Swansea City vor dem heutigen League-Cup-Finale

Lovely, lovely club

Der Swansea City FC steht im heutigen Finale des britischen Ligapokals. Ein Sieg wäre der Höhepunkt einer sagenhaften Aufstiegsgeschichte. Und die Erfüllung eines Traums, den die Fans auch in den dunkelsten Stunden nie aufgegeben haben 

Kai Senf

Lustlos schwappen die Wellen des Bristolkanals an den Strand, gerade so, als täten sie dies nur, wenn zufällig jemand hinguckt. Ein paar Angler halten ohne jeglichen Optimismus ihre Ruten ins Wasser. Wann die letzten Fische angebissen haben? Sie wissen nicht mal genau, ob es hier überhaupt welche gibt. Und wenn es wirklich stimmt, dass Architektur gefrorene Musik ist, wie Arthur Schopenhauer glaubte, dann handelt es sich bei den Häusern an der Brandungslinie um Beton gewordenes Kühlschrankbrummen. Man muss es so sagen: Das Stadtbild ist zum Heulen misslungen. Sparkassenfassaden, so weit das Auge reicht. Poseidon-Skulpturen, die die Flut bei Gelegenheit mitnehmen möge. Den Tiefpunkt des Ensembles stellt ein Turm unweit des Hafens dar, der einem eine ideale Aussicht auf das gewährt, was es sich nicht zu betrachten lohnt: Swansea.

Nun hatte man ja, wenn es einem nicht erspart blieb, an einem Samstagnachmittag etwa durch Gelsenkirchen, Mönchengladbach oder Cottbus spazieren gehen zu müssen, schon manchmal den Verdacht, dass die Liebe der Menschen zu ihrem Fußballverein umso bedingungsloser ist, je abweisender die Stadt ist, in der sie leben. Hier nun, an der unwirtlichen walisischen Küste, wird dieser Verdacht letztgültig bestätigt: Der Swansea City FC hat die treuesten Fans, die man sich vorstellen kann. 

Diese Treue bemisst sich an der Zuversicht, dass doch noch mal alles besser werden könnte, wenn das Flutlicht angeht über dem oft nebelverhangenen Liberty Stadium, wenn der salzige Seewind durch ihre Parkas bläst und sie dieses Funkeln in den Augen haben, wie Jäger, wie Kinder, wie Fußballfans eben. An jedem Wochenende sind sie dann bereit, die Hässlichkeit Swanseas mit Schönheit zu verwechseln. »Ugly, lovely town«, nannte der Dichter Dylan Thomas seine Heimatstadt – abstoßend und liebenswert zugleich. Der Gedanke muss ihm an einem Spieltag gekommen sein. Oder er war bloß mal wieder betrunken. Vielleicht auch beides.

Im Jahr 2002 hieß der Alltag Liga Vier

Der Swansea City FC ist eine Traumerfüllungsmaschine. Auch wenn sie ihre eigentliche Funktion noch nie erfüllt hat, sagen sich die Fans: Möglicherweise hilft es ja, wenn man sie ein bisschen streichelt. Oder ein paar Mal sanft dagegen schlägt.  

Im Winter 2002 stand der Swansea City FC auf dem letzten Platz der vierten Liga, der Verband drohte obendrein mit dem Zwangsabstieg. Der Eigentümer, ein australischer Hasardeur namens Tony Petty, hatte Spieler trotz laufender Verträge entlassen und systematisch Steuern hinterzogen. Der Klub, der nie groß gewesen war, drohte nun vollkommen zu verschwinden. Da taten sich in höchster Not fünf Freunde zusammen, Geschäftsleute und allesamt Swansea-Fans – und kauften ihn einfach. In einem Hotel in Cardiff übergaben sie Tony Petty 25.001 Pfund in bar. Das eine Pfund warfen sie ihm in kleinen Münzen vor die Füße. 

Der niederländische Tapetenhändler John van Zweden ist einer von ihnen, ein bulliger Mann, der in seinem Vereinsanzug ein wenig aussieht wie ein gealterter Hooligan, der vor Gericht erscheinen muss. Von Den Haag aus reist er jeden Samstag, oft auch mittwochs, zu den Spielen seines Klubs. Die Kosten trägt er selbst, wie damals, als er noch ein einfacher Fan war. Und dann steigt er ab im »The Dragon«. Das Hotel ist ein schmuckloser Plattenbau, und in van Zwedens Zimmer rollen leere Bierbüchsen über den Tisch.

Dass seine Leidenschaft vor 35 Jahren für den Klub entbrannte, hat mit dem Mann zu tun, der ihm nun gegenübersitzt und eine weitere Bierdose aufreißt. Bis zum Anpfiff der heutigen Partie ist es noch ein bisschen hin. Die beiden Männer wolle erzählen, wie es angefangen hat.

Verwandte Artikel

0Swansea-Vorstand John van Zweden über den Höhenflug

Der Höhenflug von Swansea

»Es ist verdammt wahr, Junge!«

0Swansea-Torwart Gerhard Tremmel über sein Comeback als Stammtorwart

Interview: Gerhard Tremmel

»Oh Shit, jetzt muss ich wirklich rein!«

0Zu Besuch bei Gerhard Tremmel in Swansea

Zu Besuch bei Gerhard T…

Der Bankangestellte

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!