Stefan Kuntz im Interview

»Meine Oma hatte Recht«

Stefan Kuntz ist der Barack Obama der Pfalz: Unter seiner Ägide wurde der FCK wieder zum Aufstiegskandidaten. Hier erzählt er, wie er Frust mit Gartenarbeit therapiert und es ihm gelang, dass der Sparkassenleiter wieder grüßt. Stefan Kuntz im InterviewCarsten Meissner
Heft #88 03/2009
Heft: #
88
Stefan Kuntz, nach Ihren Jobs als Spieler, Trainer und Manager sind Sie nun Vorstandsvorsitzender. Was kann jetzt noch kommen?

Die Frage stelle ich mir nicht, denn ich habe gerade das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

[ad]

Trotzdem fällt es schwer, sich eine einen Vollblutfußballer wie Sie als obersten Funktionär vorzustellen.


Ich habe mir nach meiner aktiven Laufbahn oft die Frage gestellt, was mich beruflich am meisten reizt. Und ich glaube, die Gabe die ich habe, kann ich in dieser Position derzeit am besten an den Mann bringen.

Welche Gabe meinen Sie?


Menschen für eine Sache zu begeistern.

Und das ist einfacher, wenn Sie im FCK-Vorstand sind, als beim VfL Bochum Manager?


Ursache für meinen Wechsel war, dass ich in Bochum nicht mehr weiterarbeiten wollte. Eine Möglichkeit wäre gewesen, in sportlicher Funktion, zu einem anderen Klub zu wechseln. Aber dort wäre ich wieder sehr nah am Sport gewesen – zuständig für die Mannschaft und das Drumherum. Das wollte ich nicht.

Aber warum nicht?


Weil mir die Gesamtheit der Aufgaben, die in einem Verein auf einen zukommen, mehr Spaß machen als die reine Verantwortung für das Sportliche.

Mit anderen Worten: Sie haben den Geschäftsmann in sich entdeckt?


Wenn man so lange wie ich den Job als Fußballer gemacht hat, merkt man überhaupt nicht, dass man noch andere Fertigkeiten besitzt. Aber ich hätte nie den Job in Kaiserslautern übernehmen können, wenn ich nicht zwei Jahre in Bochum gearbeitet hätte. Die Zusammenarbeit mit Ansgar Schwenken und den vielen guten Mitarbeitern beim VfL war ungemein lehrreich und außerdem ist der VfL eine seriös und solide geführter Verein.

Dabei waren Sie immer vom Herzen Fußballer. Warum liegt Ihnen die konzeptionelle Tätigkeit mehr als der Trainerjob?


Ich habe den Trainerjob unterschätzt. Wenn man wie ich 16 Jahre Profi war und einen diese Tätigkeit so sehr ausfüllt, will man auch nach Ende der aktiven Laufbahn irgendwie dabei bleiben. Also wurde ich Trainer. Bei Borussia Neunkirchen und beim KSC habe ich das auch noch ganz gut hinbekommen. Doch nach und nach bekam ich den Eindruck, dass ich einige Eigenschaften, die man als Trainer braucht, gar nicht ausgebildet habe.

Zum Beispiel?


Ich habe immer geglaubt, dass alle Spieler so denken wie ich als Aktiver gedacht habe. Aber ein Trainer darf nie von sich auf andere schließen. Inzwischen habe ich gemerkt, dass man das, was ich mir unter Disziplin und Ordnung vorstelle, anders durchdrücken muss, als mit einem tendenziell demokratischen Führungsstil. Dann war ich 2003 nach dem Trainerjob beim LR Ahlen ein Jahr lang arbeitslos, was einen gravierenden Einschnitt zu meiner Einstellung zum Fußball bedeutete.

Sie ereilte das Schicksal des kleinen Mannes auf der Straße…


... denn ich war das erste Mal raus aus der Fußballwelt. Es ist ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn nach drei, vier Monaten plötzlich das Handy nicht mehr klingelt. Manchmal habe ich mich anrufen lassen, um zu wissen, ob das Ding überhaupt noch funktioniert. Plötzlich war ich gezwungen, selbst in der Geschäftsstelle nach Tickets zu fragen. Und dann kennt einen auf einmal die Dame am Empfang nicht mehr, weil sie neu ist.

