St. Pauli-Klubheim abgerissen

Tschüss, altes Haus!

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Heft #74 01 / 2008
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Als um Punkt zwölf ein Bagger die erste Mauer einriss, waren einige Schaulustige sichtlich bewegt. Eine Handvoll Fußball-Nostalgiker hatte sich auf dem Hamburger Heiligengeistfeld eingefunden, um von einer Institution des FC St. Pauli Abschied zu nehmen. Das altehrwürdige Klubheim des Traditionsvereins, für viele die Seele des Millerntorstadions, wurde nach 46 Jahren dem Erdboden gleich gemacht. Begleitet von ein bisschen Wehmut sagte der Kiez: „Tschüss, altes Haus!“

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Kurz vor Beginn der Abrissarbeiten im Zuge des Stadion-Umbaus hatte sich St. Paulis Organisationsleiter Sven Brux noch seine ganz persönlichen Erinnerungsstücke gesichert. „Einen silbernern Löffel, eine Kachel und eine Kakerlake in einer Pappschachtel“ präsentierte der langjährige Vereinsmitarbeiter augenzwinkernd.

Längst brüchig und marode

Die etwas wertvolleren Teile des Inventars waren dagegen schon in den letzten Tagen gerettet worden und sollen künftig einen Platz in den Räumlichkeiten unter der neuen Südtribüne erhalten. So kann der alte Glanz in modernem Ambiente neu erstrahlen. „Man darf bei aller Nostalgie auch nicht vergessen, dass vieles im alten Klubheim längst brüchig und marode war“, sagt Brux.

Den schönen Erinnerungen tut das keinen Abbruch. Schließlich erlebte die kultige Begegnungsstätte in fast fünf Jahrzehnten so manche ausgelassene Siegesfeier - ebenso wie das eine oder andere Katerfrühstück nach bitteren Niederlagen. „Tierisch waren die Partys nach dem Spiel in der Küche des Klubheims“, erinnert sich St. Paulis Teamchef Holger Stanislawski an seine eigene aktive Zeit.

Vor allem die im Profifußball sonst eher unübliche Nähe zu den Fans wurde beim Kiezklub immer gepflegt. „Ich bin nach dem Abpfiff gern durchs voll besetzte Klubheim gegangen und hab mich mit den Fans unterhalten“, berichtet der heutige Trainer Andre Trulsen. Sogar auf dem Klo sei teilweise noch gefachsimpelt worden, so der frühere Abwehrspieler.

Doch auch die großen Stars der Bundesliga gingen in dem alten Klinkerbau neben dem Haupteingang des Stadions ein und aus. „Bei uns haben sich auch Olli Kahn und Stefan Effenberg wohl gefühlt“, sagt Paulis lebende Zeugwart-Legende Claus „Bubu“ Bubke. Und das, obwohl sie unter den im Winter oft kalten Duschen gefroren und sich im abgeranzten Kabinentrakt unter dem Schankraum wahrscheinlich so manchen Fußpilz geholt haben.

Spätestens an der Theke bei den Wirtinnen Brigitte und Dagmar waren alle gleich. Dort habe er auch schon mal ein Bierchen mit Mehmet Scholl getrunken, erinnert sich Bubke. Selbst an spielfreien Tagen war das Klubheim beliebter Treffpunkt, in dem auch schon mal Hamburger Musikgrößen wie Jan Delay und Sammy Deluxe auftraten.

Künftig soll sich das Vereinsleben in den Katakomben der neuen Südtribüne abspielen, die im Laufe der Zweiliga-Rückrunde fertiggestellt wird. Die Bodenständigkeit des Stadtteilvereins soll auch dort nicht verloren gehen. Neben den Devotionalien aus dem Klubheim sollen beispielsweise ein paar Pflastersteine aus der rotlichtigen Herbertstraße sowie ein alter Anker an der Fassade den ganz eigenen Charme des Vereins unterstreichen. „Damit hat man eine schöne Mischung aus alt und neu“, findet Brux: „Der Charakter wird bleiben.“

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