Spieler mit nur einem Bundesligaspiel
18.02.2012

Spieler mit nur einem Bundesligaspiel

Minuten des Ruhms

Einmal in der Bundesliga spielen! Für Dirk Drescher, Ralph Jester, Til Bettenstaedt, Karl Deuerling und Stefan Wimmer ging der Traum in Erfüllung – im wahrsten Sinne des Wortes. Erinnerungen an maximal 90 Minuten des Ruhms.

Text:
Andreas Bock (Protokolle)
Bild:
Imago

Ralph Jester (HSV)
20. September 1989, 75 Minuten
HSV - Werder Bremen 4:0

Die Schreie konnte man durchs Stadion hören. Ditmar Jakobs stand einfach nicht auf. Er hatte versucht, einen Ball von der Linie zu grätschen und lag nun im Tornetz. Minuten vergingen, fünf, zehn, zwanzig, sie fühlten sich an wie Ewigkeiten.



Jakobs hatte sich in einem Karabinerhaken verfangen, das Fleisch wurde mit einem Skalpell von Mannschaftsarzt Gerold Schwarz herausgetrennt. Willi Reimann stand an der Außenlinie, er drehte sich um und schaute zur Bank, die aufgrund der Tartanbahn etwa 30 Meter entfernt war. Er nickte uns Auswechselspielern zu. Wen meinte er? Markus Marin, Reiner Geyer und ich blieben sitzen. Dann schrie er: »Ralph, Mensch, mach dich fertig!«



Mittlerweile mussten Stunden vergangen sein. Ich war psychisch schon k.o., bevor ich in die Partie kam. Das Spiel war nun auch irgendwie Nebensache, auch wenn wir 4:0 gegen Bremen gewannen und später sogar in der Fankurve feierten. Einige Tage später sah ich Ditmar Jakobs im Massageraum wieder. Er lächelte: »Ich bin nächste Woche wieder beim Training.«

Leider ein Irrtum, er musste seine Fußballkarriere beenden – während meine nie richtig in Gang kam. Wenige Tage nach dem Werder-Spiel musste ich zur Bundeswehr, in der Bundesliga gespielt habe ich nie wieder. Später bekam ich noch eine Anfrage vom SV Meppen, doch ich fing lieber eine Ausbildung als Großhandelskaufmann an. Ich wollte mein Hamburg für ein bisschen Geld in der Provinz nicht verlassen.



Dirk Drescher
10. August 1985, 65 Minuten
1. FC Nürnberg - VfL Bochum 0:1

Ich war 17 Jahre und 163 Tage alt, als ich mein erstes und einziges Bundesligaspiel machte. Es kam so: Eine Woche vor dem ersten Saisonspiel beim 1. FC Nürnberg wurde ich vom Training der A-Jugend befreit, ein Mann aus dem Vorstand sagte, ich solle sofort zur Geschäftsstelle kommen, der Trainer der ersten Mannschaft, Rolf Schafstall, hätte etwas mit mir zu besprechen. Ich dachte: Was ist denn jetzt los?



Schafstall erklärte mir, dass er einen zweiten Keeper für das Spiel in Nürnberg benötigte, da sich Ralf Zumdick verletzt hatte. Ich machte es mir also am Samstag auf der Bank bequem, erwartete nichts. Doch dann sah Zumdicks Ersatzmann Markus Croonen in der 25. Minute die Rote Karte, schlagartig wurde mir klar: Jetzt musst du ran! Schafstall sagte nichts, er nickte mir nur zu. Später erfuhr ich, dass er meinen Vornamen nicht gewusst hat. Ich war so nervös, dass ich kaum meine Schuhe zubekam. Und trotzdem wurde es mein Nachmittag, ich hielt jeden Schuss. Nach dem Spiel wurde ich gefeiert, als wären wir Meister geworden. Nürnbergs Trainer Heinz Höher sagte: »Wir waren doch nicht einmal in der Lage, einem 13-jährigen Knaben einen Ball ins Netz zu setzen.«

Schafstall wollte im Abstiegskampf allerdings nicht auf einen A-Jugendlichen vertrauen und verpflichtete über Nacht Gladbach-Legende Wolfgang Kleff, um die Verletzungspause von Ralf Zumdick zu überbrücken. Ich hing bald meine Fußballschuhe an den Nagel und wurde Polizeibeamter.


Til Bettenstaedt

17. Juni 1995, 20 Minuten
FC Schalke 04 - SC Freiburg 1:2

Jens Lehmann schaute mich verdutzt an. »Können Sie mir mal das Salz geben«, hatte ich ihn gefragt, und als ich merkte, dass ein »du« passender gewesen wäre, wäre ich am liebsten im Erdboden verschwunden. Es war ein Abend wenige Tage vor unserem letzten Saisonspiel, und ich wusste bereits, dass ich aufgrund einiger verletzter Spieler gegen den SC Freiburg im Kader stehen würde.

