St.Pauli-Fans wehren sich gegen eine Stadionwache

Mein Nachbar, der Polizist

Der FC St. Pauli baut seit 2006 an einem neuen Stadion. Zur Fertigstellung fehlt unter anderem noch der Umbau der Gegengerade. Dort soll allerdings direkt neben den Fanräumen eine Polizeiwache einziehen – sehr zum Unwillen der Fans.

Ein Stadion erzählt Geschichten. Von Aufstiegen oder Weltpokalsiegerbesiegerspielen zum Beispiel, von Derbyschlachten, vom Jubel in der letzten Minute, von Grätschen auf der Torlinie, blutigen Schläfen, von bitteren Niederlagen, von Abstiegen. Ein Stadion ist für viele Fans ein heiliger Ort, manche nennen es deswegen auch Kathedrale oder Tempel.

Die Gegengerade im Hamburger Millerntor-Stadion ist für St.Paulianer noch ein bisschen heiliger als der Rest des Stadions, denn es erzählt nach all den Jahren – nach Totenkopf, Freudenhaus, Kult, Retter – immer noch die Geschichten aus den Achtzigern, als hier die Punks und Hafenstraßenbewohner einzogen, und aus einem biederen Fußballklub mit rechten Tendenzen in Fankreisen ein Sammelbecken verschiedener Sub- und Gegenkulturen machten. Die Gegengerade war viele Jahre dreckig und laut. Sie war Ausdruck, Zuflucht und Heimat. Die Wiege der Fankultur.

Erst wurde »die Welle« abgelehnt, dann sollte die Polizei einziehen

Nun wird diese Gegengerade umgebaut. Als dritter Abschnitt des neuen Millerntor-Stadions, das bald 30.000 Zuschauern Platz bieten soll. In den vergangenen Jahren wurde viel darüber diskutiert, wie die neue Gegengerade denn auszusehen habe. Ein Architektenbüro bestehend aus St.Pauli-Fans entwickelte etwa eine bis zu 14.000 Zuschauer fassende Tribüne über vier Ränge, sie sollte 136 Meter lang sein, 27 Meter hoch, 32 Meter tief. Die Oberränge sollten sich wieder zurück in Richtung Spielfeld staffeln. Sie hieß deswegen im Volksmund »Die Welle« und wurde von vielen St.Pauli-Fans goutiert, denn sie stellte in dieser Form einen Gegenentwurf zu all den Tribünen anderer Bundesligastadien dar, die sich mitunter so sehr ähneln, dass man glauben könnte, sie seien allesamt von der Stange gekauft. Doch die Welle verlor gegen einen konventionellen Entwurf. Es nennt sich Basismodell, wenngleich es sich immer noch von herkömmlichen Tribünen unterscheidet. Und so arrangierte sich die Fans irgendwann wohl oder übel mit den Plänen. 

Doch im Laufe der Zeit sickerten Details aus den Plänen der neuen Tribüne durch, die niemand so richtig toll fand. Sie waren schon im Frühjahr 2011 einer kleinen Öffentlichkeit bekannt, doch damals sah scheinbar niemand die Dringlichkeit auf sie hinzuweisen. Die Gegengerade sollte – egal ob Basismodell oder Welle – eine Polizeiwache beherbergen, die sich laut Plänen direkt neben den Fanräumen befindet. Dafür wollte die Polizei die alte Domwache auf dem Heiligengeistfeld aufgeben, die nicht mehr ihren Ansprüchen genügte. Die Vereinbarung wurde in der Ära Corny Littmann getroffen, irgendwann 2005/2006.

Im Grunde ist dieser Vorgang nicht ungewöhnlich, schließlich muss ein Stadion laut Verbandsstatuten eine Polizeiwache und einen Arrestbereich haben. Die Fans stoßen sich dennoch an den Plänen, denn es  handelt sich nicht um eine Wache, die ausschließlich an Spieltagen öffnet, sondern darüber hinaus drei mal im Jahr für jeweils einen Monat durchgängig in Betrieb ist – und zwar immer dann, wenn der »Dom«, das große Hamburger Volksfest, stattfindet.

Corny Littmann unterschätzte die Wirkung dieser Vereinbarung

»Man hätte früher darüber diskutierten müssen«, sagt Sönke Goldbeck. »Doch Corny Littmann hatte kein Gefühl für die Fanszene. Er hat anscheinend nicht geahnt, dass diese Entscheidung bei uns nicht gut ankommt.« Goldbeck geht seit Mitte der neunziger Jahren ins Millerntor-Stadion, er steht auf der Gegengerade. Seit Anfang 2011 ist er zudem Mitglied der AG Stadionbau. Die Initiative begleitet und berät die Vereinsführung bei Planung und Durchführung der Stadionneubauten und versteht sich darüber hinaus als kritische Instanz, die zwischen der Klubführung und den Fans den Dialog hält. Sie versucht etwa seit über einem Jahr, andere Räume für die Polizeiwache durchzusetzen und hat dabei auch mit Architekten aus den eigenen Reihen verschiedene alternative Varianten entworfen. Die ursprüngliche Forderung war eine Umsetzung unterhalb der Gästeblocks in der Nordkurve.