Das ist Ihnen passiert?


Einmal habe ich sogar aufgelegt, weil die Dame mich nicht erkannte. Es war mir peinlich. Aber was erwarte ich? Zu dem Zeitpunkt war ich sieben Jahre raus aus dem Profigeschäft. Da kann es schon vorkommen, dass sich jemand nicht mehr an einen erinnert.

Letztlich ist ein Stückchen wiedergewonnene Anonymität aber doch zu verkraften.


Natürlich, aber Sie müssen bedenken, dass ich zu dieser Zeit auch kein Geld verdiente. Es nagt sehr am Selbstbewusstsein, wenn man plötzlich feststellt, dass man das, was man am besten konnte, nicht mehr machen kann.

Welche Konsequenzen haben Sie aus dieser Situation gezogen?


Ich bin zum Arbeitsamt gegangen, habe eine Nummer gezogen, mich in den Gang gesetzt und mir eine Beratung geben lassen. Vielleicht wollte ich sehen, wie leidensfähig ich bin. Jedenfalls setzte ich relativ hart in der Realität auf. 

Wie haben Sie in der Zeit der Arbeitslosigkeit die Tage verbracht?


Ich habe in meinem Garten angefangen, eine Böschung mit Naturstein abzufangen. Das waren am Anfang vielleicht sieben, acht Meter, die ich befestigen wollte. Nachher habe ich 100 Meter Mauer gebaut, weil ich etwas Sinnvolles machen wollte und am Ende eines Tages sehen wollte, was ich geschafft hatte. Ich bin kein Therapeut, aber zumindest hat es mir das Gefühl gegeben, dass ich außerhalb des Fußballs irgendwas kann – wenn auch nur eine Trockenmauer.

Wie kam Ihre Frau damit zurecht, plötzlich den hyperaktiven Frührentner zuhause zu haben?


Die merkte natürlich, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Sie gab mir den Tipp, eine Fortbildung zu machen. Daraufhin habe ich ein halbjährliches Fernstudium in modernem Fußballmanagement absolviert.

Mit Erfolg, wie wir heute wissen.


Während des Fernstudiums sprang bei mir im Kopf etwas an – ich fasste wieder Mut. Ich entwickelte den Ehrgeiz, bei den Klausuren gut abzuschneiden. Aber der Kurs ging vorbei und ich geriet wieder in ein kleines Stimmungstal. Dann kamen die Ergebnisse, ich hatte volle Punktzahl erreicht und teilte es meiner Frau beiläufig mit. Da platzte ihr der Kragen. Sie sagte: »Ich merke dir überhaupt keine Freude an. Lerne endlich auch mal auf etwas anderes Stolz zu sein, als Erfolge im Fußball!« 

Warum fiel Ihnen das so schwer?


Weil ich immer noch mit mir rang, was ich konkret mit meinem Leben machen sollte. Ich wollte nicht mehr Trainer sein, war aber nicht sicher, ob ich mir das Management zutraute.

Was hätten Sie getan, wenn Ihnen in dieser Phase ein Trainerjob angeboten worden wäre?


Meine Oma hat immer gesagt: »Man muss bereit sein, eine Tür zu zu machen, damit eine andere auf geht.« Mal wieder hatte sie recht. In diesen Tagen gab ich einem befreundeten Journalist ein Interview. Im Nebensatz ließ ich fallen, dass ich keinen gesteigerten Wert mehr darauf lege, Trainer zu sein. Am nächsten Tag war es natürlich eine der Überschriften im Sportteil. Kaum war die Zeitung raus, klingelte bei mir das Telefon und ein Drittligist fragte an: »Wir wissen, dass keine Lust mehr darauf haben, aber könnten Sie bei uns im Januar als Trainer anfangen? Dann würden wir Sie im Sommer als Manager übernehmen.«

Was Sie natürlich ablehnten?


(Lacht.) Ich bat um Bedenkzeit. Als ich mit meiner Frau darüber sprach, tippte sie sich an den Kopf und fragte: »Stefan, was willst Du? Soll ich Dir noch mal zeigen, was Du heute in der Zeitung gesagt hast?« Also habe ich abgesagt…. 

