St. Paulis Superlativ

Der härteste Schwarzmarkt

Beim FC St. Pauli werden bizarre Mondpreise für Tickets bezahlt. Nun machen die Anhänger gegen die Schwarzhändler mobil. Ihr Auftrag: Die Zerschlagung des Schwarzmarkts am Millerntor. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Seit einigen Wochen gelten sie in der Fanszene als das A-Team vom Kiez: leicht anarchistisch, schräge Methoden, und das Herz am linken Fleck. Sie nennen sich der »wohl bekloppteste St. Pauli-Fanklub der Neuzeit«, ihre mittelfristigen Pläne umschließen »die Verbreitung von Schwachsinn und Unfug bis in die entlegensten Winkel der Welt«. Keine Frage: Die Mädels und Jungs von der »GehirnAmputierteSzene«, kurz G.A.S. St. Pauli, verfolgen hehre Ziele. Ihr selbstauferlegter Auftrag: Die Zerschlagung des Schwarzmarkts am Millerntor.

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25. Mai 2007, noch zwei Stunden bis zum vorentscheidenden, letzten Heimspiel gegen Dynamo Dresden. Der dickliche Schwarzverkäufer ist bekannt, vor Heimspielen steht er oft am Stadion und verkauft Tickets mit saftigem Aufschlag. Auch heute gäbe es genug Interessenten, seit Saisonmitte ist jedes Heimspiel ausverkauft, und auf dem nahen Spielbudenplatz drängen sich bereits 30 000 beim Public Viewing. Schwitzend steht er nun vor dem Stadion und fordert, zwischen Verzweiflungstat und Offenbarungseid, von den herumstehenden Polizisten Amtshilfe ein. Seit einer halben Stunde verfolgen ihn 15 singende Jungs von der G.A.S., bewaffnet mit Pappschildern und Pfeilen. »Schwarzhändler!« steht drauf, und »Nur 80 € pro Karte!«. Vorbeiziehende St. Paulianer applaudieren, eine Gruppe von Dresdner Gästefans lacht schallend, als die renitente Prozession zum wiederholten Male »Nur 100 Euro! Er will doch nur 100 Euro!« anstimmt. Die Polizisten sind amüsiert und winken ab: »Macht ruhig weiter!« Schließlich dreht der Schwarzhändler fluchend Richtung Haupttribüne ab, die Gruppe zieht johlend hinterher und singt nun »Er wird die Karte nicht los.« Bis Spielbeginn haben sie fünf weitere Händler verjagt.

»Seit Jahren wird diskutiert, was man gegen den Mist machen kann«

Das Problem auf St. Pauli ist ebenso alt wie allgegenwärtig: Kein anderer Regionalligist hatte in der Vergangenheit mit derart inflationären Preisen zu kämpfen. Für dieses letzte Heimspiel wechselten bei Ebay zwei Sitzplatztickets für stolze 500 Euro den Besitzer. Gegen den Internetschwarzmarkt geht der Verein mit Strafen wie Entzug des Vorkaufsrechts für Dauerkartenbesitzer vor – das Territorium rund ums Stadion jedoch hat die G.A.S. St. Pauli in ihrer Hand. »Seit Jahren wird diskutiert, was man gegen den Mist machen kann – und dabei ist es so einfach«, kommentiert ein Mitglied des St. Pauli-Fan-Forums nahezu ehrfürchtig die Aktion.

Die Beweggründe sind ebenso simpel wie altruistisch: »Es geht nicht, dass Fans, die keine Dauerkarte haben, außen vor bleiben müssen, nur weil es diese Erlebnisorientierten gibt, die sich mal einen Nachmittag für 100 Euro dieses achso kultige St. Pauli angucken wollen.« Max, G.A.S-Mitglied, ist genervt, das Wort »kultig« spuckt er fast aus. Natürlich gehe es in erster Linie darum, dem Schwarzmarkt das Wasser abzugraben. Aber nicht nur, weil der faire Preis für eine weitergegebene Karte unter Fans »höchstens die zehn Euro plus zwei Bier sein darf«. Vier lange Jahre habe man am Millerntor geflucht, gelitten, lethargisch die Aufsteiger aus der Liga verabschiedet und katastrophalen Fußball ertragen. Den Lohn der harten Mühen kassieren nun andere.
Die Krux ist hausgemacht: Jahrelange Selbstinszenierung des Vereins und dankbare Abnehmer in den Medien haben zwar das Marketing explodieren lassen, den Preis zahlen jedoch die Fans. Die heißgeliebte Atmosphäre mutiert immer mehr zum Szeneevent.

Beim Pokal-Halbfinale gegen den FC Bayern gaben sich Franz Müntefering und der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust samt Sicherheitspersonal auf der Haupttribüne im telegenen Schulterschluss die Ehre. Die Prominenz bildet dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die Fanszene wehrt sich seit Jahren gegen den nie versiegenden Nachschub an ewig adoleszenten Trainingsjackenträgern. Es sind diejenigen, die »keine Stimmung machen«, wie viele Fans schimpfen, sich aber Mondpreise leisten, um mal am Millerntor gepflegt ein Bierchen zu trinken, und die Show im »Freudenhaus der Liga« zu sehen.
Max und seine Mannen sind jedenfalls gewappnet: Dutzende Unterstützer haben sich bereits gemeldet. Max prognostiziert jedoch »Hochkonjunktur für den Schwarzmarkt«, und wird wohl Recht behalten. Die Südtribüne ist auf unbestimmte Zeit nicht nutzbar, von den vorhandenen 15 500 Karten haben die Meisten der 12 000 Dauerkartenbesitzer des Vorjahres ihr Vorkaufsrecht genutzt. Somit werden bis zur Winterpause keine Heimkarten in den Freien Verkauf gehen. Trotzdem wird der Schwarzmarkt wohl schlechte Karten haben – der »GehirnAmputiertenSzene« sei Dank. St. Pauli-Fans wird es freuen, wenn zumindest ein Plan funktioniert.

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„Ich freue mich auf alle Spiele“ – Holger Stanislawski im Interview www.11freunde.de/bundesligen/102456 .

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Ein Video zum Treiben der G.A.S findet ihr hier .





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