Woran man sich in der Fanszene indes am meisten stört, ist die ideologische Unvereinbarkeit der möglichen neuen Nachbarn. »Vergessen Sie die Davidwache. Hier kommt Ihr Großkultrevier!«, schreibt etwa Gegengeraden-Gerd in seinem satirischen Text »Traumquote mit der Goliathwache«. Und auf dem Blog stpauli.nu schreibt der Autor vom »Finale des Mythos der Gegengerade. (...) Vergleichbar mit einer Roten Flora mit Schüco-Fenstern und Starbucks-Filiale«.

Zum gemütlichen Plausch auf Kaffee und Zigarette

Wahrlich mutet dieses Szenario grotesk an: Eine Fan-Polizei-WG im Erdgeschoss der Gegengerade, dort also, wo alles begann. Dort, wo man sich in den achtziger Jahren mit den Bewohnern der besetzten Hafenstraßenhäuser im Kampf gegen die harte Hand der der Stadt und der Polizei positionierte. Und nun soll man sich unter der Woche zum gemütlichen Plausch auf Kaffee und Zigarette auf den Gängen vor der Gegengerade treffen?
Auch heute noch ist das Verhältnis der beiden Lager gestört. Im Januar dieses Jahres wurden etwa 1000 St.Pauli-Fans bei einem Hamburger Hallenturnier eingekesselt, während rechte Schläger durch die Halle marodierten. Für das Spiel gegen Hansa Rostock am Sonntag hatte die Polizei nicht nur die Auswärtsfans ausgeschlossen, sondern auch ein »Gefahrengebiet« mit Sonderrechten eingerichtet, trotzdem soll es nach dem Spiel gegen Hansa Rostock zu Krawallen auf den Straßen gekommen sein. Von »rund 400 St.Pauli-Randalierern« schreibt die Hamburger Morgenpost. Tatsächlich habe die Polizei, so Goldbeck, auf eine sehr kleine Gruppe von Störenfrieden mit unverhältnismäßigen Mitteln reagiert. Auch wegen solchen Vorfällen glaubt Goldbeck, dass eine »Entzerrung der Situation im Sinne der Polizei sein« sollte.

»Ich möchte das zum jetzigen Zeitpunkt nicht dramatisieren«

Der Klub hat sich mittlerweile auch positioniert. Nach anfänglichem Unverständnis, hat die Führungsspitze erkannt, wie sensibel das Thema in Fankreisen ist. Vom Verein steht Vizepräsident Dr. Gernot Stenger seit geraumer Zeit in Kontakt mit der Polizei und der AG Stadionbau. »Ich kann verstehen, dass es für die Anhänger ein ungemütlicher Zustand wäre«, sagt er. »Ich möchte das aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht dramatisieren.« Er weist zwar darauf hin, dass sich die Wache im Stadion nur in direkter Nachbarschaft zu den Fanräumen realisieren ließe, also nach den verabschiedeten Plänen nicht im Bereich der Nordkurve. Dennoch hält er es für möglich, dass die alte Domwache entsprechend saniert und modernisiert wird: »Wenn der Platz ausreicht und die Kosten dies hergeben.« So würde für die Polizei überhaupt nicht mehr die Notwendigkeit eines Umzugs ins Stadion bestehen. Er glaubt, dass die Polizei in diesem Falle auch mit sich reden lasse. Eine Entscheidung soll in den nächsten Wochen fallen.

Für alle Beteiligten scheint das die beste Lösung zu sein. Die Polizei müsste nicht als von vornherein unbeliebter Mitbewohner ins Erdgeschoss der Gegengerade ziehen, die Fans könnten weiterhin in Ruhe ihre Zigarette rauchen und die knapp 600 Quadratmeter, die für die Wache vorgesehen waren, könnten anders genutzt werden. An dem Punkt stößt sich Goldbeck nämlich vornehmlich. Denn eine Stadionwache muss laut Statuten nicht mal 300 Quadratmeter groß sein. Und Platz ist ein kostbares Gut am Millerntor. Auf der Geschäftsstelle soll es mittlerweile recht eng geworden sein. Für das Museum, von dem man schon länger träumt, gibt es immer noch keine Räumlichkeiten. Und das sollte einem Verein wie dem FC St. Pauli und der Stadt Hamburg wichtiger sein als eine Polizeiwache in Turnhallengröße.

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