St. Pauli gegen Rostock

Krieg und Frieden

FC St. Pauli gegen Hansa Rostock – ein Hassduell wie kaum eines sonst im deutschen Fußball. Unsere Mitarbeiter Marco Weber (St. Pauli) und Mathias Ehlers (Hansa) haben versucht, sich das Spiel anzusehen, ohne sich zu prügeln. St. Pauli gegen RostockImago 15 Verletze, 53 Festnahmen, Wasserwerfer- und Tränengaseinsatz der Polizei: Das ist nicht etwa die Bilanz der Maikrawalle von Berlin-Kreuzberg, sondern die eines Fußballspiels, dem Hinrundenduell zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli.. Zwischen diesen Vereinen herrscht mehr als nur Rivalität, es scheint der blanke Hass zu sein. Dass es auch anders geht, beweist die 11Freunde-Redaktion: St.Pauli-Anhänger Marco Weber und Hansa-Fan Mathias Ehlers teilen sich nicht nur den Schreibtisch, sie waren auch gemeinsam vor Ort, als es heiß her ging auf dem Kiez.

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In den frühen 90ern, als »Twix« noch »Raider« hieß, wurde ein Film produziert, der den Plot aus Shakespeares »Romeo und Julia« auf das Verhältnis zwischen St. Pauli und Hansa Rostock überträgt. Äußerst melodramatisch heißt dieser Film »Schicksalsspiel«. Selten zuvor war der Name dieser zweifelhaften Produktion passender als für die Begegnung der beiden Rivalen am vergangenen Freitag. Zum einen ging es für Rostocks Trainer Dieter Eilts um den Job, für Hansa um lebenswichtige Punkte und für die Polizei um die Vermeidung des Ausnahmezustands - ein schwerer Schleier lag über dem Spiel.

Fußballspiele zu besuchen ist ja eigentlich eine schöne Sache, nicht aber, wenn man dabei um sein Leben fürchten muss. So geschehen im Hinspiel, zwischen Rostock und St.Pauli, von den Offiziellen nicht mal als Sicherheitsspiel eingestuft, »was ein großer Fehler war«, stellte nicht nur St.Paulis Sicherheitschef Sven Brux nach diesem Spiel fest. »Wir müssen ein direktes Aufeinandertreffen beider Fangruppen am Freitagabend unbedingt verhindern«, so Brux nun. Ihm ist bewusst, dass der Verein dafür nur im Stadion sorgen kann. Um den Ausnahmezustand auf dem Kiez zu verhindern, waren 1367 Polizeibeamte im Einsatz, ausgerüstet mit schwerstem Gerät vom Panzerfahrzeug bis zum Wasserwerfer.

»Astra« in der Hand und guten Mutes

Freitagnachmittag: Alles ruhig im Amüsierviertel. Nichts zu spüren von der angekündigten Vergeltung. Vergeltung für den Gewaltexzess im Hinspiel, als Teile des Hansa-Anhangs die Fans des FC St. Pauli heftig attackierten. Nur das ein oder andere Graffito weist auf die Brisanz des Spiels hin, »Smash HRO« oder  »6.3. - Fight Racism« prangt es an Hamburger Hauswänden. Ansonsten alles wie immer. Braun-weiße Grüppchen rund um das Millerntor, in den Händen das obligatorische »Astra« und guten Mutes, den Rivalen von der Ostsee punktlos nach Hause zu schicken. Die Polizei hält sich zurück. Kaum zu spüren, dass hier und heute ein trauriger Rekord aufgestellt wird. So viele Polizisten wie noch nie bei einem Spiel der 2. Bundesliga sollen sicherstellen, dass sich die Szenen des Hinspiels nicht wiederholen. Doch bisher scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Zuschauer strömen ins Stadion, das Flutlicht erfüllt seinen Zweck und die Spannung steigt.

Erst der Blick hinter die andere Seite des Stadions, rund um den U-Bahnhof Feldstraße, offenbart, dass dieses Spiel kein alltägliches ist. Von hier aus gelangen die Gästefans in ihren Block. Wasserwerfer und Hundertschaften der Polizei stehen bereit, um die Gäste aus Mecklenburg unter Kontrolle zu halten. Mit einer strikten Kartenpolitik versuchte der FC Hansa schon im Vorfeld, ungebetene Gäste außen vor zu lassen. Lediglich 1500 Karten durften die Rostocker verkaufen – und taten dies ausschließlich an Mitglieder und Dauerkarteninhaber. 200 Nichtkarteninhaber jedoch suchten bereits vor dem Spiel die Auseinandersetzung mit der Polizei. Steine und Flaschen flogen, erst Wasserwerfer machten dem dummen Treiben ein Ende, der Großteil der Stadionbesucher bekam davon jedoch nichts mit.

