SV Traisa auf Weltreise

Jenseits von Afrika

In den siebziger Jahren geht eine Amateurmannschaft aus Hessen auf Weltreise – in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE berichten wir über die verrückte Geschichte des kleinen SV Traisa: Begrüßungsschmuck und Torbruch inklusive. Best of 2010: SV Traisa auf WeltreisePrivat
Heft#108 11/2010
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Karl Pflum ist nicht da. Wichtige Geschäfte im Ausland verhindern ein gemeinsames Treffen für eine Geschichte in 11FREUNDE. Gebhard Ziegler kann auch nicht. Er macht Urlaub in Frankreich. Peter Barth hat Zeit, aber nicht lange, denn er hat noch einen Termin: Der Flieger nach Japan wird nicht auf ihn warten. Die Globetrotters vom SV 1911 Traisa sind immer noch aktiv. Wenn auch in einem anderen Leben. Karl Pflum, Gebhard Ziegler, Peter Barth und all die anderen sind längst in Ehren ergraute Herren in den Fünfzigern. Vor mehr als 30 Jahren waren sie gute Fußballer, keine schlechten dazu. Aber die Gegner hießen SpVgg 1912 Neckarsteinach oder KSV Haingrund und die Liga A-Klasse Süd Odenwald. Hier musste man schon ins nahe Darmstadt reisen, wollte man im Stadion am Böllenfalltor ein wenig Bundesliga-Luft schnuppern. Auf dem Sportplatz vom SV Traisa darf man dagegen seit jeher Mannschaften aus Weiterstadt und Griesheim begrüßen. Nein, die Welt war noch nicht zu Gast bei den Freunden aus Traisa. Aber Traisas Fußballer waren zu Gast in der Welt. Und das kam so.

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Eigentlich müsste Hermann Fischer diese Geschichte erzählen. Aber Hermann Fischer ist tot, er starb vor einem Jahr. In den siebziger Jahren war der groß gewachsene Hesse mit dem beachtlichen Wohlstandsbauch der womöglich umtriebigste Reiseleiter im gesamten deutschen Amateur-Fußball. »Für den Hermann«, sagt Peter Barth, der in den Siebzigern beim SV Traisa verteidigte, »war der Verein sein Leben.« Ein Mädchen für alles, der den Feierabend damit verbringt Jugendtrainer zu organisieren, Vereinsfeste zu planen und dem Platzwart in den Hintern zu treten, wenn der die Linien nicht sauber kreidet. Sein Geld verdient Fischer mit einem Vertreter-Job bei Dr. Oetker. »Das war er auch«, erinnert sich Helmut Agne, auch er ein ehemaliger Fußballer aus Traisa, »der typische deutsche Vertretertyp. Der hat nicht eher locker gelassen, bis er bekommen hat, was er wollte.«

1970: Die erste Übersee-Reise

1970 hat sich Hermann Fischer ein ganz neues Ziel gesteckt und es geht nicht um unterschriebene Kaufverträge für Küchengeräte: Der SV 1911 Traisa, das sportliche Aushängeschild des kleinen Örtchens im hessischen Südzipfel, soll die Welt bereisen!

Die ersten Telefonate werden geführt. Mit Vereinen und Verbänden in den USA und Kanada. Mit Geschäftspartnern und deutschen Aussiedlern. Und tatsächlich: 1970 startet der SV Traisa zu seiner ersten Übersee-Reise in die Vereinigten Staaten. Ein erstes Herantasten an die weite Welt. Ein Jahr später geht die Fahrt erstmals nach Afrika: In Süd-West-Afrika, dem heutigen Namibia, und Südafrika erwarten die Fußballer deutsche Aussiedler und örtliche Polit-Prominenz. Alles schön und gut. Jetzt plant der SV Traisa den ganz großen Coup: Eine Weltreise als Botschafter des Fußballs.

