26.08.2013

Stefan Kießling, das Herz von Bayer

Eine erstaunliche Wandlung

In der Bundesliga trifft Stefan Kießling ohne Pause, mit dem Kapitel Nationalmannschaft scheint er indes abgeschlossen zu haben. Für unser Bundesliga-Sonderheft porträtierten wir den Stürmer, den sie Bratwurst nannten.

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Als Stefan Kießling nach Leverkusen kam, war er abends oft alleine. Vor den Spielen knabberte er Erdnüsse und trank eine Dose Cola, das hatte er sich in Nürnberg angewöhnt. Er war nicht das, was man unter einem Musterprofi versteht – aus Einsamkeit. Das erste halbe Jahr an der Dhünn geriet überdies zum sportlichen Desaster. Kießling versprangen die Bälle, sein Spiel wirkte hölzern. Und wenn der 1,91 Meter große und ziemlich schlaksige Stürmer zu Kopfbällen hochsteigen wollte, sank er verblüffend oft zu Boden. Und so ein Hänfling sollte 6,5 Millionen Euro wert sein? Im Dezember 2006 nahm sich die »Bild«-Zeitung der Sache an und titelte: »Die teuerste Bratwurst, die je aus Nürnberg kam«. Damit es auch jeder verstand, war darunter seitenfüllend ein Würstchen abgebildet.

Knapp sieben Jahre später ist Kießling mit 25 Toren zum ersten Mal Bundesliga-Torschützenkönig, doch für Bayer-Manager Michael Reschke ist damit längst nicht alles über seine Qualitäten gesagt: »Er wird mir im Moment fast zu sehr auf seine Tore reduziert. Ihn macht aus, dass er so viel für die Mannschaft arbeitet.« Genau das hatte schon damals den Ausschlag gegeben, ihn zu verpflichten. Die Bayer-Bosse hatten ihn schon länger im Blick, ein gemeinsamer Besuch in Polen im August 2005 brachte endgültige Klarheit. »Eine unfassbare Laufleistung«, erinnert sich Reschke an Kießlings damaligen Auftritt im U21-Nationalteam. »Ich habe gedacht, das ist unmöglich, was der gelaufen ist. Was musste dieser Spieler für einen Charakter haben.« Das bestätigte die Meinung der Scouts von Bayer. Sie hatten Kießling zuvor bereits zigfach beobachtet und wie üblich auf einer Skala von eins bis zehn bewertet. »Zehn« bedeutet so viel wie »Messi«. Kießling erhielt die äußerst selten vergebene Höchstnote in der Kategorie »Mentalität / Einsatzbereitschaft«. Nur ein anderer Spieler wurde ein paar Jahre später genauso hoch eingeschätzt: Lars Bender.

Wie einst Klinsmann

Der junge Franke im Nationaltrikot erinnerte die Scouts an Jürgen Klinsmann, und zwar an den mitreißenden Klinsmann aus dem WM-Spiel gegen die Niederlande 1990. Die Millionen für Kießling waren verfügbar, weil Dimitar Berbatow am Ende der Saison in die Premier League wechselte. Die Bayer-Bosse waren sich dessen schon früh gewiss, weil Tottenham wild entschlossen um ihn buhlte. Kießling selbst übrigens denkt bis heute, er wäre ergänzend zum bulgarischen Sturmführer verpflichtet worden. Die Bayer-Entscheider sahen ihn aber als Berbatow-Nachfolger, ihre interne Prognose lautete: »Tendenz zum internationalen Spitzenspieler«. In Leverkusen waren sie sicher, den neuen Ulf Kirsten gefunden zu haben.
Allerdings war der damals 22-Jährige in Nürnberg nicht einmal Stammspieler gewesen. Auch plagte Kießling anfangs das Heimweh, von Nürnberg aus hatte er noch die Wäsche zu seiner Mutter in seinen fränkischen Heimatort Lichtenfels gebracht. »Es war eine schwierige Zeit, zum ersten Mal 500 Kilometer von zu Hause entfernt zu sein«, sagt er heute. Körperlich musste er ebenfalls zulegen. Bei Bayer schickten sie ihn regelmäßig in den Kraftraum, den er in Nürnberg gemieden hatte.

 
 
 
 
 
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