Speed-Dating mit Lothar Matthäus

Maybe he´s in love

Im neuen 11FREUNDE-Heft versuchen wir zu ergründen, warum Lothar Matthäus in der Bundesliga kein Bein an die Erde kriegt. Vielleicht weiß er es selbst, dachten die Kollegen Köster und Jürgens – und jetteten nach Budapest. Imago
Heft #70 09 / 2007
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Hotel Kempinski, Budapest. Gediegene Atmosphäre, dicke Teppiche, freundlich nickende Pagen. Es ist elf Uhr, und wir sind mit Lothar Matthäus zum Interview in der Lobby verabredet. Das Thema: sein Leben. Von Anfang bis Ende, von Herzogenaurach bis Salzburg, von Sylvia bis Marijana. Und hoffentlich verstehen wir am Ende ein wenig besser, warum einer, der im Fußball alles erreicht hat, der Weltmeister war und Weltfußballer, der zwei Jahrzehnte durch seine Art, Fußball zu spielen, geprägt hat, warum dieser Mensch in seiner Heimat nicht verehrt wird wie ein Halbgott, sondern seit Jahren merkwürdige Jobs im Ausland annehmen muss.
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Dann ist es viertel nach elf, bald halb zwölf. Dann klingelt das Telefon. Matthäus ist dran und kündigt sein baldiges Erscheinen an, in einer Stunde etwa, er sei noch unterwegs. Genug Zeit für uns, all die Erinnerungen an Lothar Matthäus hervorzukramen. Als Matthäus in Rom andächtig den WM-Pokal in den Himmel reckte, stand ich in einer korsischen Gaststätte auf dem Tresen und jubelte, bis mich der finster dreinblickende Wirt hinunterscheuchte. Als sich Matthäus bei einem Testspiel in Bielefeld die Achillessehne riss, stand ich auf der Gegengerade und rief höchst unsportlich: „Auf Wiedersehen“. Und Kollege Tim Jürgens erinnert sich an das letzte Matthäus-Heimspiel für die Bayern gegen Duisburg. Matthäus wurde ausgewechselt, das Stadion applaudierte und Matthäus unternahm unmittelbar vor der VIP-Tribüne des Olympiastadions - offensichtlich überfordert von der Tragweite seiner Entscheidung, den FC Bayern mitten in der Saison gen USA zu verlassen – einen ungelenken Diener. Und für einen Augenblick erkannte der Zuschauer hinter der Fassade des Bayern-Dinos wieder den fränkischen Raumausstatter, der auf dem Fußballplatz zu Überlebensgröße stets heranwuchs und abseits des Rasens, von Unsicherheit getrieben, in fast jedes Fettnäpfchen trat, das sich vor ihm auftat.

„You look wonderful“

Dann ist es eins und Lothar Matthäus ist tatsächlich da. Er begrüßt uns kurz im Stile eines routinierten Fremdenführers („Herzlich Willkommen in Budapest“) und macht dann die vorgeschriebene protokollarische Runde durchs Kempinski. An der Rezeption begrüßt er den Concierge mit Handschlag und bekommt ohne Aufforderung eine frischgebügelte Bild-Zeitung überreicht. „Gehen wir nach hinten“, sagt Matthäus, muss sich aber noch schnell der Bedienung der Coffeebar stellen, die den Weg in den Wintergarten blockiert und „My friend, my friend“ säuselt. Da ist Matthäus ganz Profi. „You look wonderful“, charmiert er: „Maybe you´re in love?“. Die Dame fällt nun beinahe in Ohnmacht vor Begeisterung: „Yessssss!“

Dann sitzen wir hinten am Tisch, und Lothar erzählt. Drei Stunden lang, aus seinem Leben. Manches kannten wir schon, die Klinsmann-Geschichten und die Sache mit dem gebrochenen Schuh bei der WM 1990, anderes ist uns neu. Zum Beispiel, dass er in der Säufer- und Zockertruppe von 1982 nur ein Außenseiter war, der nichts mitbekam von den abendlichen Besäufnissen und morgens allein mit den Förster-Brüdern und ein paar anderen zum Waldlauf antrat. Oder die Geschichte, wie er es sich während seines Jobs bei Rapid Wien mit dem Reporter der Kronenzeitung verdarb.

Es wird selten langweilig in den folgenden drei Stunden. Lothar Matthäus kann gut erzählen, und er hat einen Sinn für Pointen und überraschende Wendungen. Das weiche fränkische D wird er sich wohl nie abgewöhnen. Der Luca Doni ist immer noch dorgefährlich und nadürlich wäre er gern Dräner in der Bundesliga. Das klingt vertraut, weil man den Slang aus dem Fernsehen kennt. Aber anders als früher, als im Fernsehen stets ein vor Selbstbewusstsein strotzender Lothar Matthäus stand, sitzt am Tisch ein Mensch, der ganz offenkundig noch nach seiner Rolle sucht. Er formuliert vorsichtig, vermeidet Festlegungen. Er sagt nicht: „Ich will in die Bundesliga zurück!“, er sagt: „Ich traue mir die Bundesliga zu“. Das ist ein Unterschied, findet er.

Gegen vier Uhr klingelt sein Handy. Er verabschiedet sich kurz, dann nimmt er das Gespräch an. Er lächelt ins Telefon. Maybe, he´s in love.

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„Verdammt in alle Ewigkeit?“ – die große Matthäus-Story findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft.

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