Klar, ich war aufgeregt wie nie zuvor. Und eigentlich dachte ich die ganze Zeit nur: Mach bloß keinen Fehler, wenn du eingewechselt wirst! Doch als die 70. Minute anbrach und ich das Zeichen unseres Co-Trainers vernahm, verschwamm alles. Ich sah noch den Schatten von Jörg Berger, danach lief alles wie in Trance.

Dunkel erinnere ich mich, dass ich im Strafraum beinahe zu einer Chance gekommen wäre. Dann war das Spiel auch schon wieder vorbei. Einen bleibenden Eindruck hatte ich scheinbar nicht hinterlassen, man transferierte mich nach der Saison zu den Sportfreunden Siegen.

Ich kickte noch ein paar Jahre in der Regionalliga und eine Saison in der zweiten Bundesliga. Heute bin ich Redakteur bei der »Ostfriesen-Zeitung«. Vor ein paar Jahren traf ich Jens Lehmann übrigens in Münster wieder, wo er mittlerweile studierte. Lehmann auf seinem Fahrrad, ich im Auto. Mit einem Mal klopfte er an meine Scheibe: »Mensch, Til, wir sind hier auf dem Marktplatz, hier ist Autoverbot.« Ich blickte ihn verdutzt an: Er hatte mich tatsächlich wiedererkannt.



Karl Deuerling
27. April 1968, 45 Minuten
FC Bayern - Werder Bremen 2:3

Einmal das Trikot des FC Bayern überstreifen, das wäre was! Wie viele Jugendliche träumen genau diesen Traum. Mir ist es geglückt, mehrmals lief ich für die zweite Mannschaft auf, doch nur ein einziges Mal in der Bundesliga.

Ganz ehrlich: Ich fand es befremdlich. In all den Jahren zuvor fühlte sich Fußball so leicht an, so spielerisch, es war wirklich so, wie es immer heißt: Wir waren elf Freunde auf dem Platz. Ich machte meine Sache bei den Amateuren so gut, dass eines Tages die Fans am Zaun riefen: »Tschik, nun bring doch endlich mal den Jungen, den Deuerling!« So stand ich eines Tages tatsächlich im Kader der ersten Elf. Bei den Profis schaute mich allerdings kaum einer mit dem Arsch an.



Sogar mein alter Kumpel Dieter Brenninger sprach nur noch das Nötigste mit mir – er sah mich nur noch als seinen ärgsten Konkurrenten. Immerhin öffnete sich Zlatko Cajkovski mir mittlerweile ein wenig. Vor meiner Einwechslung gegen Werder nuschelte er: »Halt dich von dem Höttges fern. Das ist ein Mörder.« Dabei hätte er mir das eigentlich gar nicht sagen brauchen, schließlich brauchte man Höttges nur anschauen, um zu wissen: Mit dem ist im Zweikampf nicht gut Kirschen essen.

Das Spiel verloren wir 2:3, am Ende wurden wir Fünfter, eine schlimme Saison. Ich wechselte zurück zu Jahn Regensburg, der FC Bayern wurde ein Jahr später Meister. Vor ein paar Jahren traf ich Dieter Brenninger wieder – es war eine seltsame Begegnung, über die alte Zeit sprachen wir kein Wort.


Stefan Wimmer

8. August 1987, 90 Minuten
Werder Bremen - Karlsruher SC 2:0

Alexander Famulla soll Winnie Schäfer einmal gebeten haben, nicht mit Olli Kahn auf dem Zimmer schlafen zu müssen. Er hatte Angst, Kahn würde ihm nachts ein Kopfkissen ins Gesicht drücken. Die Geschichte wurde etliche Male erzählt – und ich wurde stets als Urheber genannt. Das stimmt aber nicht, die stammt von Ollis Bruder, Axel Kahn, und gehört in die Schublade Humor.

Trotzdem drückt sie gut die damalige Stimmung beim KSC aus. Famulla war die Nummer eins, dahinter Kahn und ich. Geredet haben wir nie, dazu war Kahn viel zu verbissen. Alles, was Handschuhe trug, war sein Feind. Im Winter muss es richtig hart gewesen sein. Im Ernst: Als Schäfer mich für das Spiel in Bremen nominierte, scharrte er schon mit den Hufen. Doch ich hielt famos, und sowieso: Ich war der talentiertere Torhüter von uns beiden. Im »Kicker« bekam ich trotz der Niederlage eine 2.

Doch nach und nach stieg Kahn in der Gunst des Trainers. Ein Grund war sicher die alte Fehde zwischen Schäfer und meinem Vater, der KSC-Legende Rudolf Wimmer. Ich machte nie wieder ein Bundesligaspiel. Ich glaube, ich war stets zur falschen Zeit am falschen Ort. Nach meiner Zeit beim KSC hatte ich einen Vorvertrag in Frankfurt, löste den aber auf, als der Klub Uli Stein verpflichtete. Dann wollte mich Dragoslav Stepanovic nach Leverkusen holen – wenig später wurde er entlassen. Heute arbeite ich bei der Sparkasse. Rückblickend muss man sagen: Schäfer hat alles richtig gemacht.

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