Stadion-Architekt Albert Wimmer im Interview

»Die Marktplätze der Zukunft«

Albert Wimmer ist Architekt und Amateur-Fußballer. Von ihm stammen die Pläne für die EM-Stadien in Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck. Im Interview spricht er über moderne Stadien als Fußball-Erlebnisräume. Stadion-Architekt Albert Wimmer im InterviewImago Herr Wimmer, wie sieht denn das perfekte Fußballstadion aus?

Es muss ein Kessel der Emotionen sein. Voraussetzung dafür ist, dass die Zuschauer möglichst nahe am Spielfeld sind und das Stadion als akustisch und lichttechnisch optimierter Raum konzipiert wurde. Das Stadion sollte ein weithin sichtbarer Identifikationsort der Stadt und ein Anziehungspunkt für die Massen sein. Identifikationsgehalt, Nachhaltigkeit und Innovation sind die zentralen Aspekte.

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Wie hat sich die Bedeutung des Fußballstadions als gesellschaftliche Begegnungsstätte verändert? Fußball ist ja längst kein Unterschichtensport mehr.
Es findet ein Trend zu einem gesamtheitlichen Erlebnisanspruch im Sinne der Eventgesellschaft statt. Der Arbeitstitel für meine Konzeptionen lautet daher auch: Stadien sind die Marktplätze der Zukunft. Bei der Konzeption der Stadien ist darauf zu achten, dass ein Auseinanderdriften der Gesellschaftsgruppen keinesfalls stattfindet.

Business-Logen, die in modernen Stadien nicht mehr wegzudenken sind, sorgen doch gerade für die Separierung der gesellschaftlichen Gruppen – auch im Fußball.

Vergleichen wir die Situation mit jener im Theater. Selbstverständlich gibt es dort die Sitzplätze flankierenden Logen. Sie sind aber so positioniert, dass eine räumliche Interaktion stattfindet. Genau das gleiche Prinzip verwende ich im Stadionbau. Der VIP-Bereich im Stadion in Klagenfurt ist ein großzügiger offener Bereich, der zwischen Stadioninnenwelt und -außenwelt gespannt und nicht in kleine Einheiten unterteilt ist. Diese offene Situation mit den vorgelagerten Balkonsitzplätzen eröffnet die angesprochene räumliche Interaktion.

Sie bezeichneten vorher moderne Fußballstadien als Marktplätze der Zukunft.

Wenn ich von Marktplätzen spreche, sehe ich das Breughel-Bild vor mir, jung und alt treffen einander. Marktplatz bedeutet für mich Abbau von Barrieren, Erlebnis der Fülle und Leere, Lust und Lebensfreude, Einsamkeit und Gemeinsamkeit. Die von mir entwickelten Stadien formen ein marktplatzartiges Geschehen: in Innsbruck ist die Tivoli-Passage mit Kletterhalle, dem Haus des Sports und den Lokalen ein Stadttreff. Ein Stadion muss nicht nur familiengerecht sein, sondern umfangreiche Attraktivitäten vor und nach dem Spiel bieten können. Die Angebote reichen vom Kindertagesheim bis zu den Veranstaltungsräumlichkeiten. Der Besuch des Stadions wird zum Tagesereignis.

Marktplatz klingt in den Ohren der Traditionalisten nach Kommerzialisierung des Fußballs…

Für mich nicht. Marktplatz bedeutet für mich auch die Inanspruchnahme von öffentlichem Raum und das bedeutet ja a priori Nichtkommerzialisierung.

Welche »dramaturgischen« Mittel kann der Architekt einsetzen, um das Stadion zum Fußball-Erlebnisraum zu machen?

Lassen Sie mich es so erklären: man bewegt sich alleine zum Stadion hin, erlebt das Spiel mit all seinen Höhen und Tiefen aber kollektiv und löst sich beim Hinausgehen aus der Gemeinschaft wieder langsam heraus. Hier ist eine Dramaturgie bereits vorgeschrieben. Nehmen wir das Beispiel Klagenfurt. Vom Sportpark, einem großzügigen freien Raum, erreicht man über eine eindrucksvolle Rampe die Verteilerebene des Stadienbaus, jenem Bereich wo Ober- und Unterrang zusammentreffen. Aber diese Rampe ist nicht nur als dramaturgisches Mittel eingesetzt, sondern ist auch ein Beitrag zur Stadiensicherheit. Denn auf dieser großzügigen Anrampung können Emotionen auf- und auch wieder abgebaut werden.

Was ist für einen Architekten das Faszinierende am Thema Fußballstadion?

