und fassungslos auf die endlosen Weiden geblickt haben. Was war hier, in diesem fußballgottverlassenen Landstrich, noch zu holen? 

Nichts.

 
 
 
 
 
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