»Der Hermann war ein Verrückter«

Wie das gehen soll? So recht können die Fußballer von damals das heute nicht beantworten. Nur so viel: »Der Hermann war ein Verrückter, der sein Herz an den Verein verloren hatte. Wenn wir schlecht spielten, ist er nach 15 Minuten ins Auto gestiegen und nach Hause gefahren. Sonst wäre ihm die Pumpe wahrscheinlich noch am Spielfeldrand explodiert.« Bis spät in die Nacht schreibt er Briefe. Briefe, die in die ganze Welt verschickt werden. Anschreiben an Fluggesellschaften, nationale Verbände, Organisationen zum kulturellen Austausch und vor allem: Sponsoren. Denn die Reise um die Welt kostet viel Geld und der hauptsächlich aus Studenten zusammen gesetzten Mannschaft aus Traisa fehlen dafür die Mittel. Also pumpt Fischer alles an, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Der »typische deutsche Vertreter-Typ« macht seiner Zunft alle Ehre und hat schon bald ein solides Finanzierungspakt geschnürt. Großzügig unterstützt von Gerd Müller. Dem Torwart der 1. Herren, den alle nur »Früchte-Müller« nennen, weil er einen Frucht-Handel im nahen Griesheim betreibt. Nur wenige Monate nach den ersten Telefonaten rund um den Globus steigen die Fußballer aus der Provinz in einen DC-8-Jet und fliegen los: Die Weltreise kann beginnen und die Globetrotters aus Traisa sind geboren.



Es wird eine abenteuerliche Reise und sie führt die Fußballer aus der A-Klasse nach Indien, Malaysia, Hongkong, Macao, Japan, Alaska und wieder zurück ins Hessenländle. So viele Erinnerungen, so viele Jasmin-Ketten! Schwer behangen mit dem asiatischen Begrüßungsschmuck werden die Fußballer in Indiene vom Flugzeug ins Hotel und von dort ins Mysore Nationalstadion von Bangalore kutschiert. Ein Transparent grüßt die Reisetruppe aus der BRD: »Herzlich Willkommen, liebe Freunde vom Sportverein 1911 Traisa. Lange lebe die Freundschaft zwischen Westdeutschland und Indien!« 20.000 Zuschauer wollen die exotische Reisegruppe bestaunen. Als viele Tage später der Rückflug von Alaska nach Deutschland ansteht, werden die Heimkehrer an Bord von einer weiteren Wandertruppe im Auftrag des Sports begrüßt. Die Sonderausgabe der Traisaer Vereinsnachrichten textet: »Es ist die 60-köpfige Turnstaffel des japanischen Turnerbundes, die zum deutschen Turnfest nach Stuttgart reist. Die letzten Vereinsnadeln werden getauscht.« Das Boardessen wird in deutsch-japanischer Runde eingenommen. Schelmischer Kommentar der Sonderausgabe: »Die Portionen sind nicht übermäßig groß, aber wohlschmeckend. Das gewinnende Lächeln der servierenden Stewardessen wirkt wie ein Aperitif.«

Ein Land, hart wie Kamelholz

Nur zwei Jahre gönnt Hermann Fischer seinem SV Traisa eine Pause, dann geht es wieder los. Wieder nach Afrika, hier hat man nach der Reise 1971 noch eine Menge Freunde. In Süd-West Afrika singen die deutschen Fußballer mit Exilanten aus ihrem Heimatland das »Südwester Lied«, die alte Hymne der ultra-patriotischen Siedler. Wer jetzt die Strophen nicht kennt, ist selber schuld. Hermann Fischer hatte in seiner ausführlichen Reiseinformation unter Punkt vier, Betr.: Fußball-Singers / Geselligkeit vorgewarnt: »Um auf der Reise auch mit geselligen Beiträgen mitzuwirken wäre es sehr richtig, wenn sich die Reisegruppe mit alten Fußball-Liedern aufwärmen würde. Höflichst wird gebeten, dass Vorsinger jetzt schon in dieser Richtung tätig werden und auch einmal ein Lied schmettern.« Also singen die Fußballer. Von einem Land, das hart wie Kameldornholz ist und Sorgen, die von hell leuchtendem Sonnenlicht überstrahlt werden.

