Stuttgarts Superlativ

Der gelassenste Meister

Man sah die Bilder von der Schalenübergabe und vom anschließenden Autokorso und fragte sich: Liegt es an der Überraschung, ist es die Mentalität? Denn der VfB Stuttgart feierte den Titel mit der Gelassenheit buddhistischer Mönche. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Es fing schon im Stadion an. Als Fernando Meira die Meisterschale überreicht bekam, hatte der Kapitän die Trophäe zunächst falsch herum in die Höhe gereckt, mit dem eher unspektakulären Sockel nach oben. Offenbar hatte ihn vor der Zeremonie niemand über die wertvollen Intarsien der Trophäe aufgeklärt. Der laxe Umgang mit der Meisterschale geriet später zum hübschen Symbol für die schwäbische Haltung zum Titelgewinn, ganz generell. So unangestrengt, so frei von Großmannssucht und klebrigem Pathos ist wohl lange kein Titel mehr gefeiert worden.

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Nach der Feier im Stadion hatten sich die Spieler in einem rührend improvisierten Autokorso in die Innenstadt gequält, auf der Landkarte lediglich sechs Kilometer, angesichts der feiernden Massen fühlten sich die Spieler allerdings an einen Eisbrecher im Packeis erinnert. Doch auch inmitten des fröhlichen Chaos’ bewahrten die Schwaben ein Gefühl für Sitte und Anstand. Als die Spieler Hitzlsperger und Lauth in einem gerade im Schließen begriffenen Restaurant am Hauptbahnhof vorstellig wurden und darum baten, mal kurz auf die Toilette verschwinden zu dürfen, putzten die Angestellten ungerührt weiter Tische, während der Geschäftsführer die beiden nonchalant wieder nach draußen komplimentierte: »Da könnte ja jeder kommen.« Derweil hatte sich Timo Hildebrand, des Tempolimits im Korso überdrüssig, auf einen Fußmarsch in Richtung Neues Schloss gemacht. Das Ziel erreichte Hildebrand, ohne dass ihn begeisterte Massen erdrückt hätten, ein flanierender Meister überforderte die Vorstellungskraft der Anhänger.

»Tut’s mir die Schale schön putzen«

Dabei hatten die Fans auf dem Schlossplatz zuvor bereits ein Zeichen gelebter Toleranz gesetzt. Als nämlich inmitten der seit Stunden ausharrenden Menschen eine kleine Gruppe, offenbar wegen der musizierenden Fantastischen Vier hier, einen eher ungewöhnlichen Choral anstimmte. Der Schlachtruf entpuppte sich als Liedgut, dessen Erklingen im Herzen der Landeshauptstadt eher Seltenheitswert haben dürfte: »Das schönste Land in Deutschlands Gau’n, das ist mein Badner Land…« Angriffslustige Blicke wurden ausgesandt, allerdings nur von der Sängerschar, die Lust der umstehenden schwäbischen Landsmannschaften auf Raufereien war wenig ausgeprägt.
Anderntags gratulierte Franz Beckenbauer dem VfB-Präsidenten Erwin Staudt per TV, auch er konnte es sich nicht verkneifen, gleich einen frisch gebundenen Strauß mitzuschicken: »Tut’s mir die Schale schön putzen, denn im nächsten Jahr wird sie wahrscheinlich wieder nach München gehen.« Der in seinem Garten sitzende Präsident parierte mit einem müden Schmunzeln. Denn auf eine schwierigere Probe war er nur wenige Stunden zuvor gestellt worden, in Gestalt eines einfachen Taxifahrers. Der Mann nahm seine Fürsorgepflicht für Leib und Leben des Fahrgasts sehr wörtlich, angetan hatte es ihm insbesondere die silberne Schüssel unter Staudts Arm: »Ist sie das?« So gestaltete sich Staudts Heimweg in den frühen Morgenstunden ins 20 Kilometer entfernte Leonberg in Kriechgeschwindigkeit, die gefühlt etwa der des Korsos entsprochen haben dürfte – nur diesmal auf leergefegten Straßen. Auch die Kinder aus Staudts Nachbarschaft hatten ihre Freude an der Salatschüssel, wie ein Lauffeuer verbreitete sich, welch kostbares Gut hier zu besichtigen war. Der Vorsitzende berichtete anschließend, seine Frau habe »ungefähr 641 Fotos gemacht, mit den Kindern und der Schale«.

Die eigentliche Krönung indes sollte mit dem Besuch beim Oberbürgermeister nebst Eintrag ins goldene Buch und Präsentation auf dem Rathausbalkon noch anstehen. 1992 hatte dieses Ritual mangels rechtzeitiger Planung zugunsten eines Flohmarkts weichen müssen. Diesmal war terminlich alles abgestimmt, und um eine Überfüllung des Marktplatzes vor dem Rathaus zu verhindern, war den Fans vorab zum Fernbleiben geraten worden. Doch am Tag X befanden sich die Hartgesottenen noch auf dem Rückweg vom Pokalfinale oder im Krankenstand aufgrund des Hagelschauers vom Vorabend, sodass sich kaum 5000 Unentwegte eingefunden hatten, und die Abwesenden über den Äther wieder zum Kommen aufgefordert wurden. Zu allem Überfluss grüßte von der Fassade gegenüber die überdimensionale Gratulation eines Sponsors »dem deutschen Meister«. Kaum zu verkennen war die notdürftig überdeckte Fortführung des Satzes: »und Pokalsieger 2007«. So recht ärgern wollte sich über die ausgefallene Doppelehrung aber niemand.

Sollte der VfB nun tatsächlich den Titel verteidigen, wird Kapitän Meira wohl die Schale richtig herum präsentieren. Und falls nicht: Man würde es gelassen nehmen, beim VfB Stuttgart.

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„Heldt heißt immer noch Horst“ – Thomas Hitzlsperger im Interview www.11freunde.de/bundesligen/102931 .

„Ich hatte eine superschöne Zeit“ – Heiko Gerber im Interview http://www.11freunde.de/bundesligen/103102 .

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