90 Minuten durch die braun-weiße Brille (von Marco Weber)

Kurz vor sechs: die Mannschaften betreten das Spielfeld am Millerntor, die Stimmung: einfach nur gigantisch. Fünf Minuten später scheint alles gelaufen, zum dritten Mal in den letzten vier Spielen. Dachte ich mir vor einer Woche in München noch, schlimmer kann es nicht werden, werde ich hier ganz schnell eines Besseren belehrt. Kollege Ehlers freut sich diebisch, inmitten tausender St.Paul- Fans tippt er grinsend die grauenvolle Nachricht ins Handy ein. Hansa spielt für Eilts, St.Pauli spielt für Eilts, alles läuft im Sinne des alten Bremers. Der Stimmung im Stadion aber tut das keinen Abbruch, die Rostocker konzentrieren sich glücklicherweise auf die Unterstützung des eigenen Teams, der braun-weiße Anhang lässt sich auch vom Spielstand und vom grottenschlechten Auftritt der eigenen Mannschaft nicht entmutigen. »Aufwachen, aufwachen!«, schallt es durchs Stadion. Die Mannschaft lässt das erstmal kalt, mit dem 0:2 ist sie noch gut bedient. Die beste Nachricht bis jetzt: im Stadion ist alles friedlich. Noch! Auf dem Weg zum Pausentee im Presseraum schlägt der überglückliche Ehlers schon mal eine Überschrift für unseren Spielbericht vor: »Friedensgipfel am Millerntor«. Im Presseraum wie im ganzen Stadion gilt: Höchste Sicherheitsstufe und striktes Alkoholverbot. Wir lauschen noch kurz der Sicherheitskonferenz und dann schnell wieder auf die Südtribüne, doch schon auf dem Weg dahin sind alle Hoffnungen auf ein friedliches Fußballspiel zerstört. Raketen und Böller werden im Gästeblock gezündet, das ganze Stadion versinkt im Nebel. Dem Gästeanhang gelingt es auf atemberaubende Art und Weise, die sich schon auf dem Rasen befindende Heimmannschaft besonders zu motivieren. Auch Kollege Ehlers ist empört über die Dummheit einiger Chaoten und froh, nicht im Gästeblock zu stehen. Ein paar Minuten später wird endlich wieder Fußball gespielt. Das Spiel hat sich komplett gedreht. St.Pauli, nach vorne gepeitscht von 20 000 frenetischen Fans, macht Druck ohne Ende, während Rostock nicht mehr viel entgegen zu setzen hat. Anschluss, Ausgleich, Führung! Ausgerechnet Sako, im Hinspiel noch mit Affengeräuschen beleidigt, macht ein Riesenspiel. Die Stimmung kocht über! Das Team schafft das nicht mehr für möglich Gehaltene und bezwingt den Erzrivalen. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, ich kann unser Glück kaum fassen, nur einer im Block kann die Freude nicht teilen und schaut bedröppelt drein. Entsetzt darüber, wie man sich so ein Spiel noch aus der Hand nehmen lassen kann, betrachtet Kollege Ehlers argwöhnisch die Jubelarien der Hamburger. Der arme Kerl muss sich echt einsam fühlen.