Gesungen wird auch einige Tage danach in Rhodesien, dem heutigen Simbawe. Mitte der siebziger Jahre von der Außenwelt quasi politisch isoliert, sind die Traisarer Amateure im Sommer 1975 die ersten weißen Fußballer, die gegen die schwarze Nationalmannschaft Rhodesiens antreten. 20.000 Zuschauer sorgen für eine länderspielgerechte Kulisse, auch wenn die Gäste aus der BRD kurz verwirrt sind, als das ganze Stadion in Salisbury die deutsche Nationalhymne mit dem Hitler-Gruß unterstützt. Für historische Aufklärung bleibt nach dem Spiel allerdings wenig Zeit, denn Hessens Provinzheroen müssen Autogramme schreiben, bis die Finger lahmen und sich gleichzeitig ihres Haupthaars verteidigen. »Die hatten noch nie zuvor blonde Haare gesehen und wollten nun überprüfen, ob die auch echt sind«, erinnert sich Helmut Agne, einer der damals so gefragten Fußballer.

Autogrammstunde in Australien. Die Nachfrage? Dürftig...

1977 ist es Zeit für die nächste Weltreise, schon wieder ist der Tross aus Traisa unterwegs. Und die Reiseleitung hat ein straffes Programm ausbaldowert: In nur vier Wochen geht es über Hongkong, Australien, Neuseeland bis zu den Fidschi-Inseln und von dort nach Hawaii und den Vereinigten Staaten. Ob sich der Ruhm der Globetrotters schon herumgesprochen hat? In Australien warten jedenfalls die Massenmedien auf die Deutschen, in einem Einkaufszentrum müssen die Fußballer Rede und Antwort stehen. Die Nachfrage bei der anschließenden Autogrammstunde ist allerdings, nun ja, dürftig. Den Höhepunkt der Reise erlebt die Mannschaft auf den Fidschi-Inseln. In Labasa ist der SVT die erste ausländische Mannschaft überhaupt, die hier Fußball spielt. Die Gäste verlieren, müssen aber nur einen Tag später in der Hauptstadt Suva gegen die Nationalmannschaft antreten. Das A-Klasse-Team gewinnt sensationell mit 6:0 und ist anschließend auf allen TV-Kanälen der Inselgruppe die Attraktion. Zwei Tage nach der historischen Pleite hoffen die fußballverrückten Insulaner auf Wiedergutmachung. Im Nationalstadion von Ba wollen mehr als 10 000 Zuschauer dabei zusehen. 90 Minuten lang herrscht Trauerstimmung, denn die Deutschen führen mit 1:0. Dann fällt doch noch der Ausgleich und die Massen stürmen jubelnd den Rasen, einige Dutzend Glücksbesoffene hängen sich an die Torlatte. Bis das hölzerne Gehäuse zusammenbricht und der Schiedsrichter das Spiel beendet.

Das Spiel ist vorbei und der SV Traisa verschwindet wieder aus dem Alltag der Inseln im Südwestpazifik. Noch einmal Hawaii, noch einmal San Francisco, die letzten Fotos, die letzten Eindrücke. Und auf einmal sind die Globus-Akrobaten aus Traisa wieder in Heimat. Eine letzte Gruppe macht sich 1979 noch einmal auf nach Afrika, aber der Trip ist für Traisaer Verhältnisse fast schon zu gewöhnlich. Der Reiz der ersten Weltreisen ist verflogen. Exotisch ist, was du draus machst.

Hermann Fischer ist tot. Seine Jungs spielen jetzt Golf

Heute ist vieles anders. Die Welt ist zusammengeschrumpft und schon lange kein Abenteuer mehr. Hermann Fischer, der Reiseleiter, ist tot. Die meisten seiner Schützlinge von damals spielen jetzt Golf. Der SV Traisa 2010 spielt in der Kreisoberliga Darmstadt. Die Gegner kommen aus Büttelborn, Erzhausen und Groß-Gerau. Auf der Internetseite der Fußballer steht: »Auswärts wieder ohne Punkte. 1:4 in Nauheim. Die 2. Mannschaft gewinnt 5:1. Alle Buden durch den bekennenden ´Musical-Fan´ Rouven Kornmann.« Die Welt wird auch weiterhin nicht zu Gast sein in Traisa. »Dafür«, sagt Peter Barth, »haben wir die Welt gesehen.« Und das ist doch auch etwas.

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