…und angefangen, die nächsten 100 Meter Böschung zu befestigen?


Musste ich nicht, denn am gleichen Abend riefen die Leute aus Koblenz an und fragten, ob ich dort Manager werden wolle.

Glauben Sie an Schicksal?

Nee, nur dass an den Erfahrungen und Weisheiten meiner Oma einiges dran ist.

Bei der TuS Koblenz konnten Sie sich als Manager direkt am lebenden Objekt erproben.


Und es war mir vom ersten Tag an klar, dass es der richtige Job für mich ist.

Gab es Manager, die für Sie in dieser Situation Vorbildfunktion besaßen?


Wenn überhaupt, dann wäre das Uli Hoeness. Was er alles mit einer totalen Identifikation für einen Verein und derartiger Kompetenz als ehemaliger Spieler für den FCB erreicht hat, ist beeindruckend. Ich glaube, ich habe eine gesunde emotionale Intelligenz und den Umgang mit Menschen von Zuhause mitbekommen. Und ich habe von Anfang an darauf geachtet, Leute in mein Team zu holen, von denen ich weiß, dass sie Dinge besser können als ich.

Was können Sie denn nicht so gut?


Ich habe Mittlere Reife, kein Abitur oder Studium. In jedem Bereich braucht es Spezialisten, die zum Beispiel  Organigramme erstellen, Arbeitsplatzbeschreibungen aufsetzen oder die Finanzbuchhaltung übernehmen. Ich kann beurteilen, was im Fußball funktioniert und was nicht.

Nach den Selbstzweifeln während der Zeit Ihrer Arbeitslosigkeit, hatten Sie 2008 dann kein Problem einen gut dotierten Job als Bundesliga-Manager beim VfL Bochum zu kündigen?


Der Grund für meinen Abschied in Bochum war, dass der Aufsichtsrat und ich unterschiedliche Auffassungen von der Führung und Ausrichtung des Vereins hatten.

Aber in der Saison 2007/08 lief es in Bochum doch überdurchschnittlich gut.


Trotzdem können Meinungsverschiedenheiten auftreten…

Außerdem lag Ihnen ein Angebot vom 1.FC Kaiserslautern vor.


Stimmt, aber bei diesem Wechsel spielte auch das Glück eine große Rolle. Denn als ich im Frühjahr 2008 eine Pro- und Contra-Liste bezüglich eines Wechsels zum FCK aufstellte, gab es praktisch nur Gründe, die dagegen sprachen.

Hätten Sie in Bochum gekündigt, wenn es kein anderes Angebot gegeben hätte?


Wahrscheinlich hätte ich etwas länger mit den unterschiedlichen Ansichten gerungen.

Sie kamen zu einem Verein, der kurz vor der wirtschaftlichen Abwicklung stand und sechs Spieltage vor Saisonende acht Punkte vom Nicht-Abstiegsplatz entfernt war. Sie hätten sich ordentlich den Ruf versauen können.


Am Ende war es eine Bauchentscheidung, den Job hier zu übernehmen.

Wussten Sie, wie prekär die wirtschaftliche Situation ist?


Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Dieter Buchholz und Vorstand Erwin Göbel haben mir alle Zahlen zur Verfügung gestellt und mir ungeschönt mitgeteilt, wie es um den Klub bestellt war. Aber in dieser Zeit passierte etwas Seltsames: Einige Lokalreporter hatten mitbekommen, dass Kontakt zwischen mir und dem FCK bestand. Nichts davon erschien aber in der Zeitung. Hinterher haben die Journalisten mir gestanden, sie hätten es nicht veröffentlicht, um die Sache nicht scheitern zu lassen. Es war ein erstes gutes Zeichen.

Haben Sie in irgendeiner Form durchgecheckt, wie groß Ihre Aussichten auf Erfolg waren?


Ich habe mit einigen Großsponsoren gesprochen, was passieren würde, wenn wir absteigen.

Wie haben die reagiert?


