Spaniens Nationalmannschaft in Vorarlberg

Österreich hat die beste Elf der Welt – zu Gast

»Österreich hat die beste Elf der Welt – für eine Woche zu Gast« – In einem kleinen österreichischen Ferienort bereitet sich die spanischen Nationalmannschaft auf die EM vor. Wir waren zu Besuch.

Daniela Vonbun sitzt auf einem Ledersofa im »Haus des Gastes« von Schruns und ringt nach Worten. »So etwas«, gibt die PR-Frau vom örtlichen Tourismusverband zu, »habe ich noch nicht erlebt.« Sie ist gerade Zeugin des ersten Platzsturms in der Fußballgeschichte des Montafons geworden. Es war, wie schon in Düsseldorf, kein wütender Mob, sondern diesmal eine immer größer werdende Kinderschar, die – mit Edding-Stiften bewaffnet – auf das Spielfeld rannte und die Herren Casillas, Xabi Alonso und Torres am Gang zu den Kabinen hinderte. »Die Väter haben die Kinder förmlich auf den Platz geschubst«, echauffiert sich die Vorarlbergerin.

Die Vertreter des spanischen Fußballverbandes seien, so Daniela Vonbun, ob des Zwischenfalls am Ende der vorletzten von fünf öffentlichen Trainingseinheiten »not amused« gewesen. Aber dann hat sich die ganze Aufregung doch recht schnell gelegt. Zum Abendtraining der Selección wurden ein paar Ordner mehr an den Spielfeldrand beordert und die 2000 kleinen und großen Kiebitze, mehr durften nicht ins Stadion, verhielten sich diesmal diszipliniert.

Vor der WM hatte del Bosque versprochen wiederzukommen – mit dem Titel

Schon vor dem WM 2010 hatte Vicente del Bosque mit seinem Team Quartier im Vorarlberger Tourismusort bezogen und einen Fußball-Hype in der Wander- und Mountainbike-Region ausgelöst. Del Bosque hatte versprochen, man komme wieder, sollte sein Team in Südafrika den Titel gewinnen. Und der ehrwürdige »Señor« aus Salamanca hielt Wort, obwohl Daniela Vonbun zwischenzeitlich ihre Zweifel hatte.

Nun liegen anstrengende Tage hinter Daniela Vonbun und ihrem Team. Gleich mehrmals waren die öffentlichen Trainingseinheiten mit jeweils 2000 Besuchern ausverkauft. Wobei der Ausdruck »ausverkauft« die Sache nicht ganz richtig trifft. Anfangs kosteten die Tickets an der Abendkasse tatsächlich fünf Euro für Jugendliche und zehn für Erwachsene, weil die Agentur, die das Trainingscamp organisiert und vermarktet, das so beschlossen hatte. Als man sich im Lager des spanischen Fußballverbandes aber fragte, warum überraschend wenige Zuschauer das Trainings-Tiqui-taca sehen wollten und feststellte, dass der Zugang nur gegen Bares erlaubt wurde, schritt man ein. Freier Eintritt, lautete die Forderung der Spanier, der auch entsprochen wurde. Und prompt strömten Einheimische, Feriengäste und Tagesausflügler ins Stadion des FC Schruns.

Miguel Gonzalez hätte auch Eintritt bezahlt. Der 43-Jährige ist um 7 Uhr in der Früh mit Frau und Kindern vom 180 Kilometer entfernten Tuttlingen aus in die österreichischen Berge aufgebrochen. Alle Mitglieder des Gonzalez-Clans tragen rote Trikots, auch Manuel, der Freund von Tochter Caroline, der aber keine spanischen Wurzeln hat und doch ein Fan der Selección ist – es sei  denn, es kommt zum Duell mit der deutschen Mannschaft. Während die Spieler unter dem Beifall der Zuschauer auf den Platz traben, schwärmt Miguel von Trainer del Bosque, dieser Großvaterfigur, die es geschafft hat, »die Barca- und Real-Spieler endlich zu vereinen«.

In Schruns sind allerdings jene integrativen Kräfte noch gar nicht gefragt. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass mit Carles Puyol und David Villa zwei der wichtigsten Eckpfeiler des amtierenden Welt- und Europameisters verletzungsbedingt bei der EM fehlen werden, war das spanische Pokalfinale auf den 25. Mai angesetzt worden, zwölf Tage nach dem letzten Spieltag der Primera Division und 14 Tage vor dem Start der EURO 2012. Die sieben Barca- und zwei Bilbao-Spieler in del Bosques Kader, die am vergangenen Freitag noch beim Copa del Rey gegeneinander antraten, stoßen erst heute, neun Tag vor der ersten EM-Partie gegen Italien, zur spanischen Mannschaft. 

