Spaniens Überraschung Real Mallorca

Ballermann Vier

Seit Monaten mischt RCD Mallorca die Premiera Division auf, trotz leerer Kassen. Alle hoffen auf Platz vier, der zur Teilnahme an der Champions League berechtigt – heute Abend ist Real Madrid zu Gast auf der Insel. Spaniens Überraschung Real MallorcaGunnar Knechtel
Heft#102 05/2010
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Wilfried Schlüter 
sitzt vor dem Grand Café, ge-
genüber liegt der Yachthafen von Palma de Mallorca. Hier legt der Luxusliner von Juan Carlos an, wenn der spanische König sein Urlaubsdomizil bezieht. Der 66-jährige Schlüter hat sich die Insel einst als Tourismusexperte erschlossen, Ende der Sechziger. Zwanzig Jahre später ist er zurückgekehrt und für immer geblieben. Seither geht er auch zu den Königlichen ins Stadion, sammelt Zeitungsausschnitte, über Jochen Kientz hat er einen ganzen Ordner. Er sagt: »Als ich das erste Mal hier war, wollten alle, dass Franco verschwindet, als ich wiederkam, haben sie ihn sich schon wieder zurückgewünscht.«

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Werner Heinecke, ein anderer Unruheständler, ist erst 2009 nach Mallorca gekommen. Der ehemalige Finanzkaufmann war schon immer Stadiongänger: jahrelang Dauerkartenbesitzer bei Werder Bremen. Er hat in der »Mallorca Zeitung« von dem Einfall gelesen, der Gründung des ersten deutschen Fanklubs von RCD Mallorca. Und weil der Spielplan Heimspiele gegen alle spanischen Spitzenklubs versprach, ist er spontan Mitglied geworden. Nur wenig später saß der 63-Jährige zum ersten Mal auf der unüberdachten Gegentribüne im Stadion Son Moix, wo die deutsche Fraktion ihren eigenen Block zugeteilt bekam. Das war Ende Januar, dann schneite es auf Mallorca, und plötzlich stand der königliche Sportklub an der Schwelle zur Champions League.

Bis heute gibt es mehr Fans von Real und Barca auf der Insel

Der Inselklub verschafft Spanien das spannendste Saisonfinale aller Zeiten – im Kampf um Platz vier. Für Mallorca ist die aktuelle Spielzeit schon jetzt ein grandioser Erfolg. Noch im Sommer 2009 umrankten Verkaufsgerüchte und Abstiegsängste die Elf. Ein Dreivierteljahr später wird nur noch darüber diskutiert, dass zu wenige Zuschauer kommen. Die Zuneigung zum Klub ist nicht über die Jahrzehnte gewachsen wie anderswo, auf der Insel gibt es bis heute mehr Fans von Madrid und Barca. Dass der heimische Klub im Son Moix zu Hause ist, 1999 eigens für die Universiade erbaut, sorgt auch nicht gerade für Begeisterung. Selbst wenn es auf der Tribüne einen Funken gäbe, er könnte gar nicht überspringen. Schlüter sagt: »Mallorca gewinnt andauernd zu Hause, weil die Gegner einschlafen.« Die Fans sind zwar gut organisiert – es existieren 59 Fanklubs mit insgesamt 5000 Mitgliedern – aber die Luft brennt nicht. Der Zuschauerschnitt ist zuletzt von 14 000 auf 12 000 gefallen, eine Folge der Finanzkrise. Es stellte sich irgendwann die Frage, wie man weitere Zuschauer anlocken könnte. 70 000 Deutsche leben mehr oder minder regelmäßig auf Mallorca, ganz zu schweigen von den Touristen. Ein unausgeschöpftes Potential. Das hat neuerdings auch die Klubführung erkannt: Präsident Tomeu Vidal begrüßte die neue Gemeinde eigenhändig. Der Fanklub sei ein Beweis für eine erfolgreiche Integration der Deutschen auf Mallorca: »Fühlt euch bei uns zu Hause!«

Schlüter hat die Chronik im Gedächtnis

Das einzige Problem: Noch kennt man sich selbst nicht so richtig im deutschen Fanklub. Beim Treffen im Grand Café tasten sich die beiden Exilanten vorsichtig ab, wie das sonst zwei Mannschaften in den ersten Minuten eines Endspiels tun. Neulich gab es eine gemeinsame Stadionführung, mit dem Präsidenten. »Hast du die Fotos auf der Homepage gesehen?«, fragt Heinecke sein Gegenüber. Sollte RCD irgendwann eine Chronik planen, Schlüter könnte sie aus dem Gedächtnis aufschreiben. Er weiß sogar, dass David Aouate, der Stammtorwart, in Nazareth geboren wurde. Ein Torwart, der aus Nazareth stammt und der auch noch so aussieht, dass er in jedem Jesus-Schinken mitspielen könnte. Was soll da noch schiefgehen?

In Wirklichkeit ist einiges schiefgegangen in den letzten Jahren. Und immer wieder landet man beim »Plumber«. Kaum jemand kennt seinen richtigen Namen, aber sobald der englische Begriff für Klempner fällt, weiß jeder Bescheid. »Paul Davidson kauft Real Mallorca«, verkündete im Sommer 2008 die englische Tageszeitung »Daily Telegraph«. Der Pipeline-Unternehmer erklärte freimütig, nichts von Fußball zu verstehen und verlieh dieser Erklärung sogleich Glaubwürdigkeit, indem er den Gewinn der Champions League versprach. Für einige Wochen war er der Heilsbringer, die Kaufsumme wurde auf über 50 Millionen Euro beziffert. Was von Davidson blieb, waren Geschichten über legendäre Weinproben, und sein Spitzname. »Blender« hätte deutlich besser gepasst. Ein Käufer wird auch im Sommer wieder gesucht werden, aber wer investiert in einen Klub, der 50 Millionen Euro Schulden hat?


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