Stuttgarts Präsidentschaftskandidat Helmut Roleder

»Wir brauchen eine neue Mentalität«

Nachdem Stefan Effenberg mit seiner Machtübernahme bei Borussia Mönchengladbach scheiterte, wagt nun der Ex-Torhüter Helmut Roleder den Sprung ins kalte Wasser: Er will Präsident des VfB Stuttgart werden. Wir sprachen mit ihm. Stuttgarts Präsidentschaftskandidat Helmut Roleder

347 Bundesligaspiele hat Helmut Roleder als Torwart für den VfB Stuttgart bestritten, einmal stand er im Tor der deutschen Nationalmannschaft. 1984 waren es auch seine Paraden, die dem VfB den dritten Meistertitel der Vereinsgeschichte bescherten. Nach dem Ende seiner Laufbahn als aktiver Profi 1987, arbeitete Roleder als Co-Trainer und Scout für den VfB, später versuchte er sich als Journalist, Geschäftsführer und Unternehmer. Heute betreibt er eine eigene Unternehmensberatung. Für die Stuttgarter Fan-Initiative »Aktion VfB 2011« hat sich Roleder nun als Kandidat für eine mögliche Präsidentschaftswahl auftstellen lassen – am 18. Juli 2011 suchen die Mitglieder des VfB einen Nachfolger für den scheidenden Amtsinhaber Erwin Staudt. Weil der Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Hundt mit dem ehemaligen Porsche-Manager Gerd E. Mäuser einen eigenen Kandidaten aufstellte, ohne aber die Mitglieder dazu zu befragen, regt sich nun Widerstand in der aktiven Fanszene. Neben Helmut Roleder versucht auch der Bankmanager Björn Seemann sich als Kandidat aufstellen zu lassen – dafür benötigt es allerdings eine Satzungsänderung, die nur durch eine Drei-Viertel-Mehrheit auf der Mitgliederversammlung beschlossen werden kann. Noch gibt es viele offene Fragen – wir sprachen mit Helmut Roleder.

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Helmut Roleder, Ihr Kollege Stefan Effenberg hat soeben als Präsidentschaftskandidat in der Mitgliederversammlung von Borussia Mönchengladbach eine herbe Niederlage erlitten. Warum tun Sie sich das also an?


Helmut Roleder: Stefan Effenberg wollte eine brachiale Veränderung – und selbst Sportdirektor werden. Ohne ihm nahe treten zu wollen, aber ich glaube, dass mir ein anderer Ruf vorauseilt als ihm. Stefan Effenberg war in den vergangenen Jahren ständig in den Medien präsent, auch und vor allem im Boulevard. Und das teilweise mit Geschichten, die nicht mehr viel mit Fußball zu tun hatten. Ich habe nach meiner Karriere als Scout und Co-Trainer für den VfB Stuttgart und anschließend als Leiter eines mittelständischen Unternehmens, als Geschäftsführer und Unternehmensberater gearbeitet.

Das heißt, im Gegensatz zu Stefan Effenberg sind Sie ein seriöser Kandidat?

Helmut Roleder: Ich würde Effenberg niemals als unseriös bezeichnen. Mir geht es um den Erfolg meines Vereins, nicht darum, selbst eine Machtposition zu bekommen. Ich bin ein Erfolgsmensch, kein Machtmensch und überzeugt, dass ich dem Amt als Präsident des VfB Stuttgart durch meine sportliche Vergangenheit beim VfB und meinen beruflichen Erfahrungen in den vergangenen Jahren gewachsen bin.

Warum besteht überhaupt Anlass für eine Initiative wie die »Aktion VfB 2011«?

Helmut Roleder: Die abgelaufene Saison ist zum Glück schadenfrei beendet worden, aber der Abstiegskampf und die ständige Unruhe im Verein haben doch deutlich gemacht, dass Missstände vorhanden sind. Das zeigt sich auch bei der Präsidentschaftswahl: Die Mitglieder vom VfB haben bislang keine Möglichkeit einen eigenen Kandidaten aufzustellen oder zu bestimmen. Das tut der Aufsichtsrat in Person des Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt. Und die Mitglieder können diesen Kandidaten, in unserem Fall Gerd E. Mäuser, dann lediglich abnicken. Das zu ändern ist unser Ziel.

Dafür benötigen Sie allerdings eine Satzungsänderung, die nur dann beschlossen werden könnte, wenn bei der Mitgliederversammlung am 18. Juli 2011 eine Drei-Viertel-Mehrheit für eine solche Änderung stimmt.

Helmut Roleder: Genau. Das wird sehr schwierig, aber das muss mein Ziel als Kandidat der »Aktion VfB 2011« sein.

Was bemängeln Sie eigentlich konkret an der Arbeit des aktuellen VfB- Präsidenten Erwin Staudt?