Jedenfalls nicht nach dem Motto: »Junge, mach‘ Dir keine Sorgen, wir machen alles mit.« Ein Freund bei Lotto Rheinland-Pfalz sagte: »Stefan, wenn du wirklich Vorstandschef in Kaiserslautern werden willst, darfst du nicht warten bis alle hinten im Wagen sitzen, ehe du anfängst zu ziehen. Du musst den leeren Wagen ziehen und hoffen, dass möglichst viele Leute aufspringen.« Dazu war ich bereit.

Wie ein pfälzischer Barack Obama sagten Sie also: »Yes, we can«. Dabei waren die Pfälzer zu dieser Zeit ziemlich genervt von Ihrem FCK.


In der Stadt war das Wir-Gefühl abhanden gekommen. Bis ich 1995 den Klub verließ, war jeder Bürger in der Stadt »FCK« - vom Vorstand bis zur Frau auf dem Wochenmarkt, die einem Möhren verkaufte. Als ich letztes Jahr zurück kam, hieß es nur noch: »Die da oben.« Daran mussten wir schleunigst etwas ändern.

Leichter gesagt, als getan?


Unsere erste Amtshandlung war die Initiierung der »Herzblut«-Kampagne und der visuelle Schulterschluss im Stadion von Vorstand, Team und Fans. Durch verbilligte Ticket hatten wir in den letzten vier Heimspielen im Schnitt 4500 Zuschauer mehr, die sich von der Kampagne zumindest dahingehend aufrütteln ließen, dass sie offensichtlich nicht Schuld daran sein wollten, wenn wir absteigen. Da erwachte bei den Leuten dieser Geist: »Ich gehe jetzt noch vier Mal hin und schau mir das alles an, egal, ob die absteigen oder nicht. Aber bis es soweit ist,  unterstütze ich die Jungs.« So drehte sich die Stimmung – und mit der Begeisterung fing auch die Mannschaft wieder Feuer. Die Spieler spürten auf einmal, dass sie nicht mehr für jeden Fehlpass ausgepfiffen wurden und setzten nach. Milan Sasic‘ Arbeit fruchtete immer mehr und mit dem nötigen Glück kam schließlich der Erfolg zurück. 

Marketingkampagnen sind ein sensibles Thema. Inwieweit haben Sie an den Erfolg der Aktion geglaubt?

Sicher war ich mir in keinem Moment. 

Wieviel Anteil tragen Sie am Erfolg der Aktion?


Ich habe zumindest gemerkt, dass es den Fans eine Form von Hoffnung gab, dass ich wieder da bin. Das Vertrauen war groß. Auf diese Weise gab meine Präsenz einigen offensichtlich die innere Rechtfertigung, den Klub doch bis zum letzten Moment zu unterstützen.

Sie sind gelernter Polizist. Entsprach es auch Ihrem Gerechtigkeitssinn, diesen Job zu übernehmen.


Wem gegenüber?

Der Welt, dem Schicksal, wem auch immer. Sie mussten die Dinge richten.


Ich habe dem FCK und der Stadt vieles zu verdanken. Das mag im Unterbewusstsein eine Rolle gespielt haben, hat aber bestimmt nichts damit zu tun, dass ich Polizist war.

Wie haben Sie die nervenaufreibende Zeit  im Abstiegskampf weggesteckt?


Im Überschwang der Gefühle habe ich 1990 mal gesagt: »Ich lebe und sterbe für den Verein.« Zugeben, etwas pathetisch. Um Ihre Frage zu beantworten: Es hat mir enorme Kraft gegeben, wieder bei meiner Familie und meinen Freunden zu sein. Zu Bochumer Zeiten hatte ich eine Wochenendbeziehung. Hinzu kam eine enorme emotionale Bindung, die ich zu dieser Stadt habe. Meine Eltern stammen aus Lautern und haben sich hier auf der Kirmes kennen gelernt. Meine gesamte Verwandtschaft kommt aus dieser Stadt. Wenn ich durch die Fußgängerzone gehe, sehe ich den Metzger, der mir als Kind eine Scheibe Wurst in die Hand gedrückt hat. All das hat mir viel Energie für die Aufgabe gegeben.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn der FCK in die 3. Liga abgestiegen wäre?


Ja, sehr häufig. Ich habe oft gesagt, dass es relativ unproblematisch dort weiter gegangen wäre. Wenn ich heute darüber nachdenke, stelle ich fest: »Ich muss sehr blauäugig gewesen sein.«

Inwiefern?