90 Minuten von der Kogge aus betrachtet (von Mathias Ehlers)

Die sportliche Brisanz des Spiels scheint im Hintergrund zu stehen, eigentlich war sie zu keiner Zeit im Vordergrund. Dabei hieß es unter Woche, dass Hansas Trainer Dieter Eilts nur im Falle eines Sieges an der Ostsee bleiben darf. Nie steckte der FC Hansa in einer tieferen Krise, der Gestank der dritten Liga nimmt spieltäglich zu. Etwas völlig Anderes ist auf dem Mannschaftsbus der Rostocker zu lesen;  vollmundig heißt es dort: »Die Kogge auf Kurs«. Eigentlich sollte ich über diesen Euphemismus lachen – ich kann es aber nicht. Zu sehr nervt mich der Verfall meines Vereins,  auch wenn sich der Tag anfühlt, als könnte etwas gelingen. Die ersten Minuten geben meinem Gefühl Recht. Hansa überollt St. Pauli, als gäbe es kein Morgen. Nach zwei Minuten trifft Myntti zur Führung, nach fünf Minuten baut sie Bartels aus. Eine Viertelstunde später landet ein Kopfball am  Pfosten. St. Pauli kommt zu keiner Zeit mit Hansas Aggressivität klar und schleppt sich taumelnd in die Halbzeit. Diese  hat es in sich. Aus dem Rostocker Block werden Raketen abgefeuert, in der Hamburger Kabine wackeln die Wände. Gleich drei Spieler wechselt Pauli-Trainer Stanislawski ein und will so die Wende schaffen.  Kollege Weber denkt nach und gibt mir preis, dass seine Paulianer noch schlechter agieren als in der Woche zuvor, als es ein 1:5 gegen 1860 München setzte. Im Presseraum lausche ich dem Einsatzleiter der Polizei. Er malt sich das aus seiner Sicht schlimmste Szenario aus: »Wenn unsere Jungs das Ding noch drehen, dann machen die Rostocker richtig Radau«. Dann wird das ja ein ruhiger Abend, denke ich. Wenig, eigentlich nichts, deutet auf eine solche Wende des Spiels hin. Doch der Anstoß verzögert sich, die Spuren der leidigen Rostocker Pyromanie müssen erst verrauchen. Die Warterei entpuppt sich leider als Urknall. Das Hamburger Publikum ist plötzlich da und schreit sein Team nach vorne. Mit den Auswechslungen schafft Stanislawski das Unmögliche und belebt sein Team. St. Pauli kämpft nun um jeden Ball und schüchtert Hansa ein.  Mich auch. Als Brunnemann im Strafraum stürzt, gibt es Elfmeter. Ich fürchte, zu Recht. Inzwischen weiß ich dank des Fernsehens, dass es kein Elfmeter war. Sako verwandelt sicher und rangelt danach mit Torwart Hahnel und Ersatzspieler Kern. Dem Schiedsrichter entgleitet langsam, aber sicher das Spiel. Auch wenn Pauli drückt und drückt, fehlt die Torgefahr, und ich lenke mich mit dem Gedanken ab, dass Bartels immer für ein Kontertor gut ist. Leider scheint Eilts diesen Gedanken nicht zu teilen und wechselt den flinken und ballsicheren Bartels aus. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen und frage mich, ob Eilts entlassen werden möchte. Selbst Kollege Weber schaut mich verwundert an und fragt, was dieser Wechsel soll. Leider kann ich ihm diese Frage nicht beantworten. Hansa fügt sich dem Druck und fängt sich noch zwei Dinger, eins dümmer als das andere. Das Stadion tobt, ich nicht, der Hansa-Block auch nicht, aber alle anderen. Ich erinnere mich an die Aussage des Einsatzleiters, verabscheue ihn für seine prophetischen Gedanken und erwarte das Schlimmste. Kollege Weber strahlt mich an. Sein Glück, dass ich nicht gewalttätig bin. Ich schleppe mich frustriert zur Mixed-Zone und höre mir an, was die Spieler dem Fernsehen zu sagen haben. Sie können sich ihr Versagen nicht erklären. Hahnel erzählt den Kollegen von Premiere etwas von Arroganz, und ich denke mir, dass der Abstiegskampf der 2. Liga wahrlich kein Ort für Arroganz ist. Inzwischen ist durchgesickert, dass Dieter Eilts nicht mehr Trainer des FC Hansa ist. Es kommt die Frage auf, ob er sich trotzdem der Pressekonferenz stellt.


Gemeinsam ziehen wir dorthin. Komische Fragen, der Galgenhumor eines Trainers, der eigentlich schon gar kein Trainer mehr ist, klingelnde Handys und telefonierende Journalisten versüßen das Ganze. Eilts kommt tatsächlich, bestätigt seine Entlassung und gibt die eine oder andere Kostprobe seines trockenen Humors. Wirklich nahe scheint ihm diese Entlassung nicht zu gehen, nüchtern steht er Rede und Antwort.

Vor dem Stadion geht es dagegen weniger lustig zu. Immer wieder explodieren Böller, Sirenen heulen pausenlos, und es erklingen Lautsprecherdurchsagen der Polizei. Auf der Budapester Straße erinnert alles an den 1. Mai, Mülltonnen und umgeworfene Straßenschilder versperren die Wege, zahlreiche Krankenwagen erreichen den Kiez. Wahrlich eine tolle Entscheidung der DFL, dieses Spiel  an einem Freitagabend anzusetzen. Linksautonome Trittbrettfahrer, die nichts mit Fußball am Hut haben,  stürmen aus einem Park und bewerfen die Beamten mit Steinen und Flaschen. Wahre »Vollpfosten«, um mit Stanislawskis Worten zu sprechen. Kurzzeitig wird es brenzlig, Feuerwerkskörper fliegen in Richtung einer Tankstelle, doch letztlich bringt die Polizei alles unter Kontrolle, und man muss sich nicht wirklich um die eigene Gesundheit sorgen. Freunde von mir haben weniger Glück. Sie stehen  zur falschen Zeit am falschen Ort und haben direkten Kontakt mit den Wasserwerfern der Polizei. Das Bierchen in der Kneipe müssen sie in klatschnassen Hosen genießen. Auf der Reeperbahn bleibt alles wider Erwarten ruhig, und schon gegen zehn kann sich die Stadtreinigung an die Arbeit machen.

Mathias fährt frustriert nach Hause und Marco lässt den Abend genüsslich in einer Kiezkneipe enden.

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