Helmut Roleder: Erwin Staudt hat gute Arbeit geleistet. Doch auch er hat keine sportliche Kontinuität geschaffen. Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie der damalige VfB-Manager Dieter Hoeneß nach der Meisterschaft 1992 zu mir gesagt hat: »Und jetzt Europa!« Das Ziel, den VfB Stuttgart langfristig als Spitzenmannschaft in Europa zu installieren, ist allerdings bis heute nicht erreicht worden. Nicht nach der Meisterschaft 1992 und nicht nach der Meisterschaft 2007. Das muss aber der Anspruch des VfB sein. Sonst entsteht der Eindruck, wir würden alle paar Jahre nur aus Versehen Deutscher Meister werden.

Was bedeutet das für die Arbeit der aktuellen VfB-Führung?

Helmut Roleder: Den VfB Stuttgart zu einer Marke zu machen, zu einem Verein mit einer klaren Vision und einer klaren Philosophie, das hat man bislang nicht geschafft. Deswegen muss alles im Verein, egal ob Scouting, Jugendarbeit, Mannschaftsführung, Management akribisch durchleuchtet und erfolgsorientiert justiert werden. 

Wie lautet Ihre Philosophie?

Helmut Roleder: Wir haben dafür einen griffigen Slogan gewählt: 
»Schwaben – bereit für Europa«. Das soll der Kern der neuen VfB-Mentalität werden: Die innere Überzeugung, dass dieser Verein gut genug für den europäischen Spitzenfußball ist. Quasi unser »Mia san mir«. Dafür müssen alle sportlichen und wirtschaftlichen Potenziale der Region optimal genutzt werden. Aber auch auf internationaler Ebene müssen wir uns besser orientieren. Vor Jahren gab es in Stuttgart eine Liste talentierter ausländischer Talente, die noch günstig zu haben waren. Keiner landete beim VfB – einige spielen heute in europäischen Spitzenteams. 

Die Pläne der »Aktion VfB 2011«, die am vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurden, sind noch sehr vage. Welche Pläne haben Sie konkret?

Helmut Roleder: Wir stehen erst am Anfang unserer Öffentlichkeitsarbeit, doch konkrete Pläne für die einzelnen Bereiche gibt es. Bloß ist der Zeitpunkt noch nicht gekommen, diese Pläne offen zu legen. Das wird aber in naher Zukunft passieren.

Sprechen wir darüber: Was gefällt Ihnen an der Zusammenarbeit der Vereinsführung mit dem Trainerteam nicht?

Helmut Roleder: Der Verschleiß der Trainer war in den vergangenen Jahren zu groß. Da brauchen wir einfach mehr Konstanz und eine auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegte Philosophie. Ein Vorbild könnte Werder Bremen sein, wo mit Thomas Schaaf und Manager Klaus Allofs seit Jahren ein Team harmoniert und selbst in kritischen Phasen mit der Unterstützung des Vorstandes rechen kann. Jeder neue Trainer kostet Geld und verändert die Philosophie des Klubs – denn er bringt natürlich eigene Ideen und Vorstellungen mit ein. Das, finde ich, ist nicht immer zum Vorteil des Vereins.

Mit Blick auf die jüngste Vergangenheit des VfB Stuttgart: Welche Personalentscheidung war unnötig?

Helmut Roleder: Christian Gross war ein sehr guter Trainer, aber als dann der Erfolg ausblieb, fehlte ihm die nötige Unterstützung. Das ist darauf zurückzuführen, dass es vor der Saison Dissonanzen in der Planung gab.

Stichwort Nachwuchsförderung: Was gibt es da zu bemängeln? Die Jugendarbeit beim VfB gilt doch deutschlandweit als vorbildlich.

Helmut Roleder. Ja, aber wenn es darum geht, die Talente aus der Jugend in der Bundesligamannschaft zu integrieren, gibt es Nachholbedarf. Junge Talente, wie beispielsweise Andreas Beck oder Sebastian Rudy, durchlaufen die Stuttgarter Jugendmannschaften, werden dann allerdings von einem anderen Klub abgeworben – oder vom VfB abgegeben. Der Verein darf nicht nur Ausbilder sein, sondern Profiteur von der Leistungsfähigkeit der Talente.

Aber Beck wurde bei der TSG Hoffenheim zum Nationalspieler.

Helmut Roleder: So einem Spieler muss man aber bewusst machen, welche Möglichkeiten er beim VfB Stuttgart hat! Der VfB muss ein Klub sein, den junge Spieler nur äußerst ungern verlassen, weil sie wissen, dass es hier ein erfolgreiches Konzept gibt, einen Plan. Diese Mentalität, dieses Image, muss der VfB Stuttgart haben.

Und das hat er aktuell nicht?

Helmut Roleder: Als es in dieser Saison kurz so aussah, als wäre der Klassenerhalt in der Bundesliga vielleicht doch nicht zu schaffen, da schien es mir, als würde der Verein zu wenig Gegenwehr gegen den drohenden Untergang zeigen. Vielleicht war das mein persönliches Empfinden, aber eigentlich muss man doch an jedem Spieltag spüren, dass ein Abstieg des VfB Stuttgart so gut wie unmöglich ist, dass der Verein dauerhaft ans andere Ende der Tabelle gehört. Das meine ich, wenn ich von einer neuen Mentalität spreche.

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