Einen konkurrenzfähigen Kader aufzustellen und die Leute nochmal so zu begeistern, wäre sehr, sehr schwer geworden.

In einem Artikel über die TSG Hoffenheim hieß es neulich, ein großer Vorteil sei, dass dort keine »Zombies« im Verein säßen: alte Veteranen, die bei allem mitreden wollen.


Wenn einer sagt: »Früher war nicht alles schlecht und heute ist nicht alles besser«, komme ich damit klar. Wenn einer aber sagt: »Das haben wir schon immer so gemacht«, ist das genau der Zombie, den Sie meinen, und von dem werden wir uns trennen. Uns ist es aber auch schon gelungen, Leuten zu erklären, warum wir es jetzt anders machen. Wenn sie die kreativ an diesem Vorgang beteiligen, kann aus dem einstigen Zombie ein wertvoller Mitarbeiter werden. Es gibt natürlich auch welche, die überhaupt keine Verantwortung übernehmen, sondern nur ihren Senf abgeben wollen – nennen wir sie »Zombie-Zombies«. Vor denen haben Sie nur Ruhe, solange Sie erfolgreich sind.

Und in schlechten Zeiten befeuern sie die Boulevardmedien.


Es ist ja so: Als es in den letzten Jahren schlecht um den FCK stand, hatte jeder, der es ernsthaft gewollt hätte, doch die Möglichkeit, sich auch mit dem Risiko des Abstieg in die Dritte Liga einzubringen. Mit welchem Recht wollen die uns denn nun kommen, wenn wir oben mitspielen oder – ich spinn jetzt mal – irgendwann in der Bundesliga Zwölfter statt Achter werden?

Das heißt, Sie haben sich durch das erfolgreiche letzte Jahr einen Vertrauensvorschuss erarbeitet?


Es wird hier honoriert, wenn man zugunsten des FCK ein Risiko eingeht, also müsste schon jemand mit stichhaltigen Argumenten kommen.

Bei Eintracht Frankfurt etwa sind Charly Körbel, Ralf Weber oder Norbert Nachtweih auf verschiedene Weise zu überschaubaren Konditionen in den Verein eingebunden. Könnten Sie sich ähnliches vorstellen?

Wir sind derzeit noch nicht in der Lage, für so etwas zusätzlich Geld auszugeben. Aber wo Bedarf ist, haben wir Leute zurückgeholt: Karl-Heinz Emig trainiert die U17, Frank Lelle leitet das Nachwuchsleistungszentrum, Ex-Präsident Norbert Thines hilft bei der Betreuung der Gastmannschaften und repräsentativen Aufgaben. Und so gibt es noch einige, die wir einbinden werden. Aber nur, wenn mit Herzblut gearbeitet wird. 

Ein wichtiger wirtschaftlicher Erfolg war, dass Sie als Vorstandschef die jährliche Stadionmiete von 3,2 auf 1,8 Millionen Euro drücken konnten.


Ohne dieses Entgegenkommen der Stadt und der Betreibergesellschaft wären womöglich die Lichter ausgegangen. Dr. Ohlinger und ich sind ins Rathaus und haben sehr offen mit den Leuten dort gesprochen. 

Wie ist unter dem wirtschaftlichem Druck, der hier vorherrscht, Ihre Einstellung zur 50+1-Regelung?


Ich bin nach wie vor für die Beibehaltung. Fußball ist ein bewährtes Gut. Unsere 2. Liga hat den fünfthöchsten Zuschauerschnitt in Europa. Mit der Zentralvermarktung fahren die deutschen Klubs sehr gut und die Vereine stehen durch das Lizenzierungsverfahren auf finanziell gesunden Beinen. In welche wirtschaftlichen Abgründe Klubs schauen, die sich von einem Investor abhängig machen, sehen wir gerade teilweise in England.

Hören wir da ein bisschen Schadenfreude raus?


