Spaniens Nationaltrainer Aragones

Der Opa mit der Trillerpfeife

Die Erfolglosigkeit der spanischen Nationalmannschaft bei den großen Turnieren ist legendär. Aber vielleicht könnte diesmal alles ganz anders laufen. Und zwar trotz oder möglicherweise gerade wegen ihres höchst umstrittenen Trainers Spaniens Nationaltrainer AragonesImago
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Das Gute an Luis Aragonés ist, dass man sich überall in Spanien auf ihn einigen kann. In jedem Ort zwischen San Sebastian und Cádiz gibt es Typen wie ihn: alte Männer im Trainingsanzug, die unter Bluthochdruck und chronisch schlechter Laune leiden und jeden daran teilhaben lassen. Normalerweise findet man sie in Bars, vor sich einen carajillo, einen Kaffee mit Schuss, und die Sportzeitung »Marca«.

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Nun steht Luis Aragonés bekanntermaßen nicht am Tresen, sondern als Trainer der spanischen Nationalmannschaft in der Weltöffentlichkeit. Und das macht den Mann, der den Turnierfluch der Spanier besiegen und den ersten internationalen Titel seit 1964 holen soll, zum Problem. Wie reagiert man auf einen, der sich von einem harmlosen Blumenstrauß in seiner Männlichkeit beleidigt fühlt? »In meinen Hintern passt noch nicht einmal der Fühler einer Gamba«, erklärte der Coach 2006 in Dortmund und donnerte den Willkommensgruß des WM-Empfangskomitees in die Tonne.

»Typisch Luis«


Gentlemenlikes Auftreten hatte schon damals niemand von ihm erwartet, schließlich hatte Herr Aragonés bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2004 für einen Eklat gesorgt. Eine Kamera zeichnete seinerzeit auf, wie er den Stürmer José Antonio Reyes auf dessen neuen Teamkollegen Thierry Henry vorbereitete: »Sagen Sie diesem Scheißschwarzen, ›ich bin besser als Sie!‹.« Dass der spanische Fußballverband die Sache mit »typisch Luis« abtun wollte, machte sie nicht besser. Die Wellen der Empörung schlugen hoch, und Luis Aragonés kämpft seitdem mit dem Stigma des Rassisten.

Dabei ist er das nun wirklich nicht – nicht nur, weil er einmal Samuel Eto’o couragiert am Flughafen gegen rechte Pöbler verteidigt hat. Ihm fehlt allerdings jegliches Feingefühl. Ein halbes Dutzend Erstligisten hat er gecoacht, 34 Jahre lang, exakt die Hälfte seines Lebens – der Dickschädel ist der gleiche geblieben. Versucht sich der Grantler aus der zentralkastilischen Provinz dann doch einmal im massenmedienkompatiblen Verhalten, geht das garantiert schief. Weil er den Rekordtorschützen Raúl nicht für die Nationalelf nominiert, steht Aragonés in Spanien seit Monaten unter Beschuss. Sein Image litt darunter so sehr, dass er sich Mitte April zu einem ungewöhnlichen Schritt entschloss. Als erster Nichtpolitiker trat er in der Sendung »Tengo una pregunta para usted« auf, einer Art TV-Fragestunde, in der Durchschnittsbürger den Mächtigen auf den Zahn fühlen. Der Teamchef erschien im sorgsam gebügelten grauen Anzug, verkündete feierlich, sein wahres, freundliches Gesicht zu zeigen – und fiel prompt in den gewohnten Sprachduktus zurück: dadaistische Bandwurmsätze, die unbestimmt in einem hingebrummelten »y tal« – »und so« – enden, fehlende Argumente werden durch Lautstärke oder Wiederholungen wettgemacht. »Beim Spiel gegen Dänemark hingst auch du gebannt vorm Fernseher, das weiß ich genau!«, fuhr er einen Kritiker an; da konnte der noch so sehr beteuern, die Partie gar nicht gesehen zu haben.

Vielleicht ist der polternde Ton die Konsequenz aus seiner Biografie: Luis Aragonés hat sich einmal quer durch die spanische Liga gedient, und Heimatlosigkeit kann ruppig machen. Seine Odyssee begann 1958. Kaum hatte Real Madrid den Mittelfeldspieler von Getafe für sich entdeckt, schickte der Klub ihn auf Wanderschaft. Im weißen Ballett von Alfredo di Stefano war kein Platz für einen, den sie wegen seiner komischen Sprints »zapatones« (»Großschuh«) nannten. Luis ackerte als Leihspieler bei Recreativo, Hércules, Plus Ultra, wechselte dann nach einem Zwischenspiel bei Real Betis Balompié zu Atlético Madrid.

Mit dem zweiten Hauptstadtklub erlebte er seine großen Triumphe, auch als Trainer war er nirgends erfolgreicher, inklusive dreier Königspokale und einem Wiederaufstieg. Der Knochenarbeiter Luis passte gut zu einem Klub, den Expräsident Vicente Calderón wegen seiner wechselvollen Geschichte auf den Namen »El Pupas«, »das Aua«, taufte. Beim glamouröseren FC Barcelona war Aragonés der Erwartungsdruck zu groß, auf der Flucht vor der Presse schloss er sich einmal in der Umkleidekabine ein. Bei den Spielern stand er trotzdem hoch im Kurs und bekam, weil er sie bei ihren Forderungen gegen den Klubvorstand unterstützt hatte, 1988 zum Abschied ein Foto mit der Widmung »Für den Mann des Wortes« geschenkt.

Luis Aragonés taugt als Vaterersatz, gerade im Rentenalter. »Luis beschützt und verteidigt uns«, sagt David Villa vom FC Valencia. Mannschaftskapitän Xavi Hernández schwärmt: »Er ist der personifizierte Fußball und steht 24 Stunden unter Strom.« Viel ist geschrieben worden über Xavi, Cesc Fàbregas und Andrés Iniesta, das technisch versierte Mittelfeld katalanischer Schule, das die »Rote Furie« auf einmal schön statt kraftvoll spielen lässt; einiges wurde gesagt über die englische Fraktion um Fernando Torres und Xabi Alonso, die aus der Nationalelf die erste mit Auslandserfahrung machen. Aber sollte Spanien tatsächlich über das Viertelfinale hinauskommen, ist der Grund wahrscheinlich der: Die Jungs mögen den Opa mit der komischen Trillerpfeife. Weil sie ihn aus den Bars ihrer Heimatdörfer kennen.


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