Spanien steht vor dem Titel-Hattrick

Getrieben von der Geschichte

Als erste Fußballnation könnte Spanien heute das dritte große Turnier in Serie gewinnen. Diese Chance ist wohl das Einzige, was die Spieler noch motiviert

Lange bevor Spaniens Fußballer zur Weltspitze gehörten, wurden sie in der Heimat mit Spott bedacht, wenn sie zu einem großen Turnier aufbrachen. Noch ehe die Postkarten der Fans Spanien erreichen, sind die Fußballer schon wieder zu Hause, hieß es. Die Erwartungshaltung war niedrig, das Interesse an der Nationalmannschaft auch. Erfolge gab es fast keine. Wie auch? Die Spieler der großen Klubs Real Madrid und FC Barcelona zerfetzten sich oft gegenseitig. Eine Mannschaft, so gespalten wie die Nation, das war die Selección.

Den Witz mit den Postkarten macht heute niemand mehr. Er gehört der Vergangenheit an, seine Daseinsberechtigung wurde ihm entzogen. Seit vier Jahren eilt Spanien von Sieg zu Sieg. Nur ein Pflichtspiel ging in dieser Zeit verloren, bei der WM in Südafrika gegen die Schweiz, 0:1. Weltmeister wurden sie trotzdem. Zwei Jahre zuvor hatten sie schon bei der Europameisterschaft triumphiert. Es war der erste Titel nach 44 Jahren Erfolglosigkeit.

Der dritte Titel ist der einzige Antrieb

Nun steht die Mannschaft wieder im Finale. Gegen Italien könnte Spanien Geschichte schreiben. Noch nie ist es einem Team gelungen, den Titel bei einer EM zu verteidigen. Wichtiger aber ist: Spanien wäre die erste Mannschaft, die bei drei Turnieren in Folge siegt. Europameister. Weltmeister. Europameister. Das ist unerreicht. Bisher. Deutschland war einmal dicht dran, im Finale der EM 1976 versagten Uli Hoeneß im Elfmeterschießen aber die Nerven. Die Tschechoslowakei gewann.

»Wir wollen das Finale gewinnen und Geschichte schreiben«, sagte Sergio Ramos nach dem Halbfinale gegen Portugal. Er hatte wenige Minuten zuvor mit einem lässig in die Mitte gelupften Elfmeter zum Finaleinzug beigetragen. Mehr als zwei Stunden Abnutzungskampf lagen hinter Ramos, aber als er von der Chance auf den dritten Titel in Serie sprach, schaute er so entschlossen, als würde er am liebsten gleich wieder zurück aufs Feld laufen und losspielen.

Die historische Möglichkeit, sie ist vielleicht das Einzige, was Spaniens Spieler noch antreibt. Die Seriensieger wirken müde, ausgelaugt von einer langen Saison und vielen Erfolgen. Ihr Spiel schien zuletzt nicht mehr so zielstrebig wie in den Jahren zuvor. Nicht nur, weil dieses Mal mit David Villa der erfolgreichste Torjäger fehlt. Villa und Carles Puyol werden heute als Ehrengäste auf der Tribüne in Kiew sitzen. Verletzungen haben beiden die Teilnahme an der EM gekostet. Villa und Puyol kommen, um die anzufeuern, mit denen sie erfolgreich waren. Im aktuellen spanischen EM-Aufgebot stehen 19 Spieler, die 2010 in Südafrika Weltmeister wurden. Von den Europameistern 2008 sind noch zwölf dabei. Das Team hat sich in den vergangenen Jahren nur punktuell verändert, das Gerüst um Iker Casillas, Sergio Ramos, Andres Iniesta, Xavi, Xabi Alonso, Cesc Fabregas und David Silva blieb gleich. Sie sind die Gesichter einer Mannschaft, die schon jetzt zu den erfolgreichsten aller Zeiten gehört. Ganz egal, wie das Finale heute ausgeht.

Nie dagewesene Sympathie durch die Erfolge

Trainer Vicente del Bosque hat das System von seinem Vorgänger Luis Aragones nur in Nuancen verändert, die Ideologie der kurzen, schnellen Pässe mit viel Ballbesitz führte er fort. Das ist das System des FC Barcelona, aber auch die Spieler von Real Madrid können sich damit identifizieren. Die Mannschaft ist nicht so zerstritten, wie vor dem Turnier angenommen wurde. Man kommt miteinander aus – des Erfolges wegen. Die Titel haben in der Bevölkerung eine nie da gewesene Begeisterung für das Nationalteam geschaffen. Die Übertragung des Halbfinals gegen Portugal war die meistgesehene Sendung in der spanischen Fernsehgeschichte, das Elfmeterschießen hatte eine Einschaltquote von 83,3 Prozent. Vorher hatte es viel Kritik gegeben für die dürftigen Auftritte. Früher wurde die Auswahl emotionslos begleitet.

Es gibt Länder, die mehr Titel gewonnen haben als Spanien. Deutschland etwa, Brasilien, Italien. Keiner Nation aber ist es gelungen, so lange mit der gleichen Mannschaft zu dominieren. Vier Jahre sind im Fußball eine lange Zeit. Systeme verändern sich, Spielideen und Taktiken auch. Die letzte Mannschaft, die eine Ära prägen konnte, war Frankreich zur Jahrtausendwende. 1998 Weltmeister, zwei Jahre später Europameister. Bei der WM 2002 aber schieden die Franzosen schon in der Vorrunde aus, ohne ein Tor geschossen zu haben. Fabien Barthez, Marcel Desailly, Zinedine Zidane, sie alle waren in die Jahre gekommen.

Viele Spanier haben ihren Zenit noch nicht erreicht, nur bei Xavi und Iker Casillas, beide 32, neigt sich die Karriere dem Ende entgegen. Das Endspiel gegen Italien könnte ihre letzte Chance auf einen weiteren Titel mit der Nationalmannschaft sein. Bei der WM 2002 standen die Freunde Xavi und Casillas das erste Mal gemeinsam in Spaniens A-Kader. Den Witz mit den Postkarten kennen sie noch. Zehn Jahre ist das erst her. Und doch mutet er an wie ein Relikt aus einer lange vergangenen Zeit.

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