Es wäre das gute Recht eines jeden Nationaltrainers, seinen Unmut über eine derart unglückliche Terminplanung auszudrücken. Doch del Bosque, der Diplomat, schwieg in Schruns zu diesem Thema, meinte nur, das habe die Chance eröffnet, junge Spieler zu testen und Variationen zu üben. »Es war eine ungewöhnliche Woche, aber auch eine gute Woche. Die Mannschaft hat hervorragend gearbeitet, ich sehe Freude und Hunger.« Kapitän, Iker Casillas, fand dagegen deutliche Worte: »Werden wir bei der EM den Erwartungen nicht gerecht, wird man Gründen suchen. Und dann wird man auch über dieses Pokalfinale reden müssen.«

Man darf davon ausgehen, dass Vicente del Bosque – ungeachtet aller Schwierigkeiten – bei der EURO 2012 wieder eine Elf präsentieren wird, die vor Spielwitz sprüht und die Gegenspieler in die Rolle der staunenden Zuschauer des spanischen Kurzpassspiels zwingt – egal wer neben den Taktgebern Xavi, Iniestia und Xabi Alonso wirbelt. Die Siege in den Vorbereitungsspielen gegen Serbien (2:0) und Südkorea (4:1) lassen wenig Zweifel daran. Del Bosque kann aus einem Riesenreservoir bestens ausgebildeter Fußballer schöpfen. Und was mindestens genauso wichtig ist, der 61-Jährige schafft es, aus überdurchschnittlich begabten Einzelkönnern ein Kollektiv zu formen.

Ein solches Kunststück war Vicente del Bosque, der die spanische Nationalmannschaft nach dem gewonnen EM-Finale 2008 vom knorrigen Luis Aragonés übernommen hatte, schon als Klubtrainer bei Real Madrid gelungen. Es war die Ära der »Galaktischen« um Zidane, Figo, Ronaldo, Roberto Carlos und Raúl. mittendrin der so bescheidene und ruhige Mann mit der Knollennase und dem altmodischen Schnauzbart, der es verstand, dieses Starensemble zu führen, ohne das es Streitereien und Konflikte gab. Real gewann unter del Bosque zwei nationalen Meistertitel und zweimal die Champions League. Dennoch musste der Erfolgstrainer 2003 gehen, weil es ihm in den Augen des Klubpräsidenten Florentino Pérez an Ausstrahlung fehlte.

»Die Deutschen haben Größe und Anstand gezeigt«

Del Bosque ist del Bosque. Manchmal wirkt er wie ein Fremdkörper in dieser so schicken und so aufgeregten modernen Fußballwelt, eine Art Gegenentwurf zum Selbstdarsteller José Mourinho. Del Bosque spricht gerne über Moral und Fairness. »Ich bin nicht der Typ, der an der Seitenlinie steht und wegen eines falschen Einwurfs ausrastet«, sagt der frühere Real-Mittelfeldspieler über sich selbst. »Ich finde, dass ein Trainer ein Vorbild sein sollte, ein aufrechter Typ, der Prinzipien hat.« Imponiert hat ihm, wie sich die deutschen Spieler und der Trainerstab nach der Halbfinal-Niederlage gegen sein Team bei der WM 2010 verhielt. »Sie haben Größe und Anstand gezeigt. Das ist ein Wesenszug, den ich sehr schätze.« Aber nicht nur deshalb lobt del Bosque vor dem EM-Beginn die Mannschaft von Jogi Löw. »Die Deutschen haben kräftig zugelegt. Ihre Art zu spielen ist direkter, offensiver geworden, sie wollen den Ball. Sie ähneln uns mehr als noch vor ein paar Jahren.«

Dass aber jetzt schon von einem deutsch-spanischen Finale gesprochen wird, hält del Bosque den anderen teilnehmenden Teams gegenüber für ungerecht. Bescheiden, wie er nun einmal ist, sieht er seine Mannschaft nicht einmal in der Favoritenrolle. »Nein, Spanien ist nicht Favorit. Deutschland, Niederlande, England, Portugal, Italien und Frankreich sind auch zu nennen. Wir stehen alle auf einem Niveau.«

Fernando Torres, der EM-Finaltorschütze von 2008, der um seinen Platz im spanischen EM-Kader 2012 so lange hat bangen müssen und nun umso glücklicher über seine Nominierung ist, rechnet gleichwohl mit Gegnern in Polen und der Ukraine, die sich angesichts der spielerischen Überlegenheit Spaniens am eigenen Strafraum verschanzen werden – so wie das Chelsea, sein Klub, gegen Barcelona und den FC Bayern praktiziert hat. Der Blondschopf sitzt heute bei der Pressekonferenz alleine auf dem Podium, weil ein unangemeldeter Besuch der Dopingkontrolleure im »Löwen Hotel«, dem Teamquartier, den Tagesablauf durcheinander gewirbelt hat. Torres spricht über seine schwierige Saison bei Chelsea und betont, dass er sich in einer »phänomenalen« Verfassung fühlt und bei del Bosque für das ihm geschenkte Vertrauen mit vollem Einsatz bedanken möchte. Vielleicht wird es tatsächlich die Europameisterschaft jenes Fernando Torres, der wegen einer Knieverletzung vor der WM 2010 in Südafrika nie wirklich ins Turnier fand, diesmal aber gesund, keinesfalls überspielt, sondern richtig hungrig ist. Und gut möglich, dass die Spanier 2014 vor der WM in Brasilien wieder nach Schruns kommen und dort eine Fußballhysterie auslösen. Auf einem Werbebanner am Ortseingang steht: »Österreich hat die beste Elf der Welt – eine Woche zu Gast.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!