23.04.2014

Stany Falcone – Vom Profi zum Pornostar

Le Cock Sportif

Seite 2/3: Auf dem rechten Auge blind! Was nun?
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Nick Hannes / imago

Man muss zurückgehen an einen Tag im Frühjahr 2010, sagt De Falco. Ein Tag, der ihn in den darauffolgenden Wochen an den Rand der Verzweiflung bringt, doch am Ende auch innehalten lässt. Ein Tag, ohne den er sich vermutlich nie öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt hätte und ohne den er heute immer noch in der zweiten belgischen Liga spielen würde.

Er trainiert damals mit seinem Team KSV Sottegem. Bei einem Kopfballduell verletzt er sich so schwer, dass er einige Minuten am Boden liegen bleibt. Er spielt weiter, Tage, Wochen, doch die Stirn pocht unaufhörlich. Eines Morgens, knapp einen Monat später, wacht er auf und ist auf dem rechten Auge blind. Er schleppt sich zur Apotheke, und dort schickt man ihn sofort ins Krankenhaus, Notoperation, die Iris ist gerissen, sie muss genäht werden. Die Kosten muss er selbst tragen, die Verletzung wird nicht als Arbeitsunfall gewertet, weil die Ursache dafür zu lange zurückliegt. De Falco ist am Ende, finanziell und seelisch.

Er weiß, dass seine Profikarriere zu Ende ist. Monatelang kämpft er mit einer schweren Depression und der Überlegung, alles zu beenden, sein Leben und somit auch die Qual, nicht zu wissen, wo er hingehört – zu den Männern im Milieu oder zu den Frauen, die ihn manchmal fragen, ob er nicht der bekannte Fußballer sei. Es sind die Wochen, in denen er beginnt, sein inneres Durcheinander zu ordnen und sein Leben aufzurollen. Von Anfang an.

Am Anfang steht ein Vorstadtghetto

An diesem Anfang steht ein Brüsseler Vorstadtghetto, Tubize, eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Hochhaus, labyrinthartige Flure, tobende Kinder, der Geruch von exotischem Essen, die Idee, Koch zu werden, der Scout, der ihn 2004 zum Zweitligisten Oud-Heverlee Leuven locken will, der Vater, der ihn und die drei Geschwister verlassen hat, die alleinerziehende Mutter, die fragt: »Was willst du werden: Koch oder Fußballer?«

Mit Leuven spielt er gegen Klubs, die er früher toll fand, den einstigen Europapokalsieger KV Mechelen oder den mehrmaligen belgischen Meister RFC Antwerpen. De Falco ist technisch zwar nicht der beste Fußballer, doch wenn er mal einen Ball verliert, dann rennt er 50 Meter hinter dem Gegner her, um ihn zurückzuerobern. Er bekommt 1800 Euro pro Monat plus ein paar Prämien, lebt in einer schicken Wohnung, hat eine Freundin, alles wunderbar.

Doch schon damals beginnt ein Leben voller innerer Zwiespälte. Abends sitzt er oft allein zu Hause und wird von einem unbekannten Gefühl geplagt. Irgendwann geht die Beziehung in die Brüche, und De Falco schlendert häufiger durch das nahe Brüssel. Oft enden die Spaziergänge im Schwulenviertel. Irgendwas zieht ihn dorthin, etwas, für das er noch keinen Namen hat.

In Leuven freundet er sich mit Thierry Berghmans an. Der Torwart ist zwölf Jahre älter als er und wird eine Art Mentor für den jungen Profi. De Falco fragt sich, ob er dem Keeper Dinge erzählen soll, die er noch niemandem erzählt hat. Jahre später will Bergh­mans wissen: »Warum hast du nie etwas gesagt?« De Falco antwortet: »Ich konnte nicht mal daran denken.«

Die beiden Welten – das Fußball- und das Schwulenmilieu – könnten sich niemals treffen

Denn die Gedanken lassen ihn taumeln. An manchen Tagen ist sich De Falco sicher, dass sich die beiden Welten – das Fußball- und das Schwulenmilieu – niemals treffen könnten. An anderen plagen ihn unzählige Fragen. Hat ihn jemand vor der Sauna gesehen? Hat ihn jemand beobachtet, wie er beim Shopping heimlich einem Mann hinterherguckte? Als ein Mitspieler einmal unter der Dusche sagt: »Du hast echt einen guten Körper!«, zuckt er zusammen. War das eine Provokation? Gar eine Anmache? Oder doch nur ein Kompliment?
Nach den Trainingseinheiten verschwindet Jonathan De Falco schnell und unauffällig, auf Mannschaftsabenden erscheint er immer alleine. Noch mehr Fragen: Was machst du abends? Wieso kommst du nie mit deiner Freundin zum Essen? »Warum wollten sie alles von mir wissen? Ich habe sie doch auch nicht ständig gefragt, wo sie abends hingehen«, sagt er.

Bei seinem zweiten Klub KMSK Deinze spielt Jonathan de Falco seinen besten Fußball. Er funktioniert wie ein Roboter und ist so gut, dass Erstligisten wie Zulte Waregem und St. Truiden in Deinze anfragen, doch der Spieler, sein Berater und der Verein geraten darüber in einen Streit. Der Trainer bestraft ihn mit Einzeltraining auf dem Nebenplatz, wo er die nächsten Wochen verbringt. De Falco merkt, wie schwer das Fußballgeschäft sein kann. Überall Falltüren, Ellbogen, Geheimnisse. Wobei er das größte Geheimnis weiter nicht lösen kann. »Wer konnte mir sagen: ›Du bist schwul!‹?«, fragt er heute und antwortet selbst: »Niemand konnte es. Vor allem nicht ich.« Als er das erste Mal mit einem Mann schläft, fühlt er sich dreckig.

 
 
 
 
 
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