26.08.2013

Stefan Kießling, das Herz von Bayer

Eine erstaunliche Wandlung

Seite 2/3: Die WM als Schritt zurück
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Der damalige Trainer Michael Skibbe, der viele junge Spieler wie René Adler, Gonzalo Castro oder Simon Rolfes ins Team einbaute, verschaffte dem zuvor als Wurst verspotteten Kießling nach der Winterpause 2007 auf ungewohnter Position eine neue Chance. Wahlweise über Rechts- oder Linksaußen belieferte Kießling in der Sturmmitte den Routinier Sergej Barbarez. Mit jedem Flankenlauf gewann Kießling an Selbstvertrauen. Endgültig angekommen beim Bundesliga-Spitzenklub war er, als Sportvorstand Rudi Völler im Dezember 2008 öffentlich feststellte: »Er fällt nicht mehr um.« Die Metamorphose vom Vorbereiter zum Vollstrecker hatte aber gerade erst begonnen. Im Sommer 2009 sollte ein Trainer in sein Leben treten, der noch einmal alles veränderte. Jupp Heynckes, der selbst einst Bundesliga-Torjäger war, startete in der frisch renovierten BayArena sein viel beachtetes Spätwerk. Auch Kießling profitierte davon.

Wenn er heute über seine Ex-Trainer redet, sagt er »der Skibbe«, »der Labbadia« und – »der Jupp«. Heynckes lenkte seinen Kampfgeist und seine Laufbereitschaft in produktive Bahnen. Außerdem sprach er mit seinem wichtigsten Stürmer, »eigentlich immer, wenn er mich gesehen hat«. Dann legte Heynckes mitunter den Arm väterlich um ihn und versorgte ihn mit Stürmerweisheiten. »Deine innere Ruhe macht das Spiel schnell«, erklärte der Meistertrainer seinem Mittelstürmer. »Schnauf beim Abschluss noch mal durch, mach die Aktion etwas langsamer.« Der große Blonde hielt sich dran und erzielte 21 Bundesligatreffer, so viele wie nie zuvor – nur Edin Dzeko vom VfL Wolfsburg traf häufiger. Dann reiste er mit der Nationalmannschaft zur WM nach Südafrika.

Der Ticketverteiler

Wie sehr Kießling die Geschichte mit der Bratwurst gewurmt hatte, lässt sich daran ablesen, dass er sie bis heute aufbewahrt hat. Im Sommer 2010 wurden in den Zeitungen aber längst seine Stärken beschrieben. Nun galt er als Prototyp des schuftenden Stürmers. Man erkannte, wie er immer mit voller Wucht in die Zweikämpfe ging und in den letzten Spielminuten oft am eigenen Sechzehner klärte. Die Schwächen in der Ballannahme und Ballmitnahme hatte er abgestellt und mit Co-Trainer Peter Hermann dreimal in der Woche zusätzliches Flankentraining gemacht. So hat Kießling inzwischen rund die Hälfte seiner Bundesligatore für Bayer per Kopfball erzielt und zuletzt fast fünfzig Prozent seiner Kopfballduelle gewonnen, was der Liga-Spitzenwert ist.

Bei der WM in Südafrika spielte er dennoch nur 24 Minuten – acht gegen England und 16 gegen Uruguay. Im Teamhotel Velmore Grande zog sich für ihn die Zeit wie Kaugummi. Er kam mit dem Gefühl nach Leverkusen zurück, dass ihn die WM-Teilnahme nicht weitergebracht, sondern zurückgeworfen hatte. Als er dann Anfang der Saison vom Nürnberger Verteidiger Andreas Wolf böse gefoult wurde und anschließend vier Monate pausieren musste, fiel er in ein tiefes Loch. »Wenn ich vom Kopf her anders drauf gewesen wäre, wäre es auf dem Platz vielleicht gar nicht zu dieser Situation gekommen«, meint er heute. Er verlor seinen Stammplatz an Eren Derdiyok und wurde nach seinem Comeback zeitweise zum Einwechselspieler. Die Saison endete mit immerhin noch sieben Treffern, im Jahr darauf waren es schon wieder 16.
Als Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä im April 2012 die Bayer-Profis von Robin Dutt übernahmen, wunderten sie sich, dass Kießling nicht im Mannschaftsrat vertreten war. Im Sommer beförderten sie ihn in das Gremium, um ihren zuverlässigen Torschützen noch stärker zu machen, und die Wertschätzung nach innen und außen zu dokumentieren. Lewandowski beeindruckte, dass Kießling an jedem Tag der erste Profi beim Training war und jeden Morgen Trainer wie Betreuer begrüßte, um ein Schwätzchen zu halten. Nach der Sommerpause kam er sogar drei Stunden früher zum Dienst und fragte die Physiotherapeuten, wo sie ihren Urlaub verbracht hätten. Und wenn sie mit der Mannschaft reisen, verteilt Kießling am Flughafen die Tickets und im Hotel die Schlüssel.

 
 
 
 
 
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