11.10.2013

Suff, Suizid, Selbstzweifel: Irlands Fußballidol Paul McGrath

Am Rande des Abgrunds

Seite 2/3: »Er spielt Fußball, als hätte er einen Smoking an«
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Und trotzdem ragt McGrath heraus. Er ist ein verlässlicher, mitspielender Verteidiger, der der Mannschaft Sicherheit gibt, aber gleichzeitig ist er mehr als das. Er hat eine Eleganz in seinem Spiel, die man in der raubeinigen Verteidigerschule des englischen Fußballs ansonsten nicht findet. Er spielt brenzlige Bälle mit der Hacke zum Torwart zurück, überlupft seine Gegenspieler und hat ein Spielverständnis, das ihn wie ferngesteuert immer zur rechten Zeit am rechten Ort sein lässt. »Er spielt Fußball, als hätte er einen Smoking an und ein Weinglas in der Hand«, beschreibt der »Daily Telegraph« seinen Stil. Oder wie es sein Mitspieler bei Aston Villa, Shaun Teale ausdrückt: »Paul war ein Weltklassespieler, das war mir bewusst. Das war uns allen bewusst.«

Auch Alex Ferguson. Trotzdem muss McGrath nach drei Jahren unter Sir Alex gehen. Die Aussetzer neben dem Platz nehmen überhand, der unter Vorgänger Ron Atkinson noch geduldeten (und im englischen Fußball der Achtziger ohnehin durchaus verbreiteten) Saufkultur tritt der knorrige Schotte kompromisslos entgegen. Er wolle aus dem »Drinking Club«, den er übernommen hatte, endlich einen »Football Club« machen, lässt er wissen. McGrath, der mehr Zeit bei Standpauken in Fergusons Büro verbringt als auf dem Trainingsplatz, wird im Sommer 1989 nach Aston Villa abgeschoben. Weit unter seinem Marktwert für 400.000 Pfund.

Er hat kein Bier mehr. Also füllt er ein Glas mit »Domestos«

Für Aston Villa ist der Transfer ein Glücksfall, den sensiblen Verteidiger aber bringt der Wechsel an den Rand der Bettkante, an den Rand seines Lebens. Die Eheprobleme nehmen zu, zudem erkennen die Verantwortlichen McGraths Krankheit, weshalb auch sportlich Probleme drohen. Der Suff ist hier bereits steter Begleiter geworden und wird es bleiben. Noch drei weitere Male versucht McGrath, sich das Leben zu nehmen, irgendwann verschwimmen die Grenzen zwischen Suff und Suizidversuch. Weil nichts anderes mehr im Haus ist, trinkt McGrath verzweifelt ein Pintglas voll mit dem Reinigungsmittel »Domestos« und wartet. Auf den Rausch, auf den Tod, auf irgendwas. Dann wird das Brennen im Brustkorb zu groß und er löscht es mit Wasser, literweise. Er erbricht sich, überlebt und ist wie durch ein Wunder unverletzt. Sein Sohn findet ihn in der Küche.

All diese Abgründe, die Hölle, die sein Leben geworden ist – auf dem Platz sieht man sie nicht. Wegen seiner anhaltenden Knieprobleme kann McGrath unter der Woche zwar kaum noch trainieren, aber in den Spielen ist er wie immer: verlässlich, elegant und nicht selten der beste Mann der Partie. Mit Aston Villa wird er zweimal Vizemeister, zweimal League Cup-Sieger, 1993 wählen ihn die Kollegen zu Englands Fußballer des Jahres. Er nimmt an zwei Weltmeisterschaften teil, beim Turnier in den USA macht er das vielleicht beste Spiel seiner Karriere und bringt Weltstar Roberto Baggio an den Rande der Verzweiflung. Irland gewinnt gegen Italien sensationell mit 1:0. Im Villa Park singen die Fans »Uuh, Aah, Paul McGrath«, ein Chant, den die United-Anhänger bald für den großen Eric Cantona übernehmen. Noch 37-jährig, nun in Diensten von Derby County, führt McGrath sein Team zum Sieg gegen den Titelanwärter Manchester United und wird zum »Man of the Match« gewählt. Er trinkt immer noch. »Man muss sich die Frage stellen, was Paul für ein Spieler hätte sein können«, sagt sein Ex-Trainer Ferguson anerkennend. Ohne seine kaputten Knie. Ohne die Sucht.

 
 
 
 
 
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