Spaniens Andres Iniesta

Der Sinnstifter

Ronaldo? Rooney? Messi? Der wichtigste Spieler der Weltmeisterschaft könnte ein ganz anderer werden: Andres Iniesta, ein schmaler blasser Junge, der so schön Fußball spielen kann, dass es einem den Atem verschlägt. Spaniens Andres Iniesta
Heft#103 06/2010
Heft: #
103
Seit dem EM-Halbfinale gegen Russland kennt die Welt eine neue spanische Vokabel: el Xaviniesta – Synonym für eine ebenso virtuose wie zielgerichtete Aktion, in Szene gesetzt von einem außergewöhnlichen Mittelfeldkonglomerat, das sowohl bei der Selección als auch beim FC Barcelona für eine rasante Ballzirkulation sorgt. Es war Andrés Iniesta, der im Ernst-Happel-Stadion seinem Teamkollegen Xavi Hernández den Ball zum Führungstreffer zuschob. Das Spiel endete 3:0, Spanien zog ins Finale ein und schrieb Geschichte.

[ad]

Natürlich lässt sich ein Xaviniesta auch in seine Einzelteile zerlegen: Xavi organisiert, Iniesta stiftet Sinn. Der schmächtige Junge mit der auffallend blassen Haut, geboren 1984 im 2000-Seelen-Dorf Fuentealbilla, liest Räume wie kein zweiter. Er erkennt Leerstellen, wo andere nur Chaos sehen, Anspielstationen, wo andere höchstens einen zerstreuten Schiedsrichter vermuten – und verleiht so dem tikitaka, dem Kurzpassspiel, seine Effizienz. Dazu ist er technisch brillant: Er passt zentimetergenau quer übers Spielfeld, schlägt Haken, die die gewieftesten Verteidiger zur Verzweiflung bringen, und wenn das alles nicht reicht, vollbringt er eben ein Wunder. Wie beim Champions-League-Halbfinale 2009 gegen Chelsea, als er in der Nachspielzeit einen Pass von Messi zum 1:1 verwandelte und Barcelona ins Finale schoss. »Der Gott des Fußballs kam zu uns«, jubelte daraufhin ein ekstatischer Fernsehreporter. Iniesta selbst realisierte erst im Nachhinein, was er da vollbracht hatte, als er sich mit seinem Vater eine Videoaufzeichnung ansah. »Papa, auf dem Platz wirkte das gar nicht so beeindruckend«, sagte er angeblich nur.

Statt Allüren hat er ein Arbeitsethos

Typisch Iniesta. Das ganze Drumherum des Fußballs erreicht ihn nur wie durch Watte. Das Spiel mit den Emotionen, die großen Showmomente sind seine Sache nicht. Bei Interviews zieht er die Schultern hoch, als wolle er sich verstecken. Fotografieren lässt er sich nur, weil die Fans das so wollen. Statt Allüren hat er ein Arbeitsethos. Nie kam er auf die Idee, sich über zu wenig Spielanteile zu beschweren, auch nicht, als er damals unter Rijkaard als polyvalenter Feuerwehrmann erst kurz vor dem Untergang eingewechselt wurde. Trainer lieben solche Spieler. Selbst gegen die Rolle, die ihm vom eigenen Elternhaus zugedacht wird, rebelliert Iniesta nicht: Auf seiner Homepage wirbt er als Lebemann für das heimatliche Weingut in der Mancha, die grandioseste Fehlbesetzung, seit John Wayne 1955 Dschingis Khan mimte.

Einen Wutausbrauch hat er sich nur ein einziges Mal erlaubt. Beim Duell gegen Real Madrid raunte (ausgerechnet!) Cristiano Ronaldo dem Schiedsrichter zu, Iniesta lasse sich ein wenig zu offensichtlich fallen. Andrés platzte der Kragen, er baute sich vor dem teuersten Fußballspieler aller Zeiten auf, tippte dreimal leicht auf dessen weißes Trikot und legte dann den Zeigefinger auf die Lippen – ein geradezu cholerischer Anfall für Iniestas Verhältnisse.


TV-Satiriker verspotten den Mann mit dem wohltemperierten Gemüt als langweiligen Lethargiker. Dabei ist er einfach nur sehr überlegt. Kein Wunder: Wer immer mit Jungs kickt, die einen Kopf größer sind, lernt, dass man im Zweifel mit Köpfchen weiterkommt als mit Kraft – und den Ball lieber schnell weiterspielt, als es auf einen Zusammenprall ankommen zu lassen. Andrés‘ Fußballkumpel waren im Schnitt stets zwei, drei Jahre älter als er, auf dem Bolzplatz in Fuentealbilla ebenso wie in der Jugendabteilung von Albacete Balompié. Drei Jahre lang fuhren die Eltern, der Onkel oder Opa den Knirps täglich zum Training, fünfzig Kilometer hin, fünfzig Kilometer zurück. Zum Mittagessen gab es ein belegtes Brötchen, andernfalls hätte er es nicht zum Nachmittagsunterricht geschafft.

»Iniesta, der schickt uns beide in Rente.«

Das Ackern lohnte sich: 1996 holte Barcelonas Scout Albert Benaiges ihn ins Fußballinternat »La Masia«. Und Andrés heulte sich die Seele aus dem Leib, weil er seine Eltern so schrecklich vermisste. Doch der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Kleine wendige Mittelfeldstrategen wie er sind der Schlüssel zu Barcas Spielphilosophie, die Luis Aragonés so erfolgreich für die Nationalmannschaft adaptierte. Der legendärste von allen hing über Andrés Etagenbett: »Pep« Guardiola. Eben jener, der wenig später zu Xavi sagen würde: »Du beerbst eines Tages mich – doch Iniesta, der schickt uns beide in Rente.«

Was die Selección an Iniesta hat, erkennt man manchmal erst, wenn er nicht dabei ist. Beim Konföderationenpokal musste Vicente del Bosque auf ihn verzichten, prompt wurde das Spiel der Europameister schwerfälliger, stockender. Der Taktgeber fehlte. »Er ist eben der Schlüssel, der kompletteste Spieler, den wir haben«, bekundete del Bosque betrübt. Iniestas jüngste Oberschenkelmalaisen dürften den Nationalcoach deshalb einigen Schlaf gekostet haben: ohne Iniesta kein Xaviniesta. Ohne Xaviniesta keine Titelchancen. Doch natürlich wird Andrés die Zähne zusammenbeißen und in Südafrika zu Hochform auflaufen. Und sich hinterher darüber wundern, wie beeindruckend das wieder im Fernsehen aussah.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!