Ein solches Bauwerk lebt aus der Opulenz und dem Kontrast von robusten, strukturellen Elementen einerseits und qualitativ hochwertigsten, sensiblen, feinen Elementen andererseits. Und selbstverständlich sind die Themen Masse und Marktplätze der Zukunft eine enorme Herausforderung. Dazu kommt noch, dass ich selber fußballbegeistert bin.

Sie haben die EM-Stadien in Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt geplant. In letzterem finden zwei der drei Vorrundenspiele der deutschen Mannschaft statt. Welche Idee steckt hinter der Gestaltung des Wörtherseestadions?

Bevor ich Klagenfurt realisieren konnte, gab es die EM in Portugal sowie die WM in Deutschland. Stadionbauten lösten, was das Prestige für Städte betrifft, mittlerweile Museumsbauten ab. So waren die Ziele für Klagenfurt sehr ehrgeizig, mein gesamtes Repertoire steckt in diesem Bauwerk: beginnend mit der Inszenierung der Dramaturgie des »zum Stadion kommen« durch die Stadionrampe bis zum Gesamtraumerlebnis von der Verteilerebene aus und zum Verlassen des Tempels der Emotionen. Der dynamische Verlauf der Dachkante, die Stadionwelle verfolgend, sowie der gläserne VIP-Bereich mit seinem Innen-Außenbezug sind weitere Charakteristika des Bauwerkes, das zum Stadtsignet avancierte.

Was zeichnet die österreichischen EM-Stadien aus?

Grundsätzlich die ökonomische und ressourcenschonende Herangehensweise. Unsere Stadienbauten sind nur halb so teuer wie die Objekte der Schweiz. Zudem ist für jeden Ort ein eigener Typus entwickelt und dem Topos entsprechend artikuliert worden. In Innsbruck wurde ein Konzept verfolgt, das die herrliche Bergkette als natürlichen Rahmen akzeptiert, quasi zwischen dem Erlebniskessel Stadion als Innenwelt und der Kulisse Bergwelt als Außenwelt perfekt vermittelt. Die Aufstockung des Stadions für die Euro 2008 bezeichne ich als Stadtloge mit herrlichem Ausblick ins Inntal.

Nach der EM verschwindet diese Loge wieder. Auch die Stadien in Salzburg und Klagenfurt werden erheblich verkleinert. Blutet da nicht das Architektenherz?

Selbstverständlich. Andererseits ist die Auseinandersetzung mit temporärer Architektur, also der unmittelbaren Veränderung von Bauwerken ein wesentliches zukünftiges Thema meines Ateliers im Bereich Stadienbau.

Viele österreichische Fußball-Fans schütteln angesichts der Rückbaus nur den Kopf.

Innsbruck beispielsweise hat einen Einzugsradius von rund 600.000 Bewohnern. Dies bedeutet, auf potentielle Stadionbesucher umgelegt, eine Stadiengröße zwischen 15.000 und 20.000 Besucher als optimale Größe. Demnach wird Innsbruck rückgebaut, wobei von mir aufgezeigt wurde, wie mit den Rückbauelementen an anderen Spielstätten wieder etwas aufgebaut werden kann.

Ist »Einfachheit« im Stadionbau ein wichtiges Element und wie viel Luxus darf es denn sein?

Die Polarität zwischen Eleganz beim Fußballfest und robuster struktureller Klarheit beim Stadienbau macht unter anderem den Reiz in der Projektsentwicklung aus. Seit der Europameisterschaft in Portugal und der Weltmeisterschaft in Deutschland ist ein deutliches Ansteigen der Qualitätsstandards festzustellen.

Die englischen Arenen gelten häufig als Vorbilder. Für Sie auch?

Was die Besucherzahlen und Ausstrahlungskraft der Spielorte betrifft jedenfalls.

In Deutschland gibt es unter den Fans viele Nostalgiker, die lieber im alten Stadion als in einer modernen Arena ihren Klub unterstützen wollen. Verstehen Sie das?

Selbstverständlich, wenn ich davon ausgehe, dass in vielen neuen Stadien auf den unglaublichen emotionalen Wert der Heimfans zu wenig Rücksicht genommen wird. Die Heimfans sind der Garant für Stimmung. Die Auseinandersetzung mit ihren Vorstellungen ist enorm wichtig.

Was sind Ihre persönlichen Lieblingsfußball-Stadien?

Das Santiago-Bernabéu-Stadion in Madrid und das Praterstadion in Wien. Mich begeistern die Imposanz des einen sowie die strukturelle Klarheit und das enorme Potential des anderen.

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