Es ärgert mich zumindest nicht, wenn sich bei Clubs, die mit Wahnsinnssummen um sich schmeißen, die teuren Spieler Disziplinlosigkeiten zeigen, weil der Club menschlich nicht mit ihnen zu Recht kommt. Ich bin der Überzeugung, dass ein Klub, der konzeptionell einen klar erkennbaren roten Faden vorgibt, mittelfristig immer Erfolg hat. Deshalb spielen derzeit auch bei uns die meisten Jugendteams oben mit – weil wir eine gemeinsame Linie vorgeben und Werte wie Respekt, Anstand und soziales Miteinander vermitteln.

Mussten Sie am Anfang eigentlich viele Klinken putzen?


Es ging. Wir haben relativ schnell Vertrauen gespürt. Es ist einfacher, eine rostige Liebe wieder aufleben als eine neue entstehen zu lassen.

Auch bei der örtlichen Sparkasse?


Die hatte dem FCK zwischenzeitlich den Geldhahn zugedreht. Wir haben unsere Situation und die Zusammenarbeit derart verbessert, dass wir mittlerweile auch wieder gegrüßt werden. (lacht)

Wachsen unter diesen Voraussetzungen auch schon wieder die Erwartungen was den Aufstieg?

Ich nehme es niemandem übel, der etliche Jahre nur wenig Freude mit dem FCK hatte, wenn er nun wieder Spaß haben will und hofft, dass wir aufsteigen. Aber wir im Klub werden jeden Tag mit der jüngeren Vergangenheit konfrontiert und wissen, wie es noch vor neun Monaten aussah. Deshalb können wir nicht diejenigen sein, die diesen Träumen die Schleusen öffnen. Außerdem weiß doch keiner besser als wir, was möglich ist: Wir waren letzte Saison am 28. Spieltag mit acht Punkten Rückstand abgestiegen – uns gerettet haben wir uns am letzten Spieltag nach der 70. Minute.

Wie sehr haben Sie an diesem Tag, dem 18. Mai 2008, gelitten?


Das wollen Sie nicht wissen. Ich wusste ja, dass ich beobachtet werde und von mir erwartet wird, dass ich Optimismus verbreite. Aber ganz ehrlich: Es ging mir nicht gut.

Sie hätten in die Katakomben gehen können.

Das wäre feige gewesen. Ich verlange ja auch von den Zuschauern, dass sie das aushalten. Auf dem gleichen Friedhof, auf dem Fritz Walter liegt, liegen auch meine Großeltern. Ich war an jenem Tag da und habe die Leute dort auf dem Friedhof gesehen, die am Grab vom Fritz um Hilfe flehten, dann bekam ich den Pfostenschuss des Kölner Helmes mit und im nächsten Moment erlebte ich, wie der Himmel seine Schleusen öffnet. Alle echten Lauterer haben sich angeschaut und gewusst: Fritz-Walter-Wetter. Jetzt guckt er zu, der alte Fritz. Fünf Minuten später fällt das 1:0 für uns. Wer da keine Gänsehaut und Tränen in den Augen hat, ist emotional unterkühlt.


Hatten Sie mal die Befürchtung, dass die emotionale Wucht, mit der der Verein begleitet wird, Sie erschlagen könnte?

Die Emotionen der Fans war ich hier ja gewohnt. Aber um noch mal auf die Oma zurückzukommen: Die hat immer gesagt, der liebe Gott lädt einem nicht mehr auf die Schultern, als man tragen kann. Da habe ich schon manchmal abends zum Himmel geschaut und gefragt, ob sie sich da wirklich sicher ist.

Glauben Sie, den Pfälzer Fans vermittelt zu haben, dass sich die Welt geändert hat und nur allein mit dem Motto »Elf Freunde müsst ihr sein« nicht mehr zu bewältigen ist?

Das haben die Leute schon selber gemerkt. Die haben sich ja sehr viel Gedanken über den Verein gemacht, und ich weiß nicht, ob das hier vor zwei, drei, vier Jahren nach elf Freunden ausgesehen hat. Ein gesunder Mix aus Tradition und professioneller Arbeit, muss es sein.

Stefan Kuntz, nach dem Job als Spieler, Trainer und Manager jetzt Vorstandsvorsitzender: Was kann noch kommen?


Vorstandsvorsitzender eines Erstligisten. (lacht!)

Durch natürliche Weiterentwicklung beim FCK?


Besser hätte ich es